Anno History Collection im Test
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SOUND 3
HANDLING 3
SPIELDESIGN 5
MOTIVATION 4

Wer bislang kein Anno gespielt hat, der kann aber bedenkenlos zugreifen, denn zumindest Anno 1404 und 1701 zählen nach wie vor zu den besten Spielen im Genre der Aufbaustrategie

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Anno History Collection im Test

Hallo, ich bin der Tom und ich bin Annoholiker. Begonnen hat meine „Annosucht“ im Jahr 1998, als ein bis dato unbekanntes österreichisches Entwicklerstudio ein kleines aber feines Spiel veröffentlichte, in der ich während der Epoche der frühen Neuzeit unerforschte Inselwelten entdecken und besiedeln durfte. Mehr als 20 Jahre später bin ich dank regelmäßigen Nachschub durch den Dealer meines Vertrauens (besser bekannt als Ubisoft) noch immer nicht davon losgekommen und mit der Anno History Collection wird sich das vermutlich auch nicht ändern.

Aber was genau enthält nun die Sammlung, die mein Verlangen nach komplexer Aufbaustrategie befriedigen soll? Das wären zunächst die Städtebau-Klassiker Anno 1602, Anno 1503, Anno 1701 und Anno 1404 inklusive all ihren Erweiterungen – die beiden Sci-Fi-Ableger Anno 2070 und Anno 2205 fehlen aber (würde ja auch dem „History“  im Namen widersprechen). Jedes der Spiele enthält darüber hinaus sämtliche Updates und bietet zahlreiche Verbesserungen, inklusive höherer Bildschirm-Auflösungen als noch im Original. Aber um ein Remaster handelt es sich bei der Anno History Collection nicht, denn die Überarbeitungen sowie zusätzlichen Inhalten sind sehr überschaubar.  Am eigentlichen technischen  Grundgerüst oder den Spielmechaniken der Aufbausimulationen hat sich grundsätzlich nichts geändert und so sucht man auch Veränderungen im Gameplay oder gar neue Spielerweiterungen vergeblich. Nicht einmal die KI wurde überarbeitet und auch das Interface bleibt im Vergleich zum Original grundsätzlich unverändert.

Das bringt auch gleich das erste Problem mit sich, denn es lässt sich zwar die Auflösung sämtlicher Titel auf bis auf 4K erhöhen, inklusive Anpassung an Widescreen-Formate, aber bei den beiden älteren Titeln wird dadurch das Menü und die einzelnen Buttons sehr poplig. Zur Abhilfe darf man aber nun das User-Interface manuell in Stufen bis auf Faktor 2,9 vergrößern. Verbesserungen wie zusätzliche Cursor-Varianten, der randlose Fenstermodus oder die Multiscreen-Unterstützung sind ebenfalls neue Features für alle Spiele der Anno History Collection. Ebenso verfügen nun sämtliche Titel über einen Multiplayer-Modus, der ist online jedoch lediglich via Uplay spielbar. Wirklich cool ist die Kompatibilität alter Savegames, denn so  können alte Einzelspieler-Spielstände in die neuen Versionen übertragen werden. Der Vollständigkeitshalber seien noch die Bonusinhalte erwähnt, aber mehr als Soundtracks und Wallpapers gibt es hier nicht zu finden.

Die frühen Jahre

Anno 1602: Erschaffung einer neuen Welt war eines jener Spiels, das bei seinem Erscheinen niemand wirklich auf dem Radar hatte. Es gab keine große Vorab-Berichterstattung in den Printmedien und auch die ersten Wertungen zum Release waren eher durchschnittlich (80% in der Power Play 5/98 – ihr Banausen!!!). Es war einer jener Titel, die ihren Bekanntheitsgrad vor allem durch Mundpropaganda erhöhten. Wollte man am Stammtisch mit Gleichgesinnten mitreden, musst man es spielen. Verantwortlich für diesen damals ungewöhnlichen Genremix aus Aufbau- und Strategiespiel war das lediglich zehn Mann umfassende Team, des österreichischen Entwicklerstudios Max Design. Das grundlegende Spielprinzip war damals schon ganz klar definiert: Ziel ist es, eine Inselwelt zu entdecken, diese zu besiedeln, auszubauen und mit anderen Inseln Handel zu betreiben. Darüber hinaus gilt es die Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung zu befriedigen, um auf diesem Wege neue Produktionsketten freizuschalten. Der damalige oftmals angestellte Vergleich mit der Siedler-Spielreihe hinkte aber gewaltig, denn Anno hatte zwar einen ähnlichen Wuselfaktor, setze aber ganz klar den Fokus auf die ökonomischen Zusammenhänge und komplexe Wirtschaftskreisläufe. Anno 1602: Erschaffung einer neuen Welt zählte 2002 mit zwei Millionen Mal verkauften Exemplaren zum meistverkauften Spiel, welches im deutschsprachigen Raum entwickelt wurde und legte den Grundstein zu einer sehr erfolgreichen Reihe.

Einen Gamers.at Test zum Spiel oder auch zum Erweiterungsset „Neue Inseln, Neue Abenteuer“ werdet ihr natürlich nicht finden, denn mit dem Erscheinungsjahr 1998 ist es sogar etwas älter als unser Magazin. Hätte ich aber bereits damals darüber schreiben dürfen, mein Fazit wäre natürlich sehr enthusiastisch ausgefallen. Heute muss ich leider etwas ernüchternd über die in der Anno History Collection enthaltende Version urteilen, denn nach aktuellen Maßstäben ist hier nicht mehr wirklich viel zeitgemäß. Weil aber am grundlegenden Spielprinzip nichts verändert wurde, nennen die Entwickler deshalb die Überarbeitungen „Quality-of-Life“-Verbesserungen. So kann nun der linke Maus-Button etwa für Aktionen benutzt werden und das Mausrad dient zum Zoomen. Da die kurzen Render-Videos, beispielsweise wenn man ein neues Rohstoffvorkommen entdeckt hat, nicht überarbeitet wurden und deshalb nur in einer extrem niedrigen Auflösung vorliegen, können diese nun optional auch im Minimap-Fenster abgespielt werden. Retro-Fans können an Anno 1602: Erschaffung einer neuen Welt durchaus noch gefallen finden, alle anderen sollten lieber einen der anderen Titel der Sammlung ausprobieren.

Zurück in die Vergangenheit

In Anno 1503 kann eine, im Vergleich zum Vorgänger, bis zu 7-mal größere Inselwelt per Schiff erkundet werden. Die Inseln befinden sich in verschiedenen Klimazonen, die natürlich auch Einfluss auf die Rohstoffgewinnung und Anbaumöglichkeiten haben. Im Gegensatz zu Anno 1602 ist dabei die kulturelle Vielfalt nun um einiges größer geworden. Im Norden hausen die Eskimos in ihren Iglus, den Süden bevölkern Afrikaner, Indianer und Venezianer treiben ihr Unwesen auf der Inselwelt ebenso wie die schon aus dem ersten Teil bekannten Piraten. Selbstverständlich verfügt jede Kultur über eigene für ihr charakteristische Bauwerke und Bewohner. Aber nicht jedes fremde Volk ist dem Spieler freundlich gesinnt. Manche sehen das Eindringen in das eigene Gebiet als kriegerischen Akt an und wollen euch mit allen Mitteln wieder vertreiben. So wurde auch das eher simple Kampfsystem des Vorgängers komplett überarbeitet. Insgesamt elf verschiedenen Waffengattungen, vom einfachen Pikenier bis hin zum berittenen Musketier können in Anno 1503 befehligt werden. Um Kriegsmaschinen zu bewegen und einsetzen zu können, müssen diese von Bedienmannschaften übernommen werden. Ohne Besatzung kann ein solches Kriegsgerät nicht manövriert und sogar von feindlichen Parteien übernommen werden. Durch Kämpfe und Schlachten sammeln Soldaten Erfahrungen die ihre Angriffsfähigkeiten verbessern und sie widerstandsfähiger in der Verteidigung machen. Bis zu drei solcher Erfahrungspunkte kann jeder einzelne Soldat erhalten. Bei Seeschlachten kommen Kriegsschiffe zum Einsatz. Diese werden in Werften gebaut und können je nach Größe des Schiffes mit Kanonen ausgestattet werden. Eine weitere Neuerung im Kampfsystem, ist die Möglichkeit militärische Einheiten in bestimmten Formationen zu positionieren, die unterschiedliche Auswirkungen auf Fortbewegung, Angriffs- und Verteidigungsverhalten haben. Neben den zahlreichen Varianten der Angriffsoptionen kann die eigene Siedlung natürlich auch in der defensive mit Stadtmauern und Festungen gegen feindliche Angriffe geschützt werden.In der Kampagne erwarten euch insgesamt zwölf Missionen, bei der ihr neben den üblichen Siedeln- und Handels- Aufträgen, unter anderem auch Prinzessinnen retten, Seeschlachten bestreiten und gegnerische Siedlungen einnehmen sollt. Habt ihr die Kampagne erfolgreich absolviert warten zehn Szenarien darauf von euch durchgespielt zu werden. Ist das für euch immer noch nicht genug bleiben noch die Endlosspiele, wobei durch das Besiedeln, Handeln und Kämpfen ohne einen Auftrag erst das richtige Anno-Feeling aufkommt.

Mein Fazit im Jahr 2002 lautete: „Das süchtig machende Spielprinzip des Vorgängers funktioniert auch trotz fehlender innovativer frischen Ideen in der Neuauflage wieder auf Anhieb und fesselt Genrefans für Wochen vor den Monitor. Spieler mit weniger Erfahrung in WiSims und Aufbauspielen werden Anfangs wohl eher mit ihrem Frust zu kämpfen haben, als gegen die Computergegner, denn durch die enorme Komplexität und den extrem hohen Schwierigkeitsgrad werden Neulinge und ungeübte Spieler eindeutig überfordert. Zusätzlich erschweren die zahlreichen technischen Probleme, die auf manchen Systemen auftreten können, das Spielerleben erheblich und wirken sich teilweise ebenfalls negativ auf den Spielablauf aus. Aber auch wenn spielerische Neuerungen in Anno 1503 Mangelware sind und das Spiel die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen kann, so ist es trotzdem die derzeit wohl eine der besten Handelssimulationen.“ Neben den zahlreichen technischen Bugs war vor allem der fehlende Mehrspielermodus einer meiner größten Kritikpunkte. Man merkte es dem Endprodukt sehr deutlich an, dass sich die Entwickler von Max Design mit dem Nachfolger etwas übernommen hatten und kurze Zeit später der Spielebranche sogar ganz den Rücken kehrten.

In meinen Testbericht war ich noch guter Hoffnung, dass der Multiplayermodus, so wie versprochen, mit einem der bereits angekündigten Updates nachgereicht wird, was aber nicht passierte. Zumindest bis jetzt, denn einer der auffälligsten Neuerungen der Anno History Collection ist der offizielle Multiplayer-Part von Anno 1503, der ebenfalls via Uplay läuft, inklusive überschaubarer fünf Mehrspielerszenarios. Dazu kommen noch ein paar Bugfixes und Verbesserungen in Sachen Usability. Aber insgesamt zu wenig und so bleibt der zweite Teil  weiterhin das ungeliebte schwarze Schaf der Spielreihe.

Der Beginn des 18. Jahrhunderts

Anno 1701 war nicht nur das erste Spiel der Serie das in vollem 3D erstrahlte, sondern auch das erste Anno von Entwickler Related Design, welches heute als Ubisoft Mainz agiert. Zu den spielerischen Neuerungen zählten etwa der zentrale Marktplatz, der mit seinem visuellen Feedback Aufschluss über die Zufriedenheit der Bevölkerung gibt, sowie die Möglichkeit die Steuern für jede Einwohnerstufe separat festzulegen. Eine weiteres neues Feature war die Logenaktivität, mit der man seine Mitspieler ausspionieren und sabotieren konnte. So durfte man beispielsweise Diebe, Saboteure oder Revoluzzer auf feindliche Inseln schicken, um die gegnerische Entwicklung zu stören. Die fehlende Kampagne wurde knapp ein Jahr später mit dem Add-On „Der Fluch des Drachen“ nachgereicht. In einem asiatisch-angehauchten Setting wir dabei die spannende Geschichte rund um ein sagenumwobenes Artefakt mit Namen das Auge des Drachen erzählt. Mein Fazit lautete damals: „Alkohol, Nikotin und Drogen machen bekanntlich süchtig – Anno 1701 sollte nun ebenfalls auf diese Liste gesetzt werden! Nachdem ich aufgrund des eher schwachen Vorgängers endlich geheilt war, bin ich bereits nach wenigen Spielstunden mit dem neuesten Teil wieder zu einem bekennenden ANNOholiker geworden. Alte Tugenden, neue wunderschöne Optik – das fesselt! Ganz wie zu den Anfangszeiten der Serie.“

Anno 1701 ist überraschend gut gealtert, vor allem Fans von Anno 1800 sollten sich dieses Spiel nicht entgehen lassen, denn einige Gameplay-Elemente des aktuellen Serienteils sind dort bereits enthalten und mit dem KI-Charakter Hendrik Jorgensen wird die Familien-Dynastie erstmals eingeführt. Der Mehrspielermodus verwendete beim Release den Multiplayerdienst Gamespy, welcher aber Ende Mai 2014  komplett eingestellt wurde. Seitdem konnte man nicht mehr online spielen, was sich aber mit der Anno History Collection nun natürlich wieder ändert. Die sonstigen Verbesserungen umfassen hier ebenfalls wieder vorwiegend Bugfixes und Überarbeitungen der Usability.

Zurück ins Mittelalter

In Anno 1404 übernimmt man als Spieler die Rolle eines Seefahrers in der Epoche des späten Mittelalters. Eine wesentliche Neuerung ist, dass man mit der Besiedelung des Okzidents und des Orients zwei Völker mit jeweils eigenen Gebäuden und Bedürfnissen handhaben muss. Da bestimmte Rohstoffe und Waren, welche die Europäer verlangen, nur im Orient hergestellt werden können, entsteht so eine bestimmte Abhängigkeit zueinander. Obwohl nach wie vor der Fokus auf dem Endlosspiel liegt, verfügt Anno 1404 über eine sehr umfangreiche Kampagne. Diese handelt von einer klerikalen Intrige zum Sturz des Kaisers, Der Spieler übernimmt dabei die Rolle einer nicht weiter benannten Hauptfigur, der in dem Kreuzfahrerheer des Adligen Richard Northburgh seinen Dienst leistet. Die Erweiterung Anno 1404: Venedig fügte dem Spiel 15 Einzelspieler-Szenarien und einen neuen Charakter, den Venezianer Giacomo Garibaldi, hinzu. Darüber hinaus können nun Agenten nun fremde Städte infiltrieren sowie sabotieren und mittels Stadtrat können sogar ganze Siedlungen aufgekauft werden. Die bedeutendste Neuerung stellte aber der Mehrspieler-Modus dar, der Partien mit bis zu acht Spielern via Internet oder lokalem Netzwerk unterstützt.

Anno 1404 ist bislang das einzige Spiel, welches ich nicht für Gamers.at testen durfte, aber ich kann meiner damaligen Kollegin nicht viel hinzufügen, die damals urteilte: „So macht Aufbaustrategie Spaß wie schon lange nicht. Vor allem der Spagat zwischen Zugänglichkeit und Komplexität ist wirklich gut gelungen und geht definitiv nicht auf Kosten der Core-Gamer. Auch der Orient und die zahlreichen Verknüpfungen zwischen den beiden Kulturen lassen die Komplexität noch weiter steigen. Anno 1404 ist das beste Anno aller Zeiten.“  Auch der damals vergebene Gamers.at Bullet Award war mehr als verdient. Die Neuerungen der History Collection beschränken sich hier auf ein paar wenige Technik-Upgrades, welche die Performance verbessern und Abstürze verhindern soll.

FAZIT

In meinem Test zu Anno 1800 haderte ich noch, ob der neueste Ableger meinen Serienliebling Anno 1404 vom Thron stoßen würde, aber nach nicht mehr gezählten Spielstunden gibt es für mich keinen Zweifel mehr, dass das Zeitalter der industriellen Revolution spielerisch doch etwas mehr hergibt, als das Mittelalter-Szenario und sich dadurch meine Präferenzen deutlich verschoben haben. Aber ich bleibe dabei: vom Gameplay und der Langzeit-Motivation sind beide Spiele auf Augenhöhe, warum auch Anno 1404 sicherlich das Glanzstück der History Collection ist. Für den ersten Serien-Teil und seinen Nachfolger braucht man hingegen schon eine Nostalgie-Brille mit sehr dicken, und vielleicht auch rosarot gefärbten, Gläsern, denn sowohl spielerisch, als auch in Sachen Steuerung sind beide Titel nicht sehr gut gealtert. Wer bislang kein Anno gespielt hat, der kann aber bedenkenlos zugreifen, denn zumindest Anno 1404 und 1701 zählen nach wie vor zu den besten Spielen im Genre der Aufbaustrategie. Ob man unbedingt die ganze Sammlung braucht oder sich auf einzelne Titel beschränkt, dass sollte jeder selbst entscheiden (alle Teile sind auch separat erhältlich). Ich als alter Annoholiker freue mich aber, dass ich auch die Anno 1602 endlich wieder auf meinem aktuellen Rechner zocken kann – auch wenn das Spielgefühl alter Tage sicher nicht mehr zurückkehren wird.

Was ist Anno History Collection? Vier gefeierte Städtebau-Klassiker und ihre Erweiterungen, vollständig optimiert für moderne Betriebssysteme.
Plattformen: PC
Getestet: Version 1.1 auf PC Intel  Core i7, 16GB RAM, NVIDIA GeForce GTX 1050 Ti
Entwickler / Publisher: Blue Byte / Ubisoft
Release: 25. Juni 2020
Link: Offizielle Webseite

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