Anthem im Test
GRAFIK 5
SOUND 4
HANDLING 3
SPIELDESIGN 3
MOTIVATION 4

Biowares Version des Online-Looter-Shooters verschenkt ein riesige Menge an Potential, denn das Gameplay Grundgerüst ist mehr als solide und macht Spaß. Doch in seinem momentanen Zustand bietet das Spiel, auch wenn es noch so toll aussieht, einfach von allem zu wenig und hat noch zu viele Macken

Summary 3.8 stark
GRAFIK 5
SOUND 4
HANDLING 3
SPIELDESIGN 3
MOTIVATION 2.5
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Summary 3.5 stark

Anthem im Test

Der Hype rund um das Riesen-Projekt von Bioware und EA, das es sich zum Ziel gesetzt hat das gerade angesagte Looter-Shooter MMO-Lite Genre auf den Kopf zu stellen, war zu Beginn recht groß, hat sich vor Release mit den wenig berauschenden Demo-Wocheneden aber schon fast ins Gegenteil verkehrt. Noch vor Start zum Flop erklärt, scheint EAs großer Hoffnungsträger eine große Enttäuschung zu werden. Doch ist dem wirklich so? Ist Anthem der Rohrkrepierer, den alle heraufbeschwören?

Wunderschön, geheimnisvoll…und tödlich

Der Legende nach wurde die Welt von Anthem von den sogenannten Shapern kreiert. Mithilfe komplexer und mächtiger Artefakte wollten sie in neun Tagen eine perfekte Welt schaffen. Doch aus ungeklärten Gründen sind die Shaper am dritten Tage verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Und so ließen sie eine unfertige, gefährliche Welt zurück, die bis zum heutigen Tag dabei ist, sich ständig zu verändern und zu entwickeln. Für die Einwohner dieser Welt ist das kein leichtes Los. Unvorstellbare Stürme oder Erdbeben machen weite Landflächen immer wieder zu Todeszonen und die ständigen Erdbewegungen haben ein zwar wunderschönes und fruchtbares Land geschaffen, aber eben auch ein durch hohe Berge und steile Klüften sehr schwer erschließbares. Die Menschen hier leben in festungsgleichen Städten, denn nicht nur die Welt selbst ist gefährlich. Angefangen von wilden Tieren, über feindliche Fraktionen, bis hin zu den in allen Ecken verstreuten, zurückgelassenen Relikten der Shaper, die nicht richtig bedient oder einfach nur unbeabsichtigt aktiviert, verheerenden Schaden anrichten können. Es gibt eine Menge Gründe die sicheren Städte nicht zu verlassen.

Aus eben diesem Grund gibt es die sogenannten Freelancer. Man könnte sie Söldner nennen, nehmen sie doch gegen Bezahlung all die gefährlichen Aufträge außerhalb der Mauern an. In ihren schweren, flugfähigen Kampfanzügen, Javelins genannt, sorgen sie für die Sicherheit Reisender, heben Banditenlager aus, oder helfen den ansässigen Forschern bei der Untersuchung gefährlicher Artefakte. Wir verkörpern einen dieser, nach einer verheerenden Katastrophe rar gewordenen, Freelancer, der unbeirrt versucht, die alten Tage als er und seinesgleichen als Helden gefeiert wurden, wieder aufleben zu lassen und einen Weg sucht, das geschehene zu korrigieren.

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I believe i can fly

Gleich nach dem Startbildschirm wird man ins Geschehen geworfen kommt in Berührung mit dem Kern von Anthem: In seinem Javelin durch die beeindruckende Landschaft brausen und in actiongeladenen 3rd-Person Gefechten diversen Widersachern den Garaus machen. Ersteres ist das große Highlight des Spiels, denn alle Kampfanzüge sind mit einem Jet-Antrieb am Rücken versehen. Das ermöglicht es, die Spielwelt im zügigen Flug zu erkunden und ferne Orte zu erreichen. Da der Antrieb nach einer Weile zu überhitzen beginnt, muss man dann kurz landen und zu Fuß seinen Weg fortsetzen, bis sich das Triebwerk ein wenig abgekühlt hat. Findet sich ein Teich oder See in der Nähe, kann man auch diese zur Kühlung benutzen. Einmal kurz eingetaucht, schon ist die Düse wieder kalt. Nahes Fliegen über einer Wasseroberfläche verringert das Erhitzen ebenso wie Sturzflüge aus großen Höhen. Das steuert sich ganz einfach und intuitiv, während die Überhitzungs-Mechanik dafür sorgt, dass man immer bei der Sache bleibt und versucht, so lange wie möglich in der Luft zu bleiben.

Hat man sein Ziel erreicht, geht es ans Eingemachte. Die Einsatzziele unterscheiden sich leider nur auf dem Papier wirklich. So macht es kaum einen Unterschied ob man die Teile eines Shaper-Relikts zusammensucht, oder von den geheimnisvollen Scar gefangene Forscher befreit. Man sucht in einem überschaubaren Areal nach den jeweiligen Zielen, interagiert mit diesen per Tastendruck und sucht dann das nächste. Während alle dem wird man freilich von Gegnern belagert, die versuchen einen am erreichen des Ziels zu hindern. Diese spawnen üblicherweise solange, bis man alle Relikte/Forscher zusammen hat, danach muss noch der Rest beseitigt werden, um den Auftrag abzuschließen. Im späteren Spielverlauf werden die Aufträge leider nicht komplexer, nur länger. So werden einfach mehrere Aufträge direkt aneinandergereiht.

Was hier vielleicht sehr öde klingen mag, ist es in Wahrheit nicht. Denn so wenig kreativ die Missionen auch gestaltet sein mögen, dass eigentliche Kampfgeschehen macht verdammt viel Spaß. Was sich zu Beginn wie klassisches 3rd-Person Shooter Gameplay mit flüssigem und intuitiven Gunplay anfühlt, wird nach den ersten paar Leveln um einige Facetten reicher. So spielt nicht nur die Möglichkeit zu fliegen, oder auch im Stillstand zu schweben (wobei auch das den Antrieb überhitzt) eine markante Rolle in den hitzigen Gefechten, sondern vor allem die verschiedenen, zwischen den Missionen über Ausrüstungs-Slots wählbaren, Spezial-Attacken. Je länger man Anthem spielt, um so mehr erkennt man, dass es diese sind, die das Kampfgeschehen weit mehr beeinflussen, als es die Waffen tun. Diese Specials, die man ebenso wie Waffen und passive Upgrade als Drops im Kampf oder als Belohnungen erhält, bestmöglich aufeinander abzustimmen, macht einen nicht unerheblichen Reiz des Spiels aus und wird besonders mit den höheren Schwierigkeitsgraden auch sehr wichtig.

Neben den Story-relevanten Missionen und diversen Aufträgen, die man von diversen Nebencharakteren bekommt, gibt es noch die Möglichkeit des sogenannten Freeplay. Hier wird man einfach auf der großen Karte ausgesetzt und kann sich dort frei bewegen, einfach um die Welt zu erkunden, Material fürs Crafting einzusammeln oder sich auf die Suche nach den zufällig auftauchenden Events zu machen, die dann allerdings wieder genauso wie alle anderen Aufträge ablaufen. An deren Ende wird man dafür mit einer Truhe voller Belohnungen beschenkt. Während man Missionen je nach Lust und Laune allein oder in der Gruppe absolvieren kann, ist Freeplay nur im Multiplayer zugänglich. Wer selbst in keiner Gruppe aus Freunden ist, wird einfach mit anderen Spielern zusammengewürfelt. Gleiches gilt auch für die Stronghold, die man am besten mit Instanzen in einem MMO vergleichen kann. Geradlinige Dungeons, speziell auch Gruppenspiel zugeschnitten, mit etwas komplexeren Mechaniken und einem harten Boss am Ende. Diese Strongholds stellen auch das Highlight der möglichen Aktivitäten in Anthem dar, wobei leider zu vermerken ist, dass zum jetzigen Zeitpunkt nur drei davon im Spiel sind, womit sich die Abwechslung doch sehr in Grenzen hält.

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Home Sweet Home

Hat man seine Mission bzw. Stronghold abgeschlossen, oder hat genug vom Erkunden im Freeplay, geht es zurück nach Fort Tarsis, der kleinen Festung am Rande der Zivilisation, die unsere Heimatbasis darstellt. Hier erhalten wir von NPCs in ausladenden Gesprächen unseren nächsten Story-Auftrag oder Nebenquests. Zudem gibt es eine ganze Reihe von Einwohnern, die darauf erpicht sind, sich mit uns zu unterhalten. Deren Geschichten haben zwar absolut keinen Einfluss auf den Spielverlauf, sind aber (zumindest teilweise) durchaus unterhaltsam. Abgesehen davon findet sich in der Stadt auch der leidige Shop, denn auch Anthem übernimmt den mittlerweile eingebürgerten Standard der Microtransactionen. Glücklicherweise sind diese aber, im Gegensatz zu anderen Spielen des Genres, überraschend wenig aufdringlich. Mit echtem Geld kann man ausschließlich kosmetische Dinge, wie neue Javelin-Models, Emotes oder Sticker, kaufen. Die sind übrigens gleichermaßen mit Ingame-Geld erwerbbar, der einzigen Währung, mit der man Crafting-Materialien zukaufen kann.

Der wichtigste Platz in Fort Tarsis ist aber die Schmiede. Hier inspizieren und konfigurieren wir unsere Javelins, von denen es vier Klassen gibt. Gleich nach der Intro-Mission erhält man den ersten, dann jeweils auf Level 8, 16 und 23 einen weiteren. So kann man sich entweder auf etwa den schweren Colossos, der zwar viel aushält, aber im Vergleich recht eingeschränkt in seiner Bewegung ist, spezialisieren, oder nach Belieben zum blitzschnellen Interceptor, dem auf Energiewaffen spezialisierten Storm sowie dem Allroundtalent Ranger wechseln. Welchen Javelin man auch immer wählt, sie alle wollen mit Ausrüstung bestückt werden. 2 Waffenslots, ebenfalls 2 Slots für die Angriffs-Abilities, einer für eine Defensiv-Fähigkeit und schlussendlich 6 Slots für sogenannte „Komponenten“, die nur passive Effekte haben. Die Auswahl an Waffen und Skills ist zwar kaum von berauschender Vielfalt, die vorhandenen unterscheiden sich aber merklich voneinander, was durchaus zum herumexperimentieren motiviert, um sein Lieblings-Setup zu finden. Jedes Ausrüstungsstück besitzt neben den eigentlichen Werten noch sogenannte Perks, also ebenfalls Passiv-Effekte, die dem jeweiligen Item zufällig beim Drop verliehen werden. Hier kommt dann auch das Crafting ins Spiel. Ausrüstung, die man besitzt und benutzt hat, kann man nachbauen. Sie wird dadurch zwar nicht grundsätzlich besser, jedoch kann man so versuchen eine Version zu schaffen, deren Perks genau auf das eigene Setup zugeschnitten sind. Während des Levelns lassen sich zudem höherstufige Versionen der schon freigespielten Items craften, sollte man kein Glück mit frischen Drops haben, seine Lieblingswaffe aber trotzdem weiter benutzen möchte.

Auch das optische Erscheinungsbild seines Javelin konfiguriert man in der Schmiede. Hier hat man sich bei Bioware, im Gegensatz zu anderen Bereichen, tatsächlich beachtliche Mühe gegeben. Abgesehen von den vielen Farben, in denen man die verschiedenen Teile seines Anzugs individuell einfärben kann, hat man ebenso die Wahl zwischen einer Vielzahl an Materialien. Das fängt bei Hartplastik an, geht über Gummi, diverse Stoffe und Leder, bis hin zu über 10 verschiedenen Metallen und Metalloberflächen. Außerdem kann man noch ein generelles Erscheinungsbild wählen, also dreckig, abgenutzt oder fabrikneu. Alles in allem muss man an diesem Punkt ein großes Lob aussprechen, denn gerade für die Individualisierung seiner Spielfigur muss man andernorts schon viel zu oft in die Echtgeld-Tasche greifen. Da lässt es sich auch verschmerzen, dass die Anzahl an verschiedenen Javelin-Models doch sehr gering ist, sieht man dank der vielen Möglichkeiten doch kaum 2 die sich besonders ähneln.

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So schön, so leer

Anthem sieht zweifellos beeindruckend aus. Die Welt mit ihren tiefen Schluchten, riesigen Wasserfällen und verfallenen Ruinen ist mehr als nur sehenswert. Dazukommen schöne Wasser-, Licht- und Partikel-Effekte die einen immer wieder staunen lassen. Auch Fort Tarsis, durch das wir uns in der Ego-Perspektive bewegen, ist sehr hübsch anzusehen, wirkt aber ein wenig leblos. Die Charaktere sind teilweise sehr gut, dann aber wieder eher mager gestaltet und animiert. Im Gegensatz dazu sind, wie schon oben erwähnt, die Javelins eine Augenweide. Auch das Gegnerdesign kann man als durchaus gelungen bezeichnen, wobei es auch hier an Vielfalt mangelt. Selbiges muss leider auch über das Waffendesign gesagt werden, wobei hier erschwerend hinzukommt, dass diese auch vom generellen Design her niemanden hinterm Ofen hervorlocken können.

Das Ganze läuft nach dem mehr als nur holprigen Frühstart mittlerweile sehr zuverlässig, flüssig und stabil, auch auf nicht mehr ganz taufrischen Rechnern. Einzig die Ladebildschirme sind weiterhin ein Ärgernis. Die wurden zwar durch Patches zwar schon merklich reduziert, nerven aber besonders bei der Nutzung von HDDs noch immer sehr und sind für alle weiterhin viel zu häufig. Eine Handvoll kleinerer Bugs sind außerdem zu vermelden, jedoch sind das mittlerweile nur mehr Kleinigkeiten, die den Spielfluß kaum stören.

Ein Wort vielleicht noch zum Audio-Erlebnis. Während die Musik, wenn auch nicht schlecht, viel zu austauschbar daherkommt, ist die Soundkulisse durchaus gelungen. Der Rums einiger Waffen lässt sich bei entsprechender Beschallung bis in die Knochen fühlen und die fremdartigen Geräusche, die Shaper-Artefakte von sich geben, bleiben im Kopf. Die Sprachausgabe ist leider etwas durchwachsen. Das gilt sowohl für die englische als auch die deutsche, wobei letztere nochmal um einiges schwächer ausfällt.

FAZIT

Anthem schlägt erwartungsgemäß in dieselbe Kerbe wie ein Destiny oder ein The Division und macht genau dieselben Fehler… nur schlimmer. Das eigentliche Gameplay, die schnelle Action gepaart mit Loot-Grid und dem stetigen verbessern seiner Ausrüstung, sowie die tadellose Präsentation, kann absolut gefallen. Jedoch gibt es von allem zu wenig, um Spieler im jetzigen Zustand allzu lange zu unterhalten. Zu wenig Waffen, zu wenig Gegnertypen, zu wenig Aktivitäten, zu wenig Endgame. Bioware hat zwar versprochen in regelmäßigen Abständen nachzuliefern (bereits im März soll das erste Content-Update erscheinen), jedoch bleibt zu befürchten, dass sich bis dahin die meisten schon eine andere Spielwiese gesucht haben. Besonders im Gruppenspiel auf höheren Schwierigkeitsgraden liegt sehr viel Spaß-Potential vergraben, ob sich das allerdings zu tatsächlichem Spaß für eine große Spielermenge ausbauen lässt, bevor niemand mehr da ist, muss sich erst zeigen.

Was ist Anthem? Ein Multiplayer Looter-Shooter in einem Schi-Fi Universum, ausgelegt auf Co-op
Plattformen: PC, PS4, XBox One
Getestet: Version 1.05 auf PC Intel Core i7-4770, 32GB RAM, GeForce 980 GTX
Entwickler / Publisher: Bioware / EA
Release: 22. Februar 2019
Link: Offizielle Webseite

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