F1 2020 – Angespielt

F1 2020 – Angespielt

Es ist doch wirklich schön, wenn man sich in Zeiten wie diesen auf zumindest einige gewohnte Regelmäßigkeiten immer noch verlassen kann; vor allem in Sachen Motorsport. Während die echte FIA noch mit Fragen im Stile von „wie lange müssen Piloten vor und nach Rennen in Quarantäne“ ringt, hält Codemasters also unbeirrt an seinem alljährlichen Versoftungs-Rhythmus der heuer 70er feiernden Königsklasse fest und bringt im Sommer F1 2020 auf den Markt. Und nach ausgiebiger Hands-on-Zeit mit dem Titel stehen für mich erneut alle Zeichen darauf, dass auch F1 2020 die kontinuierliche Superlativen-Kurve weiter nach oben klettern kann, auf der die britischen Entwickler seit F1 2016 surfen. Also ja: Uns steht erneut das beste F1 aller Zeiten ins Haus.

Wie jedes Lizenzprodukt aus dem Sportbereich trumpft auch F1 2020 natürlich mit den üblichen Stärken auf, die eben jene Lizenz zwangsläufig mit sich bringt: Alle 20 Fahrer der aktuellen Saison sind ebenso enthalten wie die dazugehörigen 10 Teams und die 22 für dieses Jahr geplanten Strecken; egal ob denn am Ende auch tatsächlich auf allen gefahren wurde. Ergo dürft ihr euch im Juli auch auf wie gewohnt hoch-detailliert umgesetzten Digital-Versionen der Stadt-Strecke von Hanoi und dem ikonischen Kurs in Zandvoort in den Niederlanden austoben. So weit, so „na no na ned“. Nun hat Codemasters aber letztes Jahr den tollen Schachzug abgeliefert, auch die Formel 2 ins Spiel zu hieven. Ein Asset, das für die Saison 2020 ebenfalls wieder mit an Bord ist. Damals wie heute shipped das Spiel hier allerdings noch mit den Vorjahres-Daten. Die Saison 2020 wird per Gratis-Update nachgereicht. Heißt jedenfalls: weitere 20 Fahrer, weitere 10 Teams und der volle Rennkalender des ultimativen Sprungbretts in die Formel 1. Das war bereits in F1 2019 (hier der Test) vor allem deswegen super, weil man seine Rennfahrer-Karriere somit in der ob quasi identischer Autos besonders spannenden Formel 2 beginnen konnte, bevor man den Sprung zu den wirklich großen Jungs gewagt hat; und zwar im Karriere-Modus. Den gibt es auch diesmal wieder, allerdings dürfte er ein Schattendasein fristen …

Das elfte Team

Gleich in der ersten Ankündigung warb Codemasters mit der von Fans wie erwartet äußerst positiv aufgenommenen Headline „Sei das elfte Team in der Startaufstellung von F1 2020„! Im Rahmen dieses Previews verriet Game Director Lee Mather in einer Video-Präsentation (Danke COVID-19) dazu nun erste Details: In vier Punkten zusammengefasst geht es hier darum, euer eigenes Formel 1-Team zu gründen, zu managen und zum Sieg zu führen – sowohl als Fahrer, wie auch als Team-Chef. So beginnt also alles damit, dass ihr euch erst einmal einen Hauptsponsor suchen müsst. Ist mit dem das Budget abgesteckt, gilt es von einem der vier offiziellen Motoren-Lieferanten der F1 ein Aggregat für euren Flitzer zu kaufen und einen zweiten Fahrer zu engagieren, der neben euch in die Rennen starten wird. Hierfür wiederum wurde ein neues System eingeführt, dass den Fahrer/Transfer-Markt des Formel-Sports in eure Wohnzimmer bringt – freilich in etwas abgesofteter Form. Je nachdem wie viel Geld ihr also ausgeben könnt und wollt, könnt ihr Fahrern aus der F2 oder auch F1 Angebote machen. Wie auch ihr selbst in der Solo-Karriere aber auf den besten Deal aus sein werdet, kann man einen Lewis Hamilton mit Geld allein auch nicht locken. Wenn euer Auto also – und davon ist in der ersten Saison auszugehen – keine Aussicht darauf hat, ganz vorne im Feld mitzufahren, könnt ihr Lewis, Max und Charles soviel Geld anbieten wie ihr wollt: sie werden ablehnen. Okay: Sebastian könnte zusagen, wenn die Entwickler die aktuellen Entwicklungen berücksichtigen. Aber das ist ein anderes Thema …

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Team-Chef Karriere

Wie dem auch sei, dürft ihr sodann freilich auch das Design eures Teams entwerfen. Also ein Logo, die Teamfarben, die Beklebung des Wagens, die Designs der Overalls und so weiter. Wie viel Freiheit einem hier eingeräumt wird, ist aber leider noch unklar. Den My Team-Modus durfte ich selbst noch nicht spielen. Lee versprach aber, dass die Fans zufrieden sein werden. Außerdem verriet er, dass die bereits bekannten Passagen der Presse-Interviews für die Rolle als Team-Chef angepasst wurden – eure Antworten hier also, wie schon in der Karriere voriges Jahr, Auswirkungen auf die Motivation eurer einzelnen Abteilungen haben werden. Apropos „einzelne Abteilungen“: Als Team-Chef gilt es stets das Beste aus den beiden Ressourcen „Zeit“ und „Geld“ zu machen. Heißt: Ihr könnt mittels übersichtlicher Masken die Zeit zwischen den Rennen nach Belieben für Tätigkeiten wie „Merchandise-Verkauf“, „Marketing-Kampagne“, „Fahrer-Training“, „Presse-Tour mit den Piloten“ nutzen und gleichzeitig eurem Team gewisse Fokus-Areale auferlegen. Also zum Beispiel vorgeben, dass man sich allen voran um Chassis und Aerodynamik kümmern soll. Jede einzelne dieser Entscheidungen hat – wie alles im Leben – Vor- und Nachteile, die es abzuwägen gilt. Und ganz nebenbei dürft ihr natürlich auch nicht mehr Geld ausgeben als ihr einnehmt (letzteres passiert durch den Sponsor, aber eben auch Dinge wie Merchandise-Sales). Macht ihr dabei – und auf der Strecke – alles richtig, solltet ihr natürlich mit der Zeit immer mehr Kohle zur Verfügung haben. Damit eröffnen sich nicht nur neue Möglichkeiten was die Verpflichtung besserer Fahrer angeht, sondern auch was die Räumlichkeiten eures Teams betrifft. Auch die entwickeln sich nämlich. Während ihr also anfangs noch in einem eher kleinen Werk mit Einzeltischen und Flip-Charts zu werke geht (natürlich seid ihr aber von Anfang an ein ernst zu nehmendes F1-Team – nix also mit Hinterhofwerkstatt oder so), entwickelt sich eure Zentrale später zu einem Hightech-Palast mit reichlich Platz und entsprechend zahlreichem Personal. Lässig!

Auch der Karriere-Modus wurde verbessert: Über maximal 10 (!) Saisonen hinweg könnt ihr hier nun etwa nicht nur den bereits erwähnten Transfer-Markt nutzen, auch das Entwicklungs-System für die Autos wurde überarbeitet. Beispielsweise kam die neue „Rush“-Option hinzu, wenn eine Entwicklung besonders schnell umgesetzt werden soll. Freilich steigt dabei dann aber das Risiko, dass die Teile nicht halten oder die Entwicklung überhaupt fehlschlägt. Außerdem wurde – passend zu den Möglichkeiten in „My Team“ – die Motoren-Entwicklung um die Option eines Lieferantenwechsels erweitert. Auch Weiterentwicklungen des Motorenherstellers sollen euch angeboten werden. Bezieht ihr euren Motor also beispielsweise von Mercedes und die haben ihn weiterentwickelt bzw. verbessert, könnt auch ihr davon profitieren.

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Perfektes Stellschrauben-Gedrehe

Nicht alle Fans einer beliebten Sportart sind immer auch begnadete Videospieler. Immer mehr Zocker sind allerdings gleichzeitig dermaßen versiert, dass ihre Ansprüche an Anpassbarkeit und Realismus immer höher werden. Ein schwieriger Spagat für Entwickler. Immerhin will man weder die E-Sportler vergrämen, noch die breite Masse durch übertriebene Detail-Lösungen und zu hohen Schwierigkeitsgrad abschrecken. Soweit ich das aber beurteilen kann, scheint Codemaster mit F1 2020 tatsächlich beide Extreme noch ein Stückchen glücklicher machen zu können, als sie es mit F1 2019 bereits waren.

Für Anfänger etwa kam der neue „Casual Race Style“ hinzu. Zusätzlich zu den bisherigen Fahrhilfen werden dabei noch zusätzliche Entschärfungen vorgenommen, die gerade Einsteigern das Leben leichter machen sollen. So ist beispielsweise das Grip-Niveau neben der Strecke deutlich höher; die Gefahr sich im Gras wie ein Kreisel zu drehen oder im Kies stecken zu bleiben also geringer. Und fliegt man doch einmal ab, wird man automatisch auf die Strecke zurückgesetzt. Zudem stehen weniger Optionen zur Verfügung (weniger ist manchmal mehr) und es wurde ein neues „AI assisted Steering“-Modell eingefügt. In meinen Test-Runden fühlte sich eben jenes für mich freilich reichlich merkwürdig an – nimmt es einem doch etwas Kontrolle weg. Ob es für Anfänger allerdings seinen Zweck erfüllt, gedenke ich beizeiten durch eine Proberunde mit meinem Vater am Steuer herauszufinden. Der hatte das letzte Mal mit Videospielen zu tun, als er mir in meiner Kindheit einen Gameboy geschenkt hat … könnte lustig werden. Aber ich schweife ab …

Für die routinierteren Fahrer, die nach wie vor mittels breiter Phalanx aus Fahrhilfen, Assistenten und Schwierigkeitsgrad-Settings ihren perfekten Mix zusammenschustern können, wurde ebenfalls Neues hinzugefügt. So wartet nun ein vereinfachtes ERS-Management, basierend auf dem System, das auch im realen Leben genutzt wird: Wie auch die echten F1-Teams legt Codemasters für jede Strecke und jedes Auto eine ERS-Karte an, die automatisch den System-Modus vorgibt. Der Fahrer selbst kann nun mittels „overtake-button“ insofern eingreifen, als dass er bestimmt, wann besonders viel Energie zur Verfügung gestellt werden soll um sich hoffentlich den entscheidenden Vorteil für das eine oder andere Überholmanöver zu verschaffen. Darüber hinaus kann nun auf allen Plattformen das HUD jeweils für unterschiedliche Sessions individuell den eigenen Vorlieben angepasst werden und es wurde der oft nachgefragte, virtuelle Rückspiegel eingeführt. Und noch ein echter Fan-Favorit wurde hinzugefügt: Ein Splitscreen-Modus!

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Stillstand auf hohem Niveau

Nichts nennenswert Neues kann ich von der Technik-Front berichten. Grafik und Sound scheinen unangetastet geblieben zu sein (merke: F1 2020 wird nach aktuellem Stand nicht für die kommende Playstation 5 und Xbox Series X erscheinen), was aber alles andere als ein Beinbruch ist. Spätestens seit letztem Jahr, als das Beleuchtungsmodell überarbeitet und so manch entscheidende Feinheit verbessert wurde, verdient sich Codemasters‘ F1-Raserei allemal das Prädikat „sehens- und hörenswert“ … auch wenn die Kinnladen wohl keinen Grund zum runterfallen haben werden. Auch bedeutet das freilich ebenso, dass so manch Bereich nach wie vor Feintuning vertragen würde: Die Charakter-Modelle etwa. Sowohl die der Team-Mitglieder, als auch der lizenzierten Fahrer. Die sehen nämlich zwar mit erstem Gesicht und still stehend echt gut aus, sobald sie sich allerdings zu bewegen beginnen, geht die Reise direkt ins Uncanny Valley.

Auch beim Handling wären mir keine großen Sprünge aufgefallen – vom erwähnten Casual-Modus abgesehen, versteht sich. Ein endgültiges Urteil hierzu erlaube ich mir aber freilich erst nach dem Spielen der finalen Testversion im Sommer.

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FAZIT

F1 2020 scheint es wieder einmal zu schaffen: Da glaubte ich bei F1 2019 noch, es könne nicht viel besser werden, und dann setzt Codemasters wirklich noch einmal einen drauf. „My Team“ klingt zumindest am E-Papier schon jetzt nach einem Mordsspaß und die damit einhergehenden Erweiterungen für den Karriere-Modus werten auch diesen gehörig auf. Hinzu kommen die neuen und richtig fein zu fahrenden Strecken, die feinfühlig gesetzten Verbesserungen für Einsteiger und Cracks gleichermaßen und natürlich der von mir so geschätzte Split-Screen-Modus. Obgleich ein Technik-Sprung ausbleibt, dürfte also auch F1 2020 wieder ein echter Pflichtkauf für Motorsport-Fans werden.

Was ist F1 2020? Zum zehnten Jahr in Folge das offizielle Simulations-Rennspiel zur aktuellen F1-Saison von Codemasters.
Plattformen: PC, PlayStation 4, Xbox One, Google Stadia
Entwickler / Publisher: Codemasters
Release: 10. Juli 2020
Link: Offizielle Webseite

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