Nachspiel: A Place for the Unwilling

Nachspiel: A Place for the Unwilling

Ein unerklärlicher Todesfall, eine Stadt, die daran irgendwie Schuld zu sein scheint, und ihr, mitten drin in allem, als Erbin des Verblichenen, die nun seine Geschäfte übernehmen und obendrein die dunklen Geheimnisse eures neuen Wohnorts lüften soll. Wenn das mal kein Abenteuer verspricht …

Nicht mit rechten Dingen

Willkommen in eurer neuen Heimat: Einer viktorianischen Stadt zwischen Arm und Reich, eintönigem Alltag und ritualistischen Morden, unliebsamer Langeweile und noch unliebsameren Zwischenfällen, die für Aufregung sorgen. Nach dem Tod eines Kindheitsfreundes, erbt ihr quasi sein gesamtes Leben: Sein Haus, seinen Reichtum, seine Geschäfte – und selbst um seine Witwe sowie seine Mutter dürft bzw. sollt ihr euch fortan kümmern. Das alles aber nicht, bevor euch der Verstorbene selbst nicht in einem Traum heimsucht, um euch mitzuteilen, dass es mit der auf den ersten Blick normalen Stadt weit mehr auf sich hat, als ihr zu Beginn ahnen könnt – und tatsächlich erlebt ihr das alles auch bald selbst, denn immerhin tauchen nach und nach weitere Tote auf, umgekommen unter gar fragwürdigen Umständen.

Euer Ziel in A Place for the Unwilling ist es, die Stadt zu erkunden, mit ihren Einwohnern zu sprechen und so innerhalb von 21 In-Game-Tagen herauszufinden, was denn dort nun tatsächlich vor sich geht. 21 Tage bedeutet in diesem Fall rund 15-20 Stunden – denn während des gesamten Spiels tickt die Uhr munter vor sich hin und ihr müsst zusehen, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, um Neues zu erfahren und das Puzzle so langsam zusammenzufügen.

Die Hauptaufgabe dabei besteht darin, die Straßen der Stadt zu verinnerlichen, Hinweisen und Nachrichten zu folgen, die euch gesichtslose – sogar bloß als „Schatten“ dargestellte – Passanten auf der Straße und andere Leute zuspielen, einzelne Personen näher kennenzulernen und durch die Auswahl von diversen Antwortmöglichkeiten in Dialogen die Story zu beeinflussen – oder zumindest, wie viel von der Story ihr im jeweiligen Durchlauf erlebt, denn die Zeit verfließt auch dann, wenn ihr bloß ziellos durch die Gegend irrt.

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Ein Sklave der Uhr

Wie eben schon angesprochen, müsst ihr in A Place for the Unwilling in erster Linie Story-Hinweisen nachgehen, die sich dann – je nachdem, wie erfolgreich ihr wart – zu einem kompletten Bild der Ereignisse zusammenfügen: Was zunächst relativ unscheinbar wirkt und lediglich auf persönliche Schicksale vor dem Hintergrund üblicher Klassenkonflikte und einer – für die damalige Zeit ebenso üblichen – Rattenplage hindeutet, entpuppt sich bald als tatsächliches Mysterium, inklusive durchaus Lovecraft-igen Einschlägen. Das gesamte Spiel ist somit komplett Story-fokussiert und in Kombination mit dem eigenwilligen, aber durchaus ansprechenden Grafikstil besteht hier somit auch durchaus Potenzial für ein spaßiges Game – sofern man Erkundungstouren und verworrene Geschichten großartiger Action und tiefgängigem Gameplay vorzieht. Leider wird der Spielspaß allerdings durch einige Designschwächen getrübt.

Zum einen basiert das gesamte Spiel darauf, zu wissen, wo sich gerade etwas Sehenswertes abspielt, und vor allem beim ersten Story-Durchlauf ist das ein wenig schwierig: Die ersten Tage werdet ihr zunächst einmal nur damit verbringen, die Stadt und ihre Leute kennenzulernen – erst danach nimmt die Story Fahrt auf und ihr seid eingespielt genug, um anhand der gestreuten Hinweise zumindest erahnen zu können, wo ihr euch am besten hinbegeben solltet, um mitten im Geschehen zu landen.

Trotz allem werdet ihr jedoch so manches Ereignis verpassen und hier kommt dann auch schon das nächste Problem zu tragen: Trotz diverser Auswahlmöglichkeiten im Spiel, die vollends darauf hinweisen, dass eure Handlungen durchaus Konsequenzen haben, verändern sich die Ereignisse der Hauptstory – und tatsächlich auch die Reaktionen eurer Mitbürger – im Grunde nicht. Das Resultat ist eine zerpflückt wirkende Geschichte, die ihr nicht nur erst dann wirklich versteht, wenn ihr das Spiel mehrfach durchspielt (um die Ereignisse von diversen Blickwinkeln zu erleben), sondern die euch auch immer wieder mit Anspielungen an Dinge konfrontiert, die wirken, als solltet ihr mit ihnen vertraut sein, von denen ihr aber in eurem bisherigen Story-Verlauf noch nie gehört habt.

Wirtschaftsass oder gut zu Fuß?

Zeit ist Geld – der viel gebrauchte Spruch hat auch in A Place for the Unwilling seine Berechtigung, denn um dem stetigen Zeitdruck, der euch im Eiltempo vorantreibt, Morde, Ungezieferplagen und mehr zu lösen, ein wenig entgegenzuwirken, dürft ihr in der Stadt per Kutsche herumreisen – als quasi Schnellreisefunktion. Die Nutzung kostet allerdings Geld, und Geld bekommt ihr, indem ihr die eurem Beruf nachgeht und handelt. So könnt ihr bei den diversen Shops der Stadt Waren einkaufen und verkaufen und müsst – für den optimalen Gewinn – herausfinden, wo sich was besonders günstig ein- und im Anschluss wieder besonders teuer verkaufen lässt.

Das Ganze wird bei den meisten Spielern wohl in einem von zwei Dingen enden: Endlosen Listen – oder aber dem Drang, einfach zu Fuß zu gehen. Wer den kleinen, super simplen Spiel-im-Spiel-Wirtschaftssimulator genießt, der kann hier sich hier richtig austoben – und der Rest läuft eben tatsächlich. Wer keine Zeit mit Handeln verschwendet, kann sich immerhin auch die Zeit für die Fußwege leisten.

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Vorangetrieben und gebremst

Obwohl A Place for the Unwilling für PC verfügbar ist und auf den ersten Blick wie ein klassisches Point&Click-Adventure aussieht, ist das Spiel vollkommen auf die Steuerung via Gamepad ausgelegt: Euer Charakter (übrigens wahlweise männlich, weiblich oder non-binary) wird per Stick oder Steuerkreuz bewegt, während ihr Aktionen mit den Action-Buttons ausführt. Wer kein Gamepad für den PC hat, der kann alternativ auch mit Tastatur spielen. Das einzig wirklich Irritierende daran ist, dass die Steuerung mittels Pfeiltasten erfolgt, während die Aktionen auf WASD gelegt wurden – für jeden MMO-Spieler so richtig befremdlich und genug, um regelmäßig Aktionen versehentlich auszulösen. Immerhin die Steuerung mit Gamepad funktioniert größtenteils einwandfrei – störend ist lediglich, dass der Charakter mit großer Regelmäßigkeit an Hindernissen, die keine sein sollten, hängenbleibt, und dass es manchmal ein wenig Herumdrehen bedarf, bis ein gewünschtes Element tatsächlich als anvisiert weiß leuchtet. In einem zeitkritischen Spiel nicht optimal, aber zumindest kein Game-Breaker.

FAZIT

A Place for the Unwilling bietet ein im Grunde spaßiges Konzept für alle Fans von Story-Games: Erkunden, Dialoge führen, Hinweise finden, Entscheidungen treffen – und so nach und nach einem gar nicht so uninteressanten Mysterium auf den Grund gehen, zusätzlich zu unzähligen persönlichen Stories, denen ihr beiwohnen könnt. Die Umsetzung ist allerdings nicht ganz so gut gelungen wie der Ansatz: Die Idee, Events laufen zu lassen, ob man sie erlebt oder nicht, klingt in der Theorie gut, sorgt hier – in Kombination mit der fehlenden Anpassung weiterer Reaktionen und Events – jedoch für ein sehr zerstückelt wirkendes Erlebnis, das statt für Immersion eher für Konfusion sorgt, zumindest beim ersten Story-Durchlauf. Der Handelsaspekt im Spiel wirkt indessen wie ein seltsam aufgesetztes Spiel-im-Spiel, das für sich genommen nichts zur restlichen Story beiträgt. Zusammenfassend: Wer trotz des Titels „gewillt“ ist, sich vollends auf die Story einzulassen und auch mehrere Story-Durchläufe in Kauf nimmt, um sich mit den Schicksalen und Mysterien des Spiels und seiner Protagonisten zu befassen, der kann hier durchaus Spaß haben; auf eine durchgehend stimmig erzählte Geschichte mit schönem Story-Fluss solltet ihr allerdings nicht hoffen.

Was ist A Place for the Unwilling? Story-fokussiertes Erkundungsabenteuer in Quasi-Echtzeit
Plattformen: PC
Getestet: Steam-Version
Entwickler / Publisher: ALPixel Games
Release: 25. Juli 2019
Link: Offizielle Webseite

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