Edna & Harvey: The Breakout – Anniversary Edition im Test
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Das Remake des ursprünglich 2008 erschienen Point-and-Click-Adventures besticht durch eine Rundumerneuerung der Grafik sowie Steuerung sowie einige neue Komfort-Features. Der Humor und die Story bleiben jedoch der eigentliche Trumpf des gelungenen Remakes

Summary 4.2 geil
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Edna & Harvey: The Breakout – Anniversary Edition im Test

Jetzt haben sie es schon wieder getan! Edna und ihr blauer Kuschelhase Harvey sind neuerlich aus der Nervenheilanstalt ausgebüxt. Daedalic Entertainment – die Entwickler der Point-and-Click-Adventure-Reihe Deponia (2012-2016) und The Whispered World (2009) – haben mit Edna & Harvey: The Breakout – Anniversary Edition ihr Erstlingswerk Edna bricht aus (2008), gute zehn Jahre nach dessen ursprünglichem Release, mit einem Jubiläums-Remake bedacht. Und das hat es in sich: Das Adventure wurde nicht nur grafisch generalüberholt – was in diesem Fall bedeutet, dass Hintergründe und Sprites völlig neu gezeichnet wurden –, sondern auch die Spielemechanik wurde einer Frischzellenkur unterzogen und bei dieser Gelegenheit mit einigen modernen Komfortfunktionen ausgestattet. Da macht der Road Trip in das nunmehr bald vorletzte Jahrzehnt, auch ohne neue Spielinhalte, gleich doppelt so viel Spaß.

Zehennägelkauen für Fortgeschrittene

Edna steht bloßfüßig – in ein weißes Flügelhemd gekleidet, das, sobald sie uns ihren Rücken zuwendet, immer wieder unvorteilhaft den Blick auf ihre rosafarbene Unterhose freigibt – in einer weiß gepolsterten Gummizelle, ausgestattet mit Tisch und Sessel. Doch wie ist sie dort gelandet und wo ist dieses „Dort“ überhaupt? Fragen über Fragen. Zum Glück steht ihr Harvey zur Seite: der getreue blaue Plüschhase mit den Frotteezähnen samt Neigung zu trockenem Humor und überdies Stimme all jener Gegenstände, mit denen Edna eine Konversation beginnt. Doch auch das gesprächige Stofftier – das selbst bloß Manifestation ihres eigenen Unterbewusstseins ist – kann ihrem Gedächtnis mit seinen kryptischen Vergangenheitsbezügen zunächst nicht recht auf die Sprünge helfen. Bald wird jedoch klar, dass Edna, die Rhabarberkompott ebenso leidenschaftlich hasst wie das 80er-Jahre-TV-Vorzeige-Alien ALF, unfreiwillige Patientin in einer Nervenheilanstalt ist. Dieselbe wird vom Vater einer Kindheitsbekanntschaft, Dr. Marcell, geleitet, dessen Größenwahn sich schon alleine daran erahnen lässt, dass er ein Portrait seiner selbst in eine Reihe mit Freud und Jung in seinem Sanatorium hat aufhängen lassen. Darüber hinaus scheint Einiges faul in dem Sanatorium, was nicht zuletzt der herrschende Umgangston belegt, den Ednas Aufseher ihr gegenüber pflegt. Doch um diesen Mysterien nachzugehen, gilt es zunächst einmal der gepolsterten Zelle zu entkommen. Das minutiöse Absuchen dieser lässt uns ein abschraubbares Sesselbein erhaschen, mit dessen Hilfe wir kurzerhand den Schacht einer Klimaanlage freilegen, der jedoch durch ein Gitter verschraubt ist. Ein Blick auf die Schrauben löst bei Edna infolge eine Assoziationskette aus, die es uns erlaubt, mitsamt Harvey in Ednas frühe Kindheitserinnerungen zu reisen, um dort die Kunst der Selbstentfesselung mittels abgekauter Fußnägel zu erlernen. Zwei Dinge werden bereits sehr früh deutlich: Edna & Harvey: The Breakout – Anniversary Edition spart nicht mit abstrusem Humor mit feinem Gespür für popkulturelle Referenzen, sondern legt auch eine narrative Komplexität an den virtuellen Tag, die innerhalb des Point-and-Click-Genres Ihresgleichen sucht.

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Mit Edna und Harvey auf der Flucht

In dieser Manier rätseln wir uns durch das Sanatorium, angrenzende Gebiete und Ednas Vergangenheit. An verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten suchen wir dabei die 2D-Bildschirmausschnitte nach neuen Hinweisen und Interaktionsmöglichkeiten ab, inspizieren Gegenstände, sammeln und benutzen dieselben und haben sogar die Möglichkeit, mit ihnen zu sprechen. In aller Regel antworten sie Edna auch. Hier springt Harvey ein, der den unbelebten Dingen seine Stimme leiht. Im Endeffekt also spricht Edna, nunmehr über Umwege, neuerlich mit sich selbst. Denn wie wir bereits erläutert haben, ist Harvey lediglich Ausdruck ihrer Imagination, wodurch die Konversationen mit anderen Gegenständen des Spiels zur doppelten Spiegelung von Ednas Unbewussten geraten. Ein wahres Spiegelkabinett an aberwitzigen Abstrusitäten ist die Folge. Das hält die angesprochenen Gegenstände jedoch mitnichten davon ab, uns wertvolle Hinweise zu geben, die nicht selten zur Lösung eines der zahlreichen Rätsel beitragen, in jedem Fall jedoch gut unterhalten. Dabei sind wir auf unseren Erkundungen des Sanatoriums recht frei. Dieses ist nicht linear aufgebaut und gibt uns die Möglichkeit, auf drei unterschiedlichen Stockwerken und den dort befindlichen Räumlichkeiten nach Möglichkeiten zu suchen, aus dem Gebäude zu türmen. So finden wir beispielsweise einen Löffel, mit dem ein Patient des Hauses sich einen Weg nach draußen zu graben versucht, allererst über zahlreiche Umwege in der hausinternen Bar landet. Doch auch der Barmann will allererst davon überzeugt werden, uns das rare Gut zu überlassen. Nicht Zigaretten, sondern Löffel scheinen in Dr. Marcells Sanatorium die begehrteste Währung darzustellen. Angesichts der Weitläufigkeit der Rätsel und Freiheit in der Erkundung der Nervenheilanstalt kann man schon einmal – vor allem nach längeren Spielepausen – den Überblick verlieren. Dadurch bleibt Edna & Harvey: The Breakout – Anniversary Edition jedoch stets schön fordernd, was das Spiel zu einem geistigen Nachfolger der klassischen Point-and-Click-Adventures der 90er-Jahre macht, als Quick Time Events als primäres Gameplay-Element noch kein Teil des Genres waren.

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What a difference ten years make

Der Überraschungshit Edna bricht aus, der Daedalic Entertainment quasi über Nacht – zumindest im deutschsprachigen Raum – zu großer Bekanntheit verhalf, hatte bei seiner Ersterscheinung im Jahr 2008 vor allem mit zwei Dingen zu kämpfen: einer veralteten Technik und einer ebenso veralteten Mechanik. Die Hintergründe und Sprites waren allesamt von Hand gezeichnet und wurden anschließend eingescannt und eingefärbt. Bei aller darin zum Ausdruck kommenden Kreativität der daran beteiligten Köpfe merkte man dem Spiel seinen Status als Erstlingswerk und vor allem Studienabschlussprojekt doch deutlich an. Dazu gesellte sich eine Legion an Bugs, die zunächst vor allem durch die Community ausgemerzt wurden, bevor die darin vorgenommenen Fixes in einen offiziellen Patch seitens der Entwickler aufgenommen wurden. Und auch die Bedienung des Spiels mittels am unteren Bildschirmrand aufgelisteter Verben – angelehnt an die frühen Lucas-Arts-Klassiker – und die ausschließliche Interaktion mit eingesammelten Gegenständen im und aus dem Inventar heraus, gestaltete sich als umständlich und wenig intuitiv.

All diese Kinderkrankheiten wurden mit Edna & Harvey: The Breakout – Anniversary Edition erfolgreich ausgemerzt. Das Spiel erstrahlt in völlig neuem Look, alle Hintergründe und Sprites wurden neu gezeichnet und vom ursprünglichen 4:3 auf ein 16:9 Format übertragen. Dadurch erstrahlen Irrenhaus und Umgebung in einem ansehnlichen Detailreichtum mit liebevollem, wenngleich auch reduziertem, Zeichenstil, der nicht zuletzt an die Käpt‘n Blaubär-Einspieler aus der Sendung mit der Maus (und dem kleinen Elefanten, so viel Zeit muss sein) erinnern. Alles wirkt wie aus einem Guss, was jedoch dazu führt, dass nicht immer unmittelbar ersichtlich ist, bei welchen Dingen es sich um interaktive Objekte handelt und welche lediglich Teil der Hintergrundtextur sind. Aus diesem Grund ist es sehr zu begrüßen, dass die Entwickler die Komfortfunktion implementiert haben, Objekte mit Interaktionsmöglichkeit durch Druck auf die Leertaste hervorzuheben – denn Point-and-Click-Adventures sind schließlich keine Wimmelbilder!

Die neue Grafikpracht

Die Überarbeitung der Spielemechanik hat dem Point-and-Click-Adventure ebenso gutgetan. Vergessen sind die Zeiten der Verb-Steuerung; die rechte Maustaste erlaubt es uns nun, die Gegenstände einer eingehenderen Betrachtung zu unterziehen, uns also seitens Edna erzählen zu lassen, was sie sieht. Halten wir wiederum die linke Maustaste gedrückt, so öffnet sich nunmehr ein Radialmenü mit Symbolen, welches die ursprüngliche Steuerung mittels Verben ersetzt. Über die Symbole des Menüs können wir so mit Personen und Gegenständen sprechen, unterschiedliche Items benutzen, aufnehmen oder nochmals einer eingehenderen Inspektion unterziehen. Am unteren rechten Bildschirmrand können wir, per Klick auf einen der beiden Pfeiltasten, durch unser Menü scrollen, was im weiteren Verlauf des Abenteuers jedoch zu langwierigen Klickintermezzi führt, da Edna alles einsackt, was nicht niet- und nagelfest – respektive fest mit der Hintergrundgrafik verbunden – ist. Auf Knopfdruck lässt sich jedoch auch einfach das gesamte Inventar öffnen und die eingesammelten Items zur Gänze überblicken und direkt anwählen. Der im Inventar ausgewählte Gegenstand erscheint anschließend im Radialmenü im obersten Kreissegment und ermöglicht es uns, mit demselben innerhalb der Spielewelt zu interagieren. Wählen wir etwa Harvey aus, so können wir den Kuschelhasen nach Hinweisen bezüglich eines Gegenstandes oder auch einer Person befragen. Daedalic Entertainment hat Edna & Harvey: The Breakout – Anniversary Edition darüber hinaus auch für alle Freunde des Originals die ursprüngliche 4:3-Version des Spiels Edna bricht aus (2008) beigelegt. Eine sehr schöne Sache! Entfernt wurde hingegen der Entwicklerkommentar von Jan „Poki“ Müller-Michaelis, dem ursprünglichen Autor, Illustrator, Animator, Programmierer und Skripter des Spieles, dessen Diplomarbeit Anlass für die Entstehung von Edna bricht aus war. Zweckmäßig bleibt zudem die Musik, die für mich zwischen Fahrstuhlmusik und eher aufdringlich wirkendem Gedudel hin und her schwingt.

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Die Patienten des Hauses

Die größte Stärke des Spiels ist jedoch der Humor desselben, der in unzähligen Dialogen zelebriert wird. So begegnen wir neben zahlreichen popkulturellen Referenzen auch unzähligen denkwürdigen Charakteren und Situationen. In diese Kerbe schlägt etwa eine Selbsthilfegruppe für Videospielprogrammierer, in welcher sich das Team von Daedalic Entertainment selbst verewigt hat. An anderer Stelle stoßen wir auf den Alumann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit seinem Kleiderhaken Ausschau nach Löchern im Chi zu halten. Auf die interessierte Nachfrage Ednas hin, weshalb er dies tue, meint dieser nur trocken: „Man kann ja nicht mit löchrigem Chi herumlaufen. Am Ende steht noch das ganze Ying unter Yang und dann haben wir das Fengshui.“ Im Atelier des Bienenmannes wiederum steht ein mannshohes Drahtgestänge, auf welchem der Generalschlüssel des Sanatoriums hängt. Die Flucht scheint so gut wie gelungen, doch Edna weigert sich, denselben an sich zu nehmen, zerstöre dies doch das Kunstwerk. Zugleich fühlt sie sich von der Kunstinstallation jedoch verspottet, da sie der Schlüsse schließlich locke, was sie wiederum ärgere, womit sie schlussendlich selbst Teil des Kunstwerkes werde. Der Rätselcharakter des Kunstwerkes auf einen bizarren Punkt gebracht! Harveys Warnung, wonach der Spieler hierfür kein Verständnis haben werde, quittiert Edna mit den Worten: „Wenn der hier alles versteht, ist ihm ohnehin nicht mehr zu helfen.“ Fürwahr! Das ist nicht nur außerordentlich charmant inszeniert und geschrieben, sondern entfaltet eine selten erreichte Situationskomik, die auch 2019 und wohl noch lange darüber hinaus ungebrochen zündet. Außerdem sind die Dialoge stets mit einer Ernsthaftigkeit vorgetragen, die mich in der Regel nicht über die Patienten des Sanatoriums, sondern mit ihnen lachen lässt, und das ist keine leichte Sache angesichts der zugrunde liegenden Materie. Dass dabei zum Teil zugleich das Klischee der offensichtlich repressiv strukturierten klinischen Psychiatrie reproduziert wird, wodurch nicht zuletzt deutlich perfidere Machstrukturen und -gefälle verschleiert werden, lässt sich angesichts dessen jedoch verschmerzen.

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FAZIT

Daedalic Entertainment ist es mit Edna & Harvey: The Breakout – Anniversary Edition gelungen, ihr bereits im Original großartiges Erstlingswerk Edna bricht aus (2008) auf Hochglanz zu polieren. Kinderkrankheiten wie störende Bugs und eine wenig intuitive Verb-Steuerung wurden ausgemerzt, und auch die schon damals veraltete Grafik wurde grundlegend überarbeitet: Hintergründe und Sprites wurden neu gezeichnet und in ein 16:9-Format übertragen. Auf zusätzliche Inhalte haben die Entwickler bei der Anniversary Edition indessen verzichtet; im Gegenteil, der ursprünglich enthaltene Entwicklerkommentar wurde entfernt, was mich persönlich angesichts der Qualität der übrigen Verbesserungen des Spiels aber auch nicht weiter stört. Humor und Rätseldesign bleiben weiterhin auf höchstem Niveau und ziehen mich, mitsamt den zahlreichen liebenswürdigen Charakteren, in den Bann dieses nunmehr über zehn Jahre alten Spiels, dem man sein Alter nun auch nicht mehr ansieht. Wer das Original kennt, kann sich jetzt an einer zeitgemäßeren Grafik und eingängigeren Steuerung erfreuen; wer Edna bricht aus hingegen noch nicht gespielt hat und Point-and-Click-Adventures schätzt, hat nun einen Pflichtwunsch mehr für den Brief an das Christkind.

Was ist Edna & Harvey: The Breakout – Anniversary Edition? Das Remake des 2008 erschienen ersten Point-and-Click-Adventures des deutschen Studios Daedalic Entertainment
Plattformen: PC
Getestet: auf PC Intel Core i5-6600K, 4x 3.5GHz, 16 GB RAM, AMD Radeon R9 Fury
Entwickler / Publisher: Daedalic Entertainment/ Daedalic Entertainment
Release: 04. Dezember 2019
Link: Offizielle Webseite

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