Fallout 76 im Test
GRAFIK 2
SOUND 2
HANDLING 1
SPIELDESIGN 2
MOTIVATION 3

Ein mutiger und begrüßenswerter Feldversuch des Genre-Klassikers, der aber im Anfangsstadium an einen Rohrkrepierer erinnert. Das solide Grundgerüst kann nicht lange über Bugs und fehlende Entwicklungszeit hinwegtäuschen

Summary 2.0 passt
GRAFIK 2.7
SOUND 4.1
HANDLING 2.9
SPIELDESIGN 2.5
MOTIVATION 2.6
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Summary 3.0 stark

Fallout 76 im Test

Seit über einer Woche kann mittlerweile in Bethesdas Spin-off der Fallout-Reihe, Fallout 76, eingetaucht werden. Nach dem Beta-Desaster, wo sich durch den Klick auf „Spielen“ alle Spieldateien wie von Zauberhand gelöscht haben, waren die Server immerhin für alle schon vor dem 14. November online. Zeit genug, um sich ein erstes Bild des unorthodoxen Experiments zu machen. Und wir sprechen hier nicht (nur) von Supermutanten.

Atombömbchen wechsel dich

Bethesda entfernte sich mit Fallout 4 ja schon ein wenig von der Original-Reihe. Mit kurzen und uneinsichtige Dialogen, unsterblichen Begleitern oder dem Fokus auf Bau und Verteidigung von Schrottfestungen, lies das Spiel insgesamt ein wenig an Tiefe vermissen. Dem gegenüber standen der hervorragend funktionierende Entdeckertrieb und eine glaubhafte Welt mit wenigen Überlebenden, die sich nicht selten in Fraktionen zusammenschlossen. Jeder Fan der Serie kennt ihre Stärken und Schwächen zur Genüge.

Mit Fallout 76 kommt nun ein Versuch auf den Markt, in einem Szenario, welches sich die Serien-Veteranen wohl nicht erwartet haben. Während sich Fans, ähnlich wie bei Skyrim, öfter kooperative Modi für solche Singleplayer-Blockbuster wünschen, will der neue Ableger ein wenig gegen den radioaktiv verseuchten Strom schwimmen. Und wandelt die Solo-Reihe kurzerhand in einen Multiplayer-Erkundungssimulator ohne NPCs um, in dem andere Spieler zu töten eine wesentliche Rolle spielen soll. Die Frage nach dem „warum“ drängt sich auf. Aber die nach dem „warum nicht“ vielleicht genauso.

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Ein freundliches Willkommen

Toter als tot

Im Charaktereditor können wir, gleich, wie in früheren Teilen, das Äußere unserer Figur festlegen. Danach werden wir als Bewohner von Vault 76 in, die nach Atomkriegen zerstörte, Welt entlassen, und sollen sie gemeinsam mit unseren ehemaligen Mitbewohnern neu bevölkern. Dies geschieht aber keineswegs, wie in vielen feucht-fröhlichen Fantasien, mit nicht enden wollenden Zärtlichkeiten. Zu Beginn begibt man sich auf die Fährte der Aufseherin unseres Vaults, die uns eine Spur aus Kisten mit nützlichen Gerätschaften hinterlassen hat – inklusive Audiologs, welche die Überlebenden in die Spielwelt einführen sollen.

Diese Audiologs waren im vorherigen Teil Ergänzungen zum Universum, sogenanntes „Environmental Storytelling. In Fallout 76 sind diese Audiologs nun beinahe die einzige Quelle für die erzählte Geschichte. Denn außer Mutanten, Tieren, Robotern und uns Spielern existiert in der Welt kein anderes Lebewesen, das einen Schwank zum Besten geben könnte. Beinahe alles erfahren wir somit über Audiologs und gefundene Briefe, eben die Umgebung selbst. Abgesehen davon, dass stundenlanges Lesen und Zuhören nicht jedermanns Sache ist, widerspricht es ein wenig dem Multiplayergedanken des Spiels. Der Bitte, man möge doch das Feuer einstellen, da unsere Figur gerade einer herzzerreißenden Geschichte lauscht, wurde bisher nur selten nachgekommen.

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Atmosphärischer Leckerbissen

Angeschossen und ausgeloggt

Generell wirkt das PvP künstlich und wenig durchdacht. Die Absicht eines Zweikampfs wird dadurch bekundet, indem ein Duellant einem anderen Spieler Schaden zufügt. Die Bestätigung erfolgt, indem dieser wiederum Schaden an seinem Gegenüber verursacht. Damit startet die Auseinandersetzung. Die Sache hat nur einen gewaltigen Haken: Wer auf Spieler ballert, die keinem Duell zustimmen, fügt ihnen extrem wenig Schaden zu. Vermutlich, um Spieler ohne Interesse an feindlichen Handlungen nicht zu sehr zu verärgern. Der Herausforderer hat also einen immensen Nachteil. Denn der Opponent kann sich, sobald wir unsere Absicht geäußert haben, einen Drogencocktail aus Psycho, Buffout und Konsorten einwerfen, gemütlich seinen Raketenwerfer aus der Hosentasche ziehen und uns mit seiner Zustimmung bereits aus den Schuhen blasen. Hier muss Bethesda dringend nachbessern, etwa mittels eines Einladungssystems oder gar einer Servertrennung. Private Server sollen etwa Ende 2019 erscheinen, auf diesen sollen die viel geforderten Mods ebenso erlaubt sein.

Zusätzlich gibt es noch einen Jagdmodus, für den sich über einen Radiosender am bekannten Unterarm-Computer, dem Pip Boy, angemeldet werden kann. Sobald sich genug Spieler gefunden haben, bekommt jeder ein Ziel zugewiesen, welches zur Strecke gebracht werden soll. Dabei wird natürlich unsere Spielfigur gleichfalls zur wandelnden Zielscheibe für einen anderen Spieler. Der letzte Überlebende gewinnt die Hatz. Während sich der Modus spaßig anhört, konnte ich bislang keine Gruppe dazu finden. Denn wer nicht zufällig drüber stolpert oder recherchiert, erfährt nichts davon. Bethesda lässt die Spieler im Spiel dazu im Dunkeln. Generell sieht es mit genreüblichen Features in Fallout 76 düster aus

Lebensqualität Mangelware

Natürlich wurden die meisten bestehende Funktionen aus Fallout 4 einfach übernommen. Das Inventar im Pip Boy zu sortieren ist nach wie vor extrem umständlich und unübersichtlich, sodass aufgrund der limitierten Kapazität viel Zeit in Menüs verbracht wird. Nicht selten kommt es zudem vor, dass wir ein Gebiet gesäubert haben und uns nun in Ruhe um die Beute kümmern wollen. Bei größeren Gebäuden kann das so lange dauern, dass bereits niedergestreckte Feinde erneut erscheinen. Immerhin taucht der Loot ebenso wieder auf, dennoch kann das mitunter nervig sein.

Für Aufschrei hat das maximale Lager-Limit von 400 gesorgt. Denn ohne eine Blaupause für einen Power Armor-Ständer, die man erst später im Spiel erhält, nehmen allein diese Rüstungs-Teile bereits beträchtlich viel Platz weg. Zusammen mit Waffen, die erst mit höherem Level benutzt werden können, Nahrung oder Schrott, der zum Bauen und Reparieren benötigt wird, ist das Limit schnell erreicht. Zudem trifft unser Wanderer auf der Welt nur selten auf Händler in Form von Robotern, die noch dazu nur über 200 Kronkorken pro Tag verfügen. Wer verkaufen will, muss also schnell sein: Nicht nur, dass ein Spieler einen Händler blockiert sobald er mit ihm interagiert – die Verkäufer gehören noch dazu verschiedenen Fraktionen an und teilen sich die Kronkorken untereinander. Wenn also ein Händler keine Kronkorken mehr besitzt, ist kein Kaufmann dieser Fraktion mehr flüssig. Ein absolutes Unding.

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Alles was man nach einem harten Tag im Ödland braucht

Engine…Engine never changes

Zudem beweist Fallout 76, dass die Engine einfach nicht zeitgemäß zu sein scheint. Selbst wenn die Grafik zeitweise nett anzusehen und stimmig ist, haben selbst starke Systeme immer wieder mit immensen Frame-Einbrüchen zu kämpfen. Und von High End Grafik kann hier wirklich nicht gesprochen werden. Außerdem gibt es keine Field of View-Einstellungen im Spiel, kein Support von Ultra-Wide und der von Haus aus aktivierte Voice Chat hat schon sehr oft für störende Frustmomente gesorgt. Vor allem zu Beginn, da ja alle Überlebenden im Vault 76 starten. Von harmlosen Schwätzchen bis zur Absonderung von Körperflüssigkeiten war alles in der plötzlichen Geräuschexplosion inkludiert. Alle Spieler auf Knopfdruck stumm schalten ist nicht möglich, es muss sich Fallout-typisch durch mehrere Menüs mit unsinnigen Hotkeys gefummelt werden. Zudem verbinden sich die Spieler auf Server, die nicht vorausgewählt werden können. Selbst wer sich die Mühe macht und zu Beginn alle Spieler präventiv stumm schaltet, muss das bei der nächsten Spielesession wieder machen, da nicht immer am selben Server mit denselben Leuten gespielt wird. Ausgenommen natürlich, man zieht mit Freunden los. Für diese Dinge hat Bethesda aber bereits Besserung mit kommenden Patches angekündigt.

Bunte Wälder, fade Aufgaben

Die Handhabung der Waffen fühlt sich allgemein sehr schwerfällig an, weil beispielsweise der horizontale Zoom nicht dieselbe Geschwindigkeit wie der vertikale bietet. Ebenso scheint das Spiel den Fortschritt zwischen den Quests nicht immer zu speichern, wenn das Spiel beendet wird. Vielmehr wurde in einer Datei ein Zeitwert für „automatisches Speichern“ gefunden. Deshalb ist es hin und wieder schon vorgekommen, dass Progress verloren ging, wenn man sich im falschen Moment und außerhalb des Speicherintervalls ausgeloggt hat. Wie es so eine Funktion bei einem Multiplayer-Titel in die Release-Version geschafft hat, ist nicht einfach erklärbar. Dennoch gibt es natürlich positivem, unterhaltsame Situationen im Spiel. Etwa als uns eine Bande umherstreunende Ghule, „Verbrannte“ genannt, des Nachts im Wald überraschte. Auf der Flucht landeten wir geradewegs in einem Bus voller Supermutanten. Zum Glück knipsten sich unsere neuen „Freunde“ gegenseitig aus.

Die Quests selbst sind sehr generisch und bestehen meist nur darin, anderen Figuren ein unfreiwilliges Ende zu bereiten. Zwar gibt es durchaus witzige Ausnahmen, wie etwa eine Parkour-ähnliche Feuerwehrprüfung oder ein Event, in dem Tiere mit spezieller Munition beschossen werden müssen, um sie zum Sprechen zu bewegen. Alles in allem gibt es aber zu wenige seltsame oder interessante Protagonisten, die serientypisch durchaus öfter vorkamen. Außerdem vermittelt es ein Gefühl von Sinnlosigkeit, sich Aufnahmeprüfungen von diversen Fraktion zu stellen, obwohl kein lebendes Mitglied der Fraktion mehr existiert.

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Einer der nicht essbaren Pilze in Fallout 76

Kartenspiel im Baukasten

Unser Wandersmann kann bei jedem Stufenaufstieg einen Punkt in das bekannte „S.P.E.C.I.A.L.“-System stecken, um ein gewünschtes Attribut zu steigern. Für dieses Attribut kann dann eine Karte mit diversen Boni ausgewählt werden. Diese Boni zielen meist darauf ab, die Lebensqualität, die das Spiel von vorneherein erschwert, wieder zu erleichtern. Meistens betrifft das die Gewichtsreduktion von Gegenständen oder, dass weniger gegessen und getrunken werden muss. Zudem gibt es zu festen Stufen Pakete mit größtenteils zufällig generierten Karten. Wer also anhand eines Plans bauen will muss ein wenig Glück haben, oder zumindest einen Planer benutzen. Dies ist vor allem ärgerlich, wenn Spieler ihre Fähigkeiten Schlösser zu knacken oder Systeme zu hacken schnell verbessern möchten, aber die richtigen Karten erst ab einer vorbestimmten Stufe bekommen können. Ein eher ungelenk wirkendes Element.

Zwar macht das Zusammensetzen der Karten insgesamt durchaus Spaß, aber die zufällige Komponente stört dennoch. So soll vermutlich verhindert werden, dass Spieler der Stufe drei bereits Schlösser der höchsten Stufe knacken können. Warum sich aber nicht am Fähigkeiten-Baum aus Fallout 4 angelehnt wurde ist unklar. So wirkt es nur wie eine zusätzliche, künstliche Limitierung, die daran hindert, das Spiel so zu spielen, wie der Spieler das möchte. Zusätzlich gibt es noch Upgrades, die Auswirkung auf unsere Ausdauer-Regeneration, die Sprint-Geschwindigkeit oder das Vault-Tec Assisted Targeting System (kurz V.A.T.S.) haben. V.A.T.S. fungiert in Fallout 76 quasi als Zielhilfe, da der Lauf der Zeit ja in einem Multiplayerspiel nicht verlangsamt werden kann. Doch dieses Element ist leider genauso schleißig umgesetzt. Da sich Feinde ja in Echtzeit bewegen, ändert sich, vor allem bei agileren Gegnern, die prozentuale Trefferchance im Sekundentakt und wandert gern mal auf unter 20 Prozent.

Endspiel in der Endzeit

Auf höheren Stufen kann durchaus Beschäftigungen nachgegangen werden, wenn auch gegenwärtig die Auswahl sehr eingeschränkt ist. Man kann etwa versuchen Nuklearcodes zu finden und zu entschlüsseln. Durch diesen komplexeren Vorgang ist es möglich Atombomben zu starten, die nach der Explosion in gewissen Teilen der Spielwelt neuartige Mineralien freilegen oder besondere Bosse hervorrufen. Diese dürfen dann, vorzugsweise in Gruppen, bekämpft werden. Sollte eine Nuklearrakete unser Lager zerstören, kann es aber relativ schnell wieder aufgebaut werden. Zudem erhält man zwei Minuten vor Einschlag eine Warnung, wodurch jeder Zeit hat, sein Lager schnell zu verlegen.

Da nicht nur freundlich gesinnte Spieler in der postapokalyptischen Welt existieren, sollte auf das eigene Camp Acht gegeben werden, denn solange der Spieler, der dieses gebaut hat online ist, kann es zerstört werden. Geht man offline, verschwindet das Camp ebenfalls. Sollte in der Zwischenzeit bis zum nächsten Login ein anderer Spieler zu nah an unser Lager gebaut haben oder wir auf einen Server geraten, wo schon ein anderer diesen Platz besetzt hat, müssen wir unseres verlegen. Immerhin, dies ist mit wenigen Klicks möglich.

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Peace, at last

FAZIT: Nicht mutierter Fisch, nicht Mutantenfleisch

Fallout 76 muss wohl als Experiment gesehen werden. Innovation und das Aufbrechen alter Strukturen sind gemeinhin begrüßenswert, in diesem Fall wurden aber mitunter fragwürdige Entscheidungen getroffen. Warum rückt man einen atmosphärischen Singleplayer-Klassiker plötzlich so in einen Spieler gegen Spieler-Fokus? Und dann noch in einer Qualität, die weder dem aktuellen Zeitgeist noch dem zu zahlenden Preis des Titels angemessen erscheint. Wäre die Fallout-Reihe nicht prädestiniert für einen Multiplayer-Titel, wo man zusammen durch die Welt streift und der Hauptaugenmerkt auf der Welt und der Atmosphäre selbst liegt?. Mit Schwerpunkt darauf, gemeinsam gegen NPCs zu bestehen und spannende Quests zu erleben? Klar kann die Spielerschlacht ebenso funktionieren, aber da fehlt es gegenwärtig einfach an Konzept und Umsetzung.

Allerdings ist nicht alles schlecht, die Erkundung der Welt macht Spaß und die Atmosphäre ist wieder großartig gelungen. In diesem Bereich gibt es aber eben wenig bis keine Neuerungen. Fallout 76 ist aktuell ein Titel voller unbeantworteter, widersprüchlicher Fragen. Es soll PvP sein, aber die Mechaniken und die Umsetzung taugen nicht wirklich dafür. Es soll kooperativ sein, aber die permanenten Audiologs und Logeinträge stören den Spielfluss dafür zu sehr. Die Spieler sollen sammeln und bauen, aber der Platz ist streng limitiert. Es wirkt so, als ob Bethesda selbst nicht weiß, wohin die Reise gehen soll. Ein Atom-Shop für kosmetische Gegenständen existiert bereits, geht es also um Mikrotransaktionen? Ist es die Vorstufe zu einem echten Fallout-MMO? Klar, jeder der in die erste Generation einer Innovation investiert, trägt ein gewisses Risiko mit. Und das Spiel kann ja dennoch Spaß machen, weil das bewährte Grundgerüst ganz falloutesque funktioniert. Trotzdem bleibt man mit vielen Fragezeichen über dem Kopf zurück. Vielleicht wird der Weg klarer, sobald er ein wenig beschritten wurde. Wenn die technischen Probleme behoben wurden, das Spiel dringend notwendige Komfortfunktionen erhält und die künstlichen Limitierungen mehr Schliff erhalten haben. Der Titel kann für viele Spieler sicherlich trotzdem unterhaltsam sein. Jeder sollte sich aber genauestens informieren, worauf sich hier einlässt. Die Apokalypse ist halt kein Zuckerschlecken.

Was ist Fallout 76? Multiplayer-Experiment der bekannten Ödland-Apokalypsen-Reihe.
Plattformen: PC, PlayStation 4, Xbox One
Getestet: Auf PC Intel Core i5-4590, 8GB RAM, GeForce GTX 960
Entwickler / Publisher: Bethesda Game Studios / Bethesda Softworkts
Release: 14. November 2018
LinkOffizielle Webseite

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