Nachspiel: Guard Duty

Nachspiel: Guard Duty

Die Indie-Entwickler von Sick Chicken Studios haben mit Guard Duty ein Point and Click Adventure vorgelegt, das ganz in der Tradition der späten 80er und frühen 90er Jahre des Genres steht, wie es von Größen wie Monkey Island oder den unterschiedlichen Teilen Sierras King’s Quest-Reihe begründet und zelebriert wurde. Da Sommerzeit zugleich Urlaubszeit ist, die schönsten Urlaubserinnerungen oftmals jedoch nicht einfach nur – wenn überhaupt – örtlich gebunden, sondern mit dem Siegel der Vergangenheit versehen sind, funktionieren wir kurzer Hand den heimischen Rechner zur Zeitmaschine um und folgen der Einladung auf eine Reise in die Videospielvergangenheit, die Nostalgie pur verspricht. Denn was 2014 ursprünglich als Hobbyprojekt von Nathan Hamley und Andy Saunders startete, wurde 2017 erfolgreich über Kickstarter finanziert und zu einer stimmigen Hommage an die gute alte 2D Adventure-Tradition weiterentwickelt, die seit Mai über Steam erhältlich ist. Also alles eingestiegen in den frisch lackierten DeLorean DMC-12, angeschnallt und auf 142 km/h beschleunigt: Memory Lane wir kommen!

Der Fluxkompensator Videospiel

Zunächst entführt uns Guard Duty jedoch in die Zukunft; in das Jahr 2074, um genau zu sein. Dort werden wir Zeugen, wie sich ein den Menschen offenkundig feindlich gesinntes Wesen eine Scheibe von der Erde abschneidet – im wahrsten Sinne des Wortes: Ein grüner Laserstrahl birst durch die Erdatmosphäre, teilt sich in zwei, umkreist die Erde und spaltet solchermaßen ein gutes Drittel des blauen Planeten ab. Nach dieser dramatischen Eröffnung werden wir nun auch in der erzählten Zeit in die 1000 Jahre zurückliegende Vergangenheit versetzt. In einer verregneten Nacht nähert sich eine vermummte Gestalt dem Stadttor des beschaulichen Königreichs Wrinklewood, das immerhin stolze 52 Einwohner zählt und begehrt Einlass. Bewacht wird das Tor von einem – für Adventure der 80er und 90er Jahre typischen – Antihelden: Uns selbst, in der Gestalt von Thondbert, einer dem Alkoholkonsum nicht abgeneigten Stadtwache, die während ihrer Torwache feucht fröhlich den eigenen Geburtstag begeht. Und weil die vermummte Gestalt freundlich darum bittet gewähren wir derselben ohne großen Widerstand Zugang zur Stadt, selbstverständlich jedoch nicht ohne ihr zuvor von der liebreizenden Prinzessin Theremin zu erzählen. What could possibly go wrong? So einiges, so viel sei verraten! Den nächtlichen Alkoholexzess bezahlt Thondbert jedenfalls bereits am nächsten Morgen mit einem, Kater bedingt, berstenden Kopf und einer Vorladung in den Thronsaal, dessen genauen Grund wir noch nicht kennen. Doch noch bevor wir in demselben ankommen, um Genaueres über des Königs Begehr in Erfahrung bringen zu können, gilt es dem Genre entsprechend alles einzusacken was nicht niet- und nagelfest ist, zahlreichen witzigen Dialogen mit schrulligen Charakteren zu lauschen, einige Aufgaben zu erledigen und bei dieser Gelegenheit eine in schöner 4:3 Pixeloptik gehaltene mittelalterliche und im weiteren Verlauf auch futuristische Welt zu entdecken, die mit Starborn noch einen zweiten Hauptcharakter bereithält in dessen Schuhe wir im dritten und damit letzten Akt des Spiels, welcher zeitlich 900 Jahre nach Thondberts Abenteuer angesiedelt ist, ebenso schlüpfen dürfen.

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Point… and Click

Guard Duty knüpft, im Gegensatz zu ähnlich gelagerten Projekten wie etwa Thimbleweed Park (2017), Gameplay-technisch bei der zweiten und damit etwas komfortableren Generation von 2D Point and Click Adventures an – z.B. The Legend of Kyrandia (Westwood Studios 1992), King’s Quest 7 (Sierra 1994), Baphomets Fluch (Revolution Software 1996) oder Grim Fandango (LucasArts 1998). Mussten wir in der ersten Generation des Genres – z.B. The Secret of Monkey Island (LucasArts 1990), Indiana Jones and the Fate of Atlantis (LucasArts 1992), Day of the Tentacle (LucasArts 1993) oder Sam & Max Hit the Road (LucasArts 1993) – zunächst unterschiedliche Begriffe oder Symbole anklicken, um die dadurch bezeichneten Tätigkeiten vorzunehmen, genügen uns in Guard Duty die linke und die rechte Maustaste, um alle relevanten Spielzüge auszuführen. Mit der rechten Maustaste können wir uns Gegenstände durch Thondbert beschreiben lassen und uns – mal mehr, mal weniger – interessante und witzige Anekdoten dieselben betreffend anhören. Die linke Maustaste erlaubt es uns wiederum mit den Gegenständen Aktionen auszuführen, dieselben also entweder in unserem unendlichen Beutel (Infinity Pouch) – das Inventar des Spiels – zu verstauen oder aber aus demselben herauszunehmen und in der Spielwelt zum Einsatz zu bringen, um ein damit verbundenes Rätsel zu lösen und solchermaßen in der Geschichte voranzuschreiten. So müssen wir etwa nach einem Gespräch mit dem örtlichen Obsthändler im Inventar eine Frucht aus dem Netz nehmen, welches derselben zuvor als Verpackung diente. Die Frucht selbst ist im Wesentlichen uninteressant und kurzerhand einem Bettler geschenkt, das Netz hingegen dient uns dazu einen Frosch zu fangen, um jemanden das Märchen vom Froschkönig nachspielen zu lassen. Über solchermaßen geartete, genretypisch teilweise etwas konstruierte, Umwege gelangen wir im eben beschriebenen Fall an die Beinschienen unserer Uniform, die uns – nebst den restlichen Teilen derselben – gleich zu Beginn des Spiels abhandengekommen sind und die neuerlich zusammenzusammeln den Großteil des Prologs ausmacht.

Und so führt eine Aufgabe zur anderen, die uns insgesamt drei Akte lang – bei gemächlicher Spielweise ca. sechs Stunden – beschäftigen. Ja, so war das damals in Monkey Island und Co. Wobei Guard Duty in seinen besten Momenten, nicht zuletzt des Settings und seines Hauptcharakters Thondbert wegen, im Zuge der ersten beiden Akte eher an Simon the Sorcerer (Adventure Soft 1993) erinnert. Ebenso traditionell können wir unseren Spielfortschritt jederzeit speichern und auch wieder laden. Im Gegensatz zu früheren Vertretern des Genres können wir uns jedoch in keine Sackgasse manövrieren, die einen Neustart oder aber das Laden eines alten Spielstandes notwendig machen würde. Der größte Unterschied zwischen Guard Duty und seinen berühmten Vorbildern besteht sicherlich im Schwierigkeitsgrad und der Komplexität der Rätsel. Dieselben fallen nämlich deutlich geradliniger, um nicht zu sagen einfacher aus. Weder müssen wir großartig mit dem Inhalt unseres Inventares experimentieren, um gewünschte Kombinationen von Items herzustellen, noch wartet das Spiel mit irgendeiner Art von Logikrätseln oder ähnlichen Kopfnüssen auf. Lediglich ein Spielabschnitt in einem verwunschenen Wald bietet hier geringfügige Abwechslung. Die Rätsel in Akt drei beschränken sich im Wesentlichen dann überhaupt darauf alle Dialogoptionen durchzuklicken, um neue Fragen- und Antwortmöglichkeiten freizuschalten, die dann die Geschichte neuerlich vorantreiben. Ein Inventar suchen wir in diesem letzten Spielabschnitt ebenso vergebens. Wenngleich damit die Frustrationstoleranz der Spieler zu keinem Zeitpunkt strapaziert wird, so wird dadurch der Anspruch doch zugleich deutlich nach unten nivelliert. Ganz modern ist darüber hinaus die Implementierung eines Quest Logs in Form einer – stetig anwachsenden – To-do-Liste, die wir im Inventar einsehen können, um uns neuerlich in Erinnerung zu rufen was eigentlich gerade zu tun ist; nicht zuletzt nach längeren Pausen eine willkommene erneute Einstiegshilfe in Thondberts Abenteuer. Starborn muss hingegen ohne eine solche auskommen, verfügt dafür über eine Kommunikationsmöglichkeit im Stile der Metal Gear Reihe.

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Das Pittoreske Wrinklewood und die düstere Zukunft

Die vergangenen Adventure-Tagen erwiesenen Reverenzen enden jedoch nicht einfach bei Struktur des Gameplays und den Inhalten der Narration. Guard Duty ist im 4:3 Format – mit einer Auflösung von 320×240 Pixel – gehalten und präsentiert sich im nostalgischen Pixel-Gewand von Hand gezeichneter Sprites und Hintergrundgrafiken. Dies führt jedoch zugleich dazu, dass manche Hintergründe eher generisch oder zumindest detailarm wirken – wie etwa die Botanik oder die etwas eintönige Zukunftsvision. Wo die Entwickler hingegen ihrer Detailverliebtheit freien Lauf lassen wird deren handwerkliches Geschick nicht nur deutlich, sondern die Szenerie richtiggehend malerisch. Die Animationen beleben das fiktive Szenario stimmig: Vom Flackern der Flammen der Kerzen, der in der Esse des Schmiedes vor sich hin lodernden Kohle, bis hin zu Thondberts unbeholfenen Sprungeinlagen als er versucht einen Vogel zu fangen oder aber über Flussadern und Spalten im Boden zu springen. Und dennoch vermögen Grafikstil und der von ihm verströmte nostalgische 90er-Jahre-Charme das begrenzte Budget nicht ganz zu verbergen. Umso beeindruckender ist angesichts dessen jedoch, dass das Abenteuer vollständig vertont ist. Alle Dialoge und Monologe des Spiels sind durch zahlreiche, wenngleich in der Qualität schwankende, Sprecher durchaus stimmig eingespielt (nur verdachtsweise meine ich sich wiederholende Stimmen ausmachen zu können). Mitbringen muss man allerdings gute Englischkenntnisse, da das Spiel über keine deutsche Lokalisation – auch die Untertitel sind allesamt in englischer Sprache gehalten – verfügt. Der Score und die – etwas spärlich gesetzten – Soundeffekte wiederum, wenngleich nicht unbedingt das Highlight des Spiels, tragen das Ihrige zu einer sehr stimmigen Atmosphäre bei.

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FAZIT

Guard Duty macht nicht nur als Hommage an die Blütezeit der Point and Click Adventure spaß, sondern ist selbst eine gelungene Iteration des Genres. Und dennoch lebt es vor allem von den impliziten und Expliziten Verweisen auf frühere Spiele bei denen es sich ausgiebig bedient. Sowohl der Humor als auch die Aufmachung des Adventures ziehen mich dementsprechend sofort in den Bann der 90er Jahre. Guard Duty erweist sich vor diesem Hintergrund primär als Spiel für eine ganz bestimmte Zielgruppe, nämlich all jene, die mit Point and Click Adventures der 80er und 90er Jahre groß geworden sind und Spaß am minutiösen Absuchen von Bildschirmausschnitten und dem Durchklicken von Dialogoptionen hatten, um auch kein Detail der Spielwelt und Story zu verpassen. Angefangen bei der liebevollen Pixelgrafik, dem Humor, dem Setting, bis hin zur gelungenen Geschichte ist hier alles zu finden, was das Adventure-Genre einst groß und dann, ob der in der Natur der Sache liegenden gemächlichen Inszenierung, mehr oder minder in Vergessenheit hat geraten lassen. Für Fans dieser Spiele ist Guard Duty mehr als nur einen Blick wert, wenngleich Genre-Veteranen gerade durch die Rätsel deutlich unterfordert sein dürften, weswegen das Spiel mit ca. sechs Stunden auch eine etwas kurzes Spielvergnügen bietet. All jene die der Adventure jedoch primär ihrer Trial and Error Elemente wegen überdrüssig wurden können sich wiederum über ein unbeschwertes und sehr zugängliches Spiel freuen, das mit der Verknüpfung von Fantasy und Science-Fiction nicht nur eine spannende, sondern auch tragische und nichtsdestoweniger zugleich amüsante Geschichte zu erzählen weiß.

Und dennoch kommt Guard Duty nicht ganz an die Qualität eines Thimbleweed Park heran, was nicht zuletzt daran liegt, dass sich das Spiel allzu sehr in den Fallstricken der Hommage verfängt, ohne dem Genre einen gänzlich eigenständigen Aspekt hinzufügen zu können. Die Flut an Referenzen und Zitaten führt dazu, dass man immer wieder an andere Spiele erinnert wird, wodurch jedoch das Alleinstellungsmerkmal und der eigenständige Charakter von Guard Duty hinter dem Glanz der großen Vorbilder verblassen und somit ins Hintertreffen geraten. Darüber hinaus ist der Humor des Spiels stets einer der Erzählung und kein Performativer. Das Gameplay selbst wird niemals thematisch, sondern schon fast zu originalgetreu und ganz unironisch aus den 90er Jahren übernommen. Da scheinen bereits Monkey Island und auch Simon the Sorcerer etwas weiter gewesen zu sein, die das Genre auch auf der Ebene des Gameplays pointierter zu persiflieren wussten. Doch ungeachtet dieses – auch angesichts des veranschlagten Preises wegen vielleicht etwas zu – strengen Blickes sei das Spiel allen ausdrücklich ans Herz gelegt, die sich nach einer Zeitmaschine sehnen, um der eigenen Videospiel-Kindheit einen sommerlichen Besuch abzustatten. Denn auch wenn Guard Duty vor allem eine Reminiszenz an vergangene Point and Click Größen sein will, so ist es selbst, nicht nur des geringen Preises wegen, ein durchaus spielenswerter Titel für Fans des Genres.

Was ist Guard Duty? Eine Hommage an die Point and Click Adventure der 80er und 90er Jahre.
Plattformen: PC (Windows, Linux, Mac)
Getestet: Version 1.0.2 auf PC Intel Core i5-6600K, 4x 3.5GHz, 16 GB RAM, AMD Radeon R9 Fury
Entwickler / Publisher: Sick Chicken Studios / Digital Tribe
Release: 02. Mai 2019
Link: Offizielle Webseite

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