THEC64 Mini im Test

THEC64 Mini im Test

Statt größer, schneller und besser lautet aktuell die Devise eher kleiner, moderat und vor allem „Retro“. Nach dem großen Erfolg der Miniaturversionen von Nintendos Entertainment-Konsolen zieht nun mehr als 35 Jahre nach seinem Release der weltweit meistverkaufte Heimcomputer nach. Der TheC64 Mini ist nur halb so groß wie sein Vorbild und lässt sich direkt mit modernen TV-Geräten verbinden. Aber trotz aller Neuerungen und Komfortfunktionen, an den großen Erfolg der 1980er-Jahre, wo der Commodore 64 über weite Strecken die digitale Unterhaltungslandschaft dominierte hatte, kann die kleine Version sicherlich nicht mehr anknüpfen. Ein nettes Gimmick für Fans ist es aber allemal.

Hätte es den Commodore 64 nicht gegeben, diese Zeilen würden vermutlich nicht existieren. Der kleine braune Brotkasten war zwar nicht mein erster Computer/Videospielkonsole, aber es war jenes Gerät welche meine Leidenschaft und Liebe zur digitalen Welt entfachte und auch nachhaltig prägte. Als dann vor ziemlich genau zwei Jahren die englische Firma Retro Games Lt. eine Neuauflage des C64 unter dem Namen THEC64 (vormals THE 64™) ankündigten, war ich natürlich gleich Feuer und Flamme. Das Besondere daran: Neben einer großen Anzahl an verschiedenen Klassikern, sollten auch komplett neue Spiele, wie etwa die Special Edition der Plattformers Sam’s Journey, enthalten sein. Für Fans des mobilen Gamings wurde mit dem THE 64 SX zusätzlich noch eine Handheld-Version angekündigt. Nachdem die Crowdfunding-Kampagne etwas mehr als 100.000$ einnehmen konnte, war es lange Zeit ruhig um das Projekt. Mit dem großen Erfolg der Mini-Versionen von NES und SNES sowie der Partnerschaft mit Publisher Koch Media, kündigte Retro Games Lt. Ende letzten Jahres mit dem THEC64 Mini eine weiteren Retro-Computer im Mini-Format an. Der Unterschied zwischen dem THEC64 und dem THEC64 Mini liegt vor allem in der Größe und der dadurch limitierten Anschlussmöglichkeiten. Übrigens: Für Retro Games Lt. ist THEC64 Mini ein Zwischenporojekt, um die Finanzierung THEC64 zu sichern. Backer der Crowdfunding-Kampagne erhalten deswegen die Miniatur-Version als kleines Dankeschön für ihre Unterstützung kostenlos, für alle anderen ist er nun im Einzelhandel für einen UVP von 79,99 Euro erhältlich. Aufgrund der aktuell großen Nachfrage variiert dieser Preis etwas, aktuell eher in Richtung nach oben.

Mehr Mini geht nicht

Der THEC64 Mini ist im Vergleich zu den Maßen des Originals (205 x 405 x 70 mm) rund um die Hälfte kleiner und hat sich dadurch den Zusatztitel „Mini“ redlich verdient. Dabei gestaltet sich die kompakte Größe auch gleichzeitig als großer Nachteil, denn die Tastatur ist natürlich nicht funktionsfähig. Man findet zwar grundsätzlich alle Keys maßstabsgetreu an ihren gewohnten Plätzen, sie sind aber lediglich rein ästhetischer Natur und können beispielsweise nicht betätigt werden. Als Ersatz gibt es dann wahlweise eine virtuelle Tastatur, welche mittels Menü aufgerufen werden kann, oder man darf ein externes Eingabegerät via USB-Anschluss anstecken. USB-Ports gibt es übrigens zwei, wobei jedoch mindestens einer immer von dem im Lieferumfang enthaltenen Joystick belegt ist. Auf der Rückseite des Gehäuses befindet sich noch ein HDMI-Ausgang für den Anschluss an das TV-Gerät oder Monitor, sowie einen Mikro USB-Port für die Stromversorgung. Das passende HDMI- als auch das USB-Kabel bekommt man natürlich gleich dazu. Mit jeweils einer Länge von 1.2 Meter sind diese zwar etwas knapp bemessen, wodurch der Aufstellungsort ziemlich eingeschränkt wird, liegen aber durchaus im Standard heutiger Konsolen. Weiters gibt es noch ein Handbuch in mehreren Sprachen, darunter natürlich auch in Deutsch. Was bei dieser Aufzählung aber fehlt, ist ein AC-Netzadapter, der ist nämlich nicht im Lieferumfang enthalten und muss separat gekauft werden. Grundsätzlich funktioniert aber jede USB-Stromversorgung mit einem Output von 5V/1A.

Was das Innenleben des THEC64 Mini angeht,  hält man seitens bei Retro Games Lt. sehr bedeckt. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass wie beim großen Vorbild, dem THEC64, ein ARM Cortex SoC die technische Grundlage bildet. Wenn man bedenkt, dass der Original Commodore 64 mit einen MOS 6510/8500@0,985 MHz Prozessor und einen Arbeitsspeicher von 64 KB RAM ausgekommen ist, sollte diese Spezifikation aber mehr als ausreichend sein. Auch über die verwendete Software kann nur spekuliert werden, vermutlich ein selbst geschriebener oder modifizierter Emulator, wie etwa VICE.

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64 Spiele müsst ihr sein

Einschalten und Spaß haben, das war schon beim Original die Devise, bei dem THEC64 Mini ist das nicht anders. Ein kurzes Drücken des Ein-Schalters reicht und schon nach wenigen Sekunden wird ein schlichtes, aber durchwegs benutzerfreundliches Menü am TV-Gerät ausgegeben. Hier kann man dann rudimentäre Einstellungen  vornehmen, etwa die Sprache, Tastaturlayout oder auch die Bildschirmausgabe verändern. Hier hat man dann die Wahl zwischen optimale Pixelauflösung für eine vollständige Anzeigebreite, sowie 4:3 PAL oder NTSC. Zusätzlich gibt es einen CRT-Modus, bei dem weichere Scanline-Effekts verwendet werden, um die Spiele wie auf einem alten TV-Gerät anzuzeigen.

Im Home-Bildschirm selbst findet man dann auch noch das Spielekarussell, in dem man durch das Bewegen des Joysticks die einzelnen, vorinstallierten Spiele auswählen kann. Insgesamt findet man dort rund 64 verschiedene Games, wobei die Auswahl eher als durchwachsen bezeichnet werden kann. Natürlich sind darunter echte Klassiker wie Paradroid, Uridium, Impossible Mission I und II sowie Boulder Dash, die auch heute noch nichts an ihrem Charme verloren haben. Highlights sind aber sicherlich die „Games“-Spiele von Epyx, denn dank World Games, Winter Games, Summer Games und California Games wird THEC64 Mini fast schon zu einer kleinen Party-Maschine für gesellige Retro-Abende mit gleichgesinnten Freunden. Aber natürlich fehlen auch sehr viele Spiele, die sich hier sicherlich einen Platz verdient haben. Vor allem Adventure- und Rollenspielfans werden vermutlich enttäuscht sein, denn beispielsweise Lucas-Arts Abenteuer oder Spiele von Strategic Simulations, Inc sucht man vergeblich. Dafür könnt ihr während den Spielen jederzeit euren Fortschritt speichern und müsst nicht wie früher das Game in einer Session durchzocken oder beim Verlust aller Leben wieder von vorne anfangen. Wie man früher ganz ohne ausgekommen ist, ist heutzutage kaum vorstellbar.

Zusätzlich zu den 64 Spielen steht dann auch noch die BASIC-Programmiersprache zur Auswahl. Hier bekommt man dann auch beim THEC64 Mini den altbekannten blauen Start-Bildschirm des Commodore 64 zu sehen. Das bedeutet nicht nur, dass ihr eure alten BASIC-Programmierkünsten nachgehen und eigene Software schreiben könnt, nein über diese Anwendung ist es sogar möglich weitere Programm und Spiele nachzuladen. Diese müssen aber aktuell noch im .d64 Format vorliegen und auf einem USB-Stick unter einem bestimmten Namen gespeichert werden und so benötigt ihr für jede Diskette einen eigenen Datenträger. Etwas sehr umständlich, deswegen hat Retro Games Lt. bereits eine Lösung mit einem der kommenden Firmware-Updates angekündigt.

Weitere Informationen und ausführliche Anleitungen für jedes Spiel findet ihr unter www.thec64.com/games

Games

Die Spaßbremse

Wie schon erwähnt ist im Lieferumfang ein USB-Joystick enthalten. Der erinnert im Design an den unter Fans sehr beliebten Competition Pro. Optisch unterscheidet sich dieser aber zunächst durch zusätzliche Buttons, denn der THEC64 Joystick besitzt acht Tasten, also insgesamt um sechs mehr als das Vorbild. Genau genommen wird sogar zwischen Linksfeuer und Rechtsfeuer unterschieden, was sich aber bei den Spielen nicht auswirkt. Der Einsatz der beiden Triggertasten hintern den Feuerknöpfen beschränkt sich auf die virtuelle Tastatur, die vier unteren Buttons dienen dagegen unter anderem auch  für die Menüführung, etwa um den angezeigten Bildschirm zu verlassen und zum vorherigen zurückzukehren. Während der THEC64 Joystick optisch einen einwandfreien Eindruck hinterlässt und an den C64 DTV (ebenfalls von Retro Games Lt.) erinnert, merkt man schon beim ersten Einsatz, dass er qualitativ nicht mit seinem Vorbild mithalten kann. Einerseits fühlt er sich leichter und nicht sehr hochwertig an, aber vor allem vermisst man das Klicken der Mikroschalter und damit fehlt ein wichtiges Eingabe-Feedback. Das ganz geht sogar so weit, dass deutliche Verzögerungen beim Spielen spürbar sind. Laut Hersteller kann die Ursache auch an der falschen Einstellungen am TV-Gerät liegen und empfiehlt in den „Game Mode“ zu wechseln, aber bei meinem Samsung Fernseher konnte ich trotz diverser unterschiedlicher Konfigurationen keine spürbare Verbesserung bemerken. Der THEC64 Joystick ist für mich somit der größte Kritikpunkt am THEC64 Mini.

Wer will kann natürlich auch einen anderen Joystick oder Gamepad verwenden, denn grundsätzlich werden USB-Controller unterstützt – eine Liste welche wirklich funktionieren gibt es aber bislang aber nicht. Voraussetzungen sind ein Minimum von acht Buttons, wodurch etwa der Einsatz eines Speedlink Competition Pro USB oder eines NES USB Controllers von vornherein nicht möglich ist. Zwar funktioniert hier prinzipiell das Steuern in den Menüs, da aber die Button-Belegung nicht frei konfiguriert werden kann, gib es bei diesen beiden Modellen keine aktiven Feuerknöpfe. Wer will kann aber beispielsweise seinen Dualshock 4 Controller mittels USB-Kabel am THEC64 Mini anschließen. Dadurch geht zwar ein großer Teil des Retro-Feelings verloren, dafür steuert es sich aber durchaus angenehmer und flüssiger. Zumindest für eine kurze Weile, denn immer wieder bin ich in den Menüs hängen geblieben und musste den Computer mittels Hard-Reset ausschalten. Aber ähnliche Probleme gibt es auch, wenn man zwei THEC64 Joysticks angeschlossen hat, wobei dieses spätestens mit dem vor kurzem erschienen Firmware Update 1.0.7 behoben sein sollten. Weitere Fixes wurden bereits angekündigt.

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FAZIT

An der Mini-Version des NES war ich ehrlich gesagt gar nicht interessiert, denn damit verbinde ich keine nostalgischen Gefühle. Das SNES ist bei mir immer noch aktiv im Einsatz, weswegen ich auch hier keinen Bedarf an einer Miniatur-Ausgabe gehabt habe. Aber beim THEC64 Mini bin ich schlußendlich schwach geworden. Mit der ersten großen (nicht menschlichen) Liebe, verbindet man dann halt doch Gefühle, die sich nicht so einfach verleugnen lassen und man macht Sachen, die man eigentlich nie tun wollte. Wie etwa eine knapp 80 Euro teure Plastik-Box kaufen, auf der Spiele drauf sind, die man entweder schon durchgespielt hat oder vermutlich nie durchspielen wird, weil sie nicht besondern gut sind. Und wenn dann sogar ein absolut minderwertiger Joystick kein Hinderungsgrund mehr ist, dass man sich das Teil trotzdem kauft, dann weiß man auch, dass alte Liebe wirklich nicht rostet.

Aber nun ernsthaft. Über die Spieleauswahl kann man diskutieren. Natürlich war von Anfang an klar, dass man keine Lizenzen für große Namen bekommen wird, aber für mich gehen die vorinstallierten Games durchaus in Ordnung und dass der BASIC-Interpreter dabei ist, mit dem man eigene Programme nachladen kann, war für mich einer der Kaufgründe. Auch was Hard- und Software betrifft, erfüllt der THEC64 Mini meine Erwartungen, nur der Joystick ist für mich der Grund, warum ich aktuell keine Kaufempfehlung abgeben kann. Hier muss entweder etwas hochwertigeres her oder zumindest die offizielle Unterstützung seitens Hersteller für andere Eingabegeräte, inklusive konfigurierbarer Tastenbelegung. Sofern das nicht gegeben ist, bleibt die Mini Version des Brotkastens lediglich ein nettes Gimmick, das aber sicher bald in einer Ecke als Deko-Gegenstand verstauben wird.

Was ist TheC64 Mini? Miniaturversion des meistverkauften Heimcomputers der 80er Jahre zum direkten Anschluss an moderne TV-Geräte.
Getestet: Version 1.0.7
Entwickler / Publisher: Retro Games Lt. / Koch Media
Release: 29. März 2018
LinkOffizielle Webseite

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