Cyberpunk 2077 – Angespielt

Cyberpunk 2077 – Angespielt

Wenn man von gehypten Spielen der letzten Jahre spricht, kommt man um Cyberpunk 2077 nicht herum. Das ist natürlich einerseits der Qualität geschuldet, die die Macher schon bei der Witcher-Serie unter Beweis gestellt haben, aber wohl auch dem geschickten Marketing von CD Projekt Red, die immer nur genau so viel Neues preisgeben, wie gerade notwendig – so zum Beispiel diese E3, als man kaum neue Inhalte präsentierte, aber mit der Ankündigung von Keanu Reeves als Charakter samt seiner ikonischen Show die Vorfreude in neue Höhen trieb. Auf der diesjährigen Gamescom gab es nun auch endlich weiteres Gameplay für uns zu sehen – konnte es überzeugen?

Hinter verschlossenen Türen ging es zunächst in eine im besten Cyberpunk 2077 Stil designte Bar, in der wir uns schon mal auf die Show im Anschluss einstellen durften: Neonleuchten, die Wände voller Poster der Spielwelt, sogar ein eigener Kühlschrank voll mit „Ingame“-Getränken. Stimmung pur! Aber so viel nur zum Rundherum. Rund 20 Minuten nach Ankunft in der coolsten Booth im Business Center der Gamescom werden wir schließlich in den angrenzenden Kinoraum gebeten, wo es dann richtig losgeht.

Gezeigt wurden knapp 45 Minuten reines Live-Gameplay mit einigen Dialogszenen und Ingame-Cutscenes und vollgepackt mit Informationen darüber, wie das Spiel in seiner Spielmechanik agieren wird und welche Möglichkeiten wir haben werden. Aber gehen wir doch mal ins Detail: Die Präsentation begann mit der Vorstellung von V, unserem Charakter, den wir auf seinem (oder wahlweise ihrem!) Abenteuer durch Night City steuern dürfen. In bester Rollenspielmanier könnt ihr hier nicht nur den sozialen Hintergrund sowie das Aussehen von V bestimmen und ihm neue Klamotten bzw. Körper-Modifikationen verpassen, sondern auch seine Attribute festlegen. Zur Auswahl stehen dabei Werte wie Stärke, Konstitution oder Tech-Wissen. Je nachdem, welche Art von Klasse ihr spielen wollt, solltet ihr die Werte entsprechend anpassen – ein Hacker- bzw. Netrunner-Charakter benötigt beispielsweise weit höheres Tech-Wissen, während ein Haudrauf-Kämpfer eher seine Stärke und Konstitution anheben muss.

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Nach dem kurzen Einblick in die Character Creation startet die Demo mitten im Spielgeschehen: Unser Hacker-V wundert sich gerade frisch über einen ihm nicht ganz freiwillig implantierten Chip und macht sich auf die Suche nach Antworten – begleitet und unterstützt von der nur in Vs Geist existierenden Gestalt Johnny Silverhand, verkörpert von Keanu Reeves. Was hierbei gleich positiv auffällt, ist, dass in der deutschen Version, die ich zusätzlich zur englischen Präsentation von Kollegin Kira sehen durfte, in der sich Keanu selbst synchronisiert, auch die bekannte Synchronstimme von Keanu Reeves, Benjamin Völz mit von der Partie ist. Dessen Abwesenheit wäre jetzt zwar kein enormer Dealbreaker, macht aber für die Stimmung ein besseres Bild und zeigt gleichzeitig die Ernsthaftigkeit, die CD Projekt Red in die Entwicklung steckt.

Johnny versorgt uns auch gleich mit den ersten Infos dahingehend, was auf unserer Suche zu tun ist und schickt und so zur lokalen Gang der Voodoo Boys, um dort nähere Informationen von deren Anführerin zu bekommen. Leichter gesagt als getan – immerhin leben die Voodoo Boys isoliert in ihrem eigenen Stadtteil von Night City. Warum auch immer gelingt es uns dennoch, ein Treffen mit ihnen zu vereinbaren, also auf geht es in den südlichsten Bezirk der Cyberpunk-Metropole, nach Pacifica, das einst ein wahres Wohnparadies hätte werden sollen, heute jedoch nur mehr ein Schatten seiner selbst und ein Hotspot für Verbrechen ist, an dem Armut und Kriminalität an der Tagesordnung stehen. Um die Atmosphäre auf höchste Level zu hieven, besitzt Night City neben stimmigen Vierteln und jeder Menge NPCs auch einen schön umgesetzten Tag-Nacht-Zyklus, womit uns die Welt abwechselnd im strahlenden Sonnenlicht oder in neon-beleuchteten Nächten willkommen heißt.

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Angekommen in Pacifica, treffen wir zunächst einen der Grunts der Voodoo Boys, und hier kommt der Hintergrund unseres Charakters zum ersten Mal so richtig zu tragen: V kann zu Beginn des Spiels wahlweise zum freiheitsliebenden Outlaw, zum streetsmarten Straßenkind oder zum Sprössling der reichen Konzernbosse von Night City gemacht werden; unser V hatte hierbei Streetkid-Hintergrund sowie laut Attributen eine ganze Menge Hacker- bzw. Netrunner-Skills, die sich gleich zu Beginn des gezeigten Abenteuers als nützlich erwiesen: Die Voodoo Boys sprechen Kreolisch, eine abgewandelte Form von Französisch, und V hat keinen Schimmer, was diese sagen – zunächst. Eine Chip-Aktivierung später übersetzt dieser in Echtzeit, was gesagt wird, und wir fühlen uns schon weit involvierter in das Geplapper ringsum. Auch im ersten Gespräch zeigen sich dann die Auswirkungen unserer Character Creation: Je nach Hintergrund und Wissen unseres Vs, stehen in Dialogen andere bzw. mehr Antwortoptionen zur Verfügung, wodurch Gespräche vollkommen anderes ausgehen können. CDPR betont an dieser Stelle, dass es keine falschen Entscheidungen gibt – bloß unterschiedliche Pfade, und tatsächlich wird dies auch im späteren Verlauf der Demo noch klar.

Zunächst einmal schafft es unser Netrunner allerdings, sich durch sein Geschick im Umgang mit den Voodoo Boys für eine Audienz bei deren Anführerin zu empfehlen – zumindest, dann wenn er vorher eine Mission für die Gang erfüllt: Im Einkaufszentrum der Stadt hat sich eine rivalisierende Gruppe niedergelassen, die Animals, und ihr sollt das Gebäude nun zunächst infiltrieren und dann weitere Instruktionen abwarten. Gesagt, getan. Nach einer Motorradfahrt durch die Stadt – ihr könntet auch zu Fuß gehen oder andere Mittel nutzen – stehen wir erneut vor einer Entscheidung: Leise durch den Hintereingang schleichen oder mit Kabumm durch die Vordertür eindringen. Diesmal entscheiden wir uns für den Weg durch die Hintertür, Schleichpassage inklusive. In ganz Cyberpunk 2077 müsst ihr, sofern ihr das nicht wollt, keinen einzigen Charakter umbringen; alternativ habt ihr immer die Möglichkeit, euch durch Gebäude und sonstige Locations zu schleichen und hacken, und selbst Bossgegner müssen nur unschädlich gemacht, aber nicht getötet werden.

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Ein paar Minuten später stehen wir mitten in den Gängen des Einkaufszentrums und haben unser nächstes Ziel gefunden: Einen Geländewagen, von dem ein Signal ausgeht, das wir hacken sollen. Unglücklicherweise steht das Fahrzeug mitten im Plaza des Einkaufszentrums, umgeben von Animal-Wachen. Wo auch sonst. Um von der Hintertür zu diesem zu gelangen, stehen uns wiederum mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, die von eurem Charakter abhängen: Unser Netrunner kann sich so etwa in die Systeme des Gebäudes einhacken und Kameras lahmlegen, genauso aber auch die Chips seiner Gegner infiltrieren und sie somit beispielsweise dazu bringen, ihre eigenen Kumpels anzugreifen – praktisch. In der gezeigten Demo sehen wir zunächst genau diesen Weg und kämpfen uns so schleichend, leise im Stealth-Modus ausschaltend und natürlich hackend durch die Gänge des Einkaufszentrums. Während eines unserer Hacker-Angriffe stoßen wir dabei auf ein unliebsames Problem: Ein zweiter Netrunner kontrolliert die Systeme des Gebäudes und ist uns auf den Schlichen – das nächste Ziel steht also fest. In dieser Manier am Plaza angekommen, wechseln wir der Präsentation wegen allerdings noch zu einer weiteren V-Version, einer übermenschlich starken Solo-Kämpferin, und beginnen erneut direkt nach unserem Einbruch durch die Hintertür. Anstatt uns durch die Gegend zu hacken, brechen wir diesmal einfach die eine oder andere Tür auf und nehmen so eine Abkürzung direkt zum Plaza, bevor wir im Feuergefecht alle dort anwesenden Animals ausschalten. Der zweite Netrunner kümmert uns auf diese Weise nicht – schließlich bleiben wir den Systemen des Einkaufszentrums fern.

Was hier wundervoll gezeigt wurde, ist, wie vielseitig das Spielgeschehen von Cyberpunk 2077 zu werden verspricht: Je nach Vorlieben und Spielstil verändert sich euer Erlebnis, angepasst an euren Charakter. Die Immersion jubelt. Weitere Spoiler wollen wir an dieser Stelle vermeiden, aber so viel sei noch verraten: Auch in den noch folgenden rund 20 Minuten Spieldemo hatte unser Charakter noch so manche Entscheidung zu treffen, die nicht nur das Gameplay, sondern auch die Story in völlig unterschiedliche Richtungen katapultieren konnte: So können ausschlaggebende Charaktere überleben oder eben nicht, ihr könnt euch verschiedenen Fraktionen anschließen, schnurstracks in Fallen laufen oder durch Loyalität sogar eigentliche Feinde zu neuen Verbündeten machen.

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FAZIT:

So manches übermäßig gehypte Spiel kann dann im Endeffekt kaum an die Erwartungen heranreichen – geht man vom bisher Gezeigten aus, braucht man sich über so etwas bei Cyberpunk 2077 aber kaum zu fürchten. Sowohl die Gameplay-Möglichkeiten wie auch die Welt und nicht zuletzt die bislang gezeigten Story-Fetzen selbst versprechen Großes, und die Live Demo demonstrierte überdies wunderbar, wie vielseitig der Titel werden könnte und wie individuell jedes Spielerlebnis ausfallen könnte. Man kombiniere das alles mit der erstklassigen audiovisuellen Präsentation und es ist gut möglich, dass wir es hier dem Spiel des Jahres 2020 zu tun haben. Allzu lange ist der Release glücklicherweise ja nicht mehr hin – am 16. April 2020 ist es soweit – und Kira und ich können es jetzt schon kaum erwarten, selbst in die Welt von Night City einzutauchen und unser finales Urteil über den Titel abzugeben.

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