Blacksad: Under the Skin im Test
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Péndulo Studios hat die Comicvorlage mit viel Charme zum Leben erweckt. Während die detaillierten Schauplätze zum Erkunden einladen bleiben jedoch sowohl Inszenierung als auch Teile der Spielmechanik hinter den Genrekonkurrenten zurück

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Blacksad: Under the Skin im Test

Nach Telltale Games unrühmlichem Ende und der damit einhergehenden Einstellung der Videospielreihe um Bigby Wolf – basierend auf dem Comiczyklus Fables – hat nun Péndulo Studios – bekannt für die point and click Adventure der Runaway Serie – einem weiteren Comic-Detektiv seinen Weg auf die heimischen Konsolen und den Computer gebahnt: John Blacksad, ein schwarzer Kater und grüblerischer Privatdetektiv im standesgemäßen beigen Trenchcoat, mit Affinität für die falschen Frauen, schlecht bezahlte Fälle und gattungsspezifischer Abneigung gegen Ratten.

Seit dem Jahr 2000 schreibt das spanische Autorenduo bestehend aus Juan Díaz Canales (Autor) und Juanjo Guranido (Zeichner) an ihrem gleichnamigen Film noir Detektiv-Comic. Bis zu diesem Zeitpunkt haben sie es auf fünf Bände gebracht. Ursprünglich für den französischen Markt konzipiert dauerte es nicht lange und Übersetzungen in die unterschiedlichsten Sprachen wurden veröffentlicht. Nun also hat der animalische Privatdetektiv den Sprung in ein völlig neues Medium geschafft. In dem Adventure Blacksad: Under the Skin schlüpfen wir in die Rolle des namensgebenden manteltragenden Katers, um einer jungen damsel in distress beizustehen, deren Vater sich erhängt hat. Doch, wie so oft im Film noir Genre, ist auch im aktuellsten Ermittlungseinsatz Blacksads nicht alles so, wie es zu Beginn scheint! Eine Metapher für den zwiespältigen Eindruck, den das Spiel mitunter hinterlässt.

Ein tierischer Film noir

John Blacksad ermittelt als Privatdetektiv in einem von anthropomorphen Tieren bewohnten New York der 1950er Jahre, in welchem Rassismus, Sexismus und rätselhafte Mordfälle auf der Tagesordnung stehen. Blacksad: Under the Skin ist zeitlich nach dem ersten Comic angesiedelt. Der schwarze Kater hat dementsprechend sein erstes dokumentiertes Trauma bereits hinter sich: die Aufklärung der Ermordung seiner ehemaligen Klientin und anschließenden Geliebten Natalia Wilford, einer berühmten Schauspielerin, gerichtet durch einen Kopfschuss in ihrem eigenen Bett. Die Aufklärung dieses Falls beschert Blacksad nicht nur reichlich emotionale Blessuren, sondern auch die eine oder andere gehörige Tracht Prügel, die ihm auch in seinem ersten Adventureauftritt immer wieder blühen – trotz tierischer Protagonisten ist das Adventure definitiv kein Kinderspiel geworden, sondern hält sich größtenteils an die düstere Atmosphäre der Vorlage. Unter die Haut geht Blacksad in seinem spielgewordenen Ermittlungseinsatz Sonia Dunn. Dieselbe ist die Tochter von Joe Dunn, dem Besitzer und Manager eines lokalen Box-Clubs, in welchem derselbe unter anderem den aufstrebenden Boxer Robert – durchgehend Bobby genannt – Yale coacht. Yale steht kurz vor seinem wichtigsten Kampf, der ihm zum Durchbruch im Boxsport verhelfen soll. Doch dann schlägt das Schicksal erbarmungslos zu: Joe Dunn wird tot aufgefunden, er hat sich mit einem Strick inmitten seines eigenen Boxringes erhängt und von seinem Schützling Yale fehlt jede Spur. Nun ist es an der Tochter den finanziell angeschlagenen Box-Club vor der Schließung zu retten. Da die Absage des lange erwarteten Boxkampfes Yales den sicheren Ruin für den Dunn’schen Box-Club bedeuten würde, beauftragt Sonia Dunn John Blacksad damit Yale ausfindig zu machen, um den lange erwarteten und minutiös vorbereiteten Kampf doch stattfinden lassen zu können. Johns Ermittlungen gestalten sich allerdings von Anfang an mehr als nur schwierig: Sonia Dunn erweist sich als – höflich ausgedrückt – äußerst unkooperativ und ungerührt vom Tod ihres Vaters, ein lokaler Gangsterboss mit irischen Wurzeln hat es sich ebenso zum Ziel gesetzt Yale aufzuspüren und versucht John für seine eigenen Machenschaften einzuspannen und irgendetwas scheint faul am Suizid Dunns zu sein, doch was? Blacksad: Under the Skin nimmt sich für die Exposition der Figuren und die Entwicklung des Spannungsbogens Zeit. Dem Film noir Genre hierin sehr getreu wollen zunächst einige wohlgehütete Geheimnisse gelüftet werden, bevor sich Blacksad zum Kern des Übels vorzuschnüffeln vermag.

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Von Detektivarbeit und Ikea Schränken

Wie es sich für ein Adventure – vor allem eines mit kriminologischem Sujet – gehört, sind wir den Großteil des Spiels damit beschäftigt unterschiedliche Schauplätze eingehenden zu untersuchen, um mehr über das animalische New York, Blacksads Vergangenheit, sowie vor allem das uns beruflich primär umtreibende Verschwinden von Bobby Yale zu erfahren. Zu diesem Zweck steuern wir Blacksad direkt – und nicht per point and click Mechanik – durch eine Vielzahl detailverliebt gestalteter Szenen, die eins zu eins dem Comic entnommen zu sein scheinen und dasselbe tatsächlich zum Leben erwecken. Dabei steuert sich Blacksad, entgegen seinem animalischen Vorbild, jedoch eher wie ein angeschossener Ikea Schrank denn ein graziler Stubentiger. Nicht nur reagiert unser samtpfotener Schnüffler verzögert auf Eingaben, wodurch ich immer wieder ungelenk gegen die unterschiedlichsten Einrichtungsgegenstände laufe, auch neigt Blacksad gerade in engeren Bildschirmausschnitten dazu sich an Ecken oder Gegenständen zu verkeilen.

Die unerträgliche Schwere des Seins?

Sind wir gerade nicht mit Tatortbegutachtung und Spurenlesen beschäftigt, so führen wir eine der zahlreichen Konversationen mit den Charakteren des Spiels, um neue Informationen zu erhalten. Dafür steht uns ein Multiple Choice Dialogsystem zur Verfügung, in welchem uns das Spiel die Freiheit gibt aus unterschiedlichen Frage- oder Antwortmöglichkeiten zu wählen, die das Gespräch in verschiedene Richtungen lenken und auch darüber entscheiden, wie gut oder schlecht unsere Gesprächspartner auf uns zu sprechen sind oder sein werden. Haben wir eine Entscheidung mit Reichweite getroffen, so teilt uns dies das Spiel verlässlich via Insert am obigen Bildschirmrand mit: So haben wir zum Beispiel gleich zu Beginn die Gelegenheit den Ehemann einer unserer Klientinnen des Fremdgehens zu überführen oder aber gegen einen kleinen Obolus seitens des untreuen Ehemannes Stillschweigen zu bewahren, um dessen Ehe nicht zu gefährden. Entscheiden wir uns für unsere Ehre als Privatdetektiv und dementsprechend gegen den plumpen Bestechungsversuch, so wird der Hinweis eingeblendet, dass wir uns so eben dazu entschieden hätten die Ehe zu gefährden anstelle die Bestechung anzunehmen. Hierbei handelt es sich um bekannten Usus der Telltale Spiele und ganz aktuell begegnet uns diese Mechanik auch in dem Horror Adventure Man of Medan. Die häufige Repetition dieser Mechanik zur Vermittlung von Entscheidungen mit vermeintlich weitreichenden Konsequenzen macht dieselbe vom Standpunkt der Immersion jedoch nur bedingt sympathischer. Hat eine Dialogentscheidung tatsächlich spürbare Auswirkungen auf spätere Szenen, so ist das zuvor eingeblendete Insert lediglich ein prospektiv redundantes Element; oder anders gesagt: es wird unnötig gewesen sein, da uns das Spiel die Konsequenzen ohnedies vor Augen führen wird. Genau hierin besteht jedoch der grundlegende Haken dieser Mechanik, der bereits bei Telltales The Walking Dead Reihe offenkundig zu Tage trat und auch im Falle von Blacksad: Under the Skin deutlich wird: Zumeist bleibt es bei den Inserts, welche uns eine beinahe unerträgliche Schwere unseres virtuellen Seins (Nietzsche) vermitteln sollen, tatsächlich jedoch in einer gleichsam unerträglichen Leichtigkeit desselben (Kundera) – im Sinne der Folgenlosigkeit unserer Entscheidungen für den Verlauf der Geschichte – münden. Auf den Handlungsbogen selbst haben unsere Entscheidungen nur selten nennenswerten Einfluss. Es sei denn wir versemmeln eines der zahlreichen Quick Time Events. Dann kann das Spiel für uns selbst – im Falle eines frühzeitigen Pixeltodes aufgrund z.B. einer Ladung Schrot in Bauch und Kopf dürfen wir das QTE einfach wiederholen – oder aber kurz vor Schluss auch jemand anderes schnell zu Ende sein. Tatsächliche wahrnehmbare Veränderungen zeitigen unsere Entscheidungen innerhalb von Dialogen in John Blacksads Persönlichkeitsprofil, welches wir über das Optionsmenü jederzeit einsehen können. Dort ist durch eine Prozentanzeige festgehalten, ob wir Blacksad eher als schweigsamen Einzelgänge, einfühlsamen Grübler oder aber ungeschickten Tollpatsch, der die einfachsten QTEs zu vergeigen vermag, spielen.

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Die Sinne einer Katze

Die zahlreichen Gesprächssituationen warten zudem nicht nur mit verschiedenen Möglichkeiten auf es uns mit unserem Gegenüber gehörig zu verscherzen, Blacksad verfügt darüber hinaus auch über gesteigerte Sinneswahrnehmungen, die es ihm in einer Dialogsituation manchmal erlauben bestimmte Details zu hören, sehen oder riechen. Ein Druck auf die entsprechende Taste friert die Situation ein. Mittels eines Kreises können wir das nunmehr schwarz-weiß eingefärbte Bild absuchen, bis das Gamepad zu vibrieren beginnt und sich der Durchmesser des Kreises zu verjüngen beginnt. Ab einem bestimmten Verkleinerungsgrad weist uns zusätzlich ein kleiner Pfeil am Rande des Kreises in die richtige Richtung. Auf diesem Wege schalten wir mitunter neue, unser Gegenüber kompromittierende Dialogoptionen frei, um deren Inszenierungen zu durchbrechen und solchermaßen der Wahrheit häppchenweise näher zu kommen oder versorgen uns mit wichtigen Indizien, die es uns ermöglichen wertvolle Schlüsse zu ziehen.

Auf den Pfaden von Sherlock Holmes

Denn manche der von uns gesammelten Hinweise hinterlassen Einträge in Blacksads Mind Palace, in welchem wir durch Verbindung derselben synthetische Schlüsse ziehen können, um durch die Kombination bekannter Informationen neue Indizien zu de- in- oder gar abduzieren. Faktisch bedeutet dies jedoch, dass wir lediglich bestimmte Aussagen miteinander in Beziehung setzen, den daraus ziehbaren Schluss nimmt uns Blacksad stets ab. Sobald wir zwei verknüpfbare Hinweise entdeckt haben teilt uns das Spiel dies neuerlich mittels Insert mit. So finden wir etwa beim Durchsuchen der Umkleidekabine eine rassistische Botschaft, die mit roter Farbe auf Yales Spindtür geschmiert wurde. Beim Durchsuchen der Spinde stoßen wir in jenem eines anderen Boxers auf ein Handtuch, welches mit roter Farbe befleckt ist. Die Verknüpfung dieser beiden Hinweise lässt für Blacksad den Schluss zu, dass der Besitzer des Spindes mit dem fleckigen Handtuch – und einer Konföderiertenflagge – Yales Spindtür verunstaltet und Yale selbst verunglimpft hat. Diese Schlüsse sind zumeist wenig herausfordernd und beliebig oft wiederholbar, sollten wir versucht haben die falschen Indizien miteinander zu kombinieren. Da in der Regel nur wenige Hinweise zur Verknüpfung bereit stehen, lassen sich diese Rätsel zumeist auch durch bloßes Raten erfolgreich lösen. An die Komplexität der Sherlock Holmes Adventure von Frogwares – mit der Möglichkeit einen Fall tatsächlich falsch zu lösen – vermag Blacksad: Under the Skin dementsprechend nicht heranzureichen.

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Licht und Schatten New Yorks

Péndulo Studios ist es jedoch gelungen den grafischen Charme der Comic-Reihe getreu dem Original umzusetzen. Neben Blacksad treffen wir auch auf den einen oder anderen alten Bekannten, so wir den ersten und zweiten Comicband gelesen haben. Die Schauplätze – wie etwa Blacksads Büro gleich zu Beginn des Spieles – scheinen wie aus den Panels des Comics geschnitten und digitalisiert. Das ist gerade für Fans der Vorlage eine schöne Sache! Das Spiel ist vollständig vertont und das in einer vorbildlichen Anzahl an Sprachen. Und vor allem die deutsche Synchronisation lässt sich hören – zumindest der Sprecher Blacksads. Dass die deutschen Untertitel über kein „ß“ verfügen, sondern dasselbe als Smiley ausgegeben wird kann da getrost als kleines Kuriosum übergangen werden.

Auffallend ist jedoch, dass das Writing, vor allem dort wo sich das Spiel der Themen Rassismus und Sexismus annimmt, etwas ins Holpern gerät. Immerhin schrecken die Autoren vor diesen heißen Eisen nicht zurück, sondern binden sie in die Narration ein. Denn ein schwarzes Fell zu haben ist auch in dem von anthropomorphen Tierwesen bewohnten New York kein Honigschlecken und treibt so manches Tier aus der südlichen Provinz in die Großstadt. So berichten es uns einige Charaktere zumindest, denn das Spiel zeigt uns die rassistischen Ausläufer der animalischen Gesellschaft nur sehr selten. Zwar spielen wir selbst einen schwarzen Kater, werden jedoch zu keinem Zeitpunkt Opfer irgendwelcher – auch nur latent angedeuteter – Ausgrenzungen unserer selbst, die auf die Fellfarbe zurückzuführen wären. Da übernimmt sich das Spiel – wenngleich mit guten Vorsätzen – etwas.

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FAZIT

Blacksad: Under the Skin hat, wie seine Comicvorlage, viel Charme. Ob ich mich nun als John Blacksad, antropomorphe Katze und Privatdetektiv, mit einem Nashorn – Bodyguard von Beruf, was sonst – prügle, das mit seiner Klientin die eigene Frau betrügt, mit dem väterlichen Freund und Polizisten Smirnov plaudere oder aber minuziöse Detektivarbeit leiste und Schlüsse ziehe, bis die Balken meines Mind Palace ächzen und krachen. Die Geschichte ist schön erzählt und Blacksads teils melancholischen, teils erläuternden und überleitenden Monologe fangen das Film noir Flair amerikanischer Filme der 40er und 50er Jahre äußerst stimmig ein. Auch die deutsche Synchronisation vermag, dank eines exzellent eingesprochenen Blacksads, zu überzeugen. Alle Zutaten für großen Adventure-Spaß sind somit am Bildschirm versammelt.

Und doch zündet das Ganze nicht immer. Zum einen bietet der Mind Palace kaum Herausforderungen, da ich oftmals naheliegende Bilder/ Sätze miteinander verknüpfe, ohne genau zu wissen, warum ich das tue. Die Schlüsse nimmt mir ohnehin Blacksad ab. Die Steuerung des Detektiven mit schwarzem Fell und Trenchcoat ist teilweise äußerst störrisch und erinnert schon fast an die Panzersteuerung alter Resident Evil Teile. Auch bezüglich der Erzählung und Inszenierung kommt Blacksad: Under the Skin insgesamt nicht ganz an The Wolf Among Us – etwa was den sozialkritischen Unterton im Umgang mit Minoritäten anbelangt – oder Life is Strange heran. Und doch schafft es Péndulo Studios eine atmosphärische Umsetzung des Comic-Stoffes vorzunehmen, die gerade für Freunde der Vorlage in jedem Fall einen Blick wert ist.

Was ist Blacksad: Under the Skin? Ein Film noir Detektiv-Adventure basierend auf einer Comicvorlage.
Plattformen: PC, PlayStation 4, Xbox One
Getestet: auf PC Intel Core i5-6600K, 4x 3.5GHz, 16 GB RAM, AMD Radeon R9 Fury
Entwickler / Publisher: Péndulo Studios, Ys Interactive/ Microids
Release: 14. November 2019
Link: Offizielle Webseite

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