Pathfinder: Kingmaker im Test
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Pathfinder: Kingmaker will nicht nur einen Meilenstein im Rollenspiel-Genre setzen, sondern auch Klassikern wie Baldur’s Gate und Pillars of Eternity rivalisieren. Durch geschicktes kombinieren des, vom gleichnamigen Pen-&-Paper übernommenen, Regelwerks, und einem äußert gut intergrierten Verwaltungssystem für das eigene Königreich, schafft es Pathfinder: Kingmaker den Klassikern gefährlich zu werden

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Pathfinder: Kingmaker im Test

Das im Juni 2017 auf Kickstarter erschienene Pathfinder: Kingmaker vom russischen Entwickler Owlcat Games versucht Genre-Hits wie Pillars of Eternity oder Divinity: Original Sin 2 das Wasser zu reichen. Als potentieller Nachfolger zum Klassiker Baldur’s Gate bedient es sich am Regelwerk des gleichnamigen Pen-&-Papers Rollenspiels. Das macht Pathfinder: Kingmaker besonders für Rollenspiel-Veteranen interessant, da sich das Spiel mit dem System an den Oldschool-Rollenspielen, sogenannten CRPGs (Classic Role Playing Games), orientiert. Aber hat es Owlcat Games überhaupt geschafft, Baldur’s Gate mit ihrem neuen Titel Konkurrenz zu machen, oder ist dieser nur einer von vielen Nachahmern, denen es am gewissen „Etwas“ fehlt?

Scheinbar unendliche Möglichkeiten

Pathfinder: Kingmaker bedient sich an vielen, bewährten Prinzipien der Rollenspiel-Sparte: Das Game startet mit dem Erstellen eures eigenen Helden; davor darf der zukünftige Abenteurer entscheiden, auf welchem Schwierigkeitsgrad er das Spiel spielen möchte. Hier kann zwischen sieben Stufen gewählen werden, wobei eine davon ein „Custom“-Modus ist, in welchem man die Möglichkeit hat, frei zu entscheiden, wie schwierig bestimmte Spielaspekte sind. Diese Einstellungen kann man zudem auch noch später ändern. Nach dem Auswählen des Härtegrads, wählt man schließlich einen der vorgefertigten Charaktere aus oder bastelt sich seinen eigenen Helden. Im Charakter-Editor stehen hierfür zahlreiche Rassen zur Verfügung, die individualisiert werden dürfen. Zwar sind die Auswahlmöglichkeiten für den optischen Teil des Protagonisten recht mager, dafür aber die Klassen umso vielfältiger.

Sage und schreibe 14 Klassen gibt es in Pathfinder: Kingmaker, jede davon mit jeweils drei Spezialisierungen. Anders als beim zukünftigen Helden, sind die Klassen der Gefährten schon im Vorhinein festgelegt. Zusätzlich gibt es noch Prestige-Klassen, in welche man ab dem Erreichen von Level fünf Talentpunkte setzen kann. Nach dem Wählen einer Gruppierung, verteilt man Rollenspiel-typisch Punkte für Attribute und Fähigkeiten auf seine Hauptfigur. Auch zwei einzigartige Fähigkeiten stehen zur Verfügung, welche man seinem Abenteurer beliebig zuweisen kann. Damit auch unerfahrene Spieler hier noch den Überblick behalten, gibt es für die jeweils gewählte Klasse Markierungen, die einem dabei helfen, zu verstehen, welche Talente, Attribute oder Fähigkeiten am besten zur jeweiligen Gruppierung passen. Je nach dieser Wahl hat man dann auch noch die Möglichkeit, Zauber, Tierbegleiter und sogar verschiedene Göttern, an die der Held glaubt, festzulegen. Interessant ist auch, dass sich der Spieler, anders als in manch anderen Rollenspielen, eine Gesinnung aussuchen kann, welche dem Protagonisten, mehr oder weniger, Tiefe verleiht. Diese dient als Ausgangspunkt, kann sich aber im Verlauf des Spiels, je nach getroffenen Entscheidungen, auch ändern.

Schon in der Charaktererstellung wird klar, dass sich Pathfinder: Kingmaker stark an seinem Pen-&-Paper Vorbild orientiert. RPG-Novizen könnte dies natürlich übel aufstoßen, da der Spieler schon zu Beginn mit sehr vielen Informationen konfrontiert wird. Hier hilft auch eine große und detailliert beschriebene Enzyklopädie nichts. Das Problem ist, dass man als Neueinsteiger, aber auch teils als erfahrenen Genre-Veteran, noch zum Großteil keinen Bezug zu den Talenten, Attributen und Fähigkeiten hat, was für große Verwirrung sorgen kann.

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Vom kleinlichen Söldner zum herrschenden König

Pathfinder: Kingmaker erfindet das Rad nicht neu. Gemäß der bewährten Rollenspiel-Manier sieht man die Spielwelt aus der isometrischen-Perspektive und steuert eine Gruppe von bis zu sechs Abenteurern. Das Game bietet eine große und schön anzusehende Spielwelt, die nicht nur belebt ist, sondern auch durch eine Menge verschiedener Szenarien aufblüht. Auf der Weltkarte bewegt man seine Abenteurer mit einer provisorischen Tabletop-Figur von Punkt zu Punkt und wird nicht selten von Räubern oder sonstigen magischen Wesen überfallen. Unter anderem bieten die Spielabschnitte, welche sich durch die Weiten der Flusskönigreiche ziehen, eine große Vielfalt an Städten, Dungeons, Dörfern und sonstigen Schauplätzen, die alle eng in die Handlung verwoben sind und das Spiel vor allem durch die detaillierte, aber doch schlichte gehaltene, Optik ergänzen.

Als einfacher Söldner wird man angeheuert, um die Raublande von einer Gruppe Banditen zu befreien, dessen Räuberkönig zu stürzen und neuer Baron zu werden. Dabei wird man aber nicht nur von den benachbarten Ländern bedroht, sondern auch von einem anderen Rivalen, welcher sich ebenfalls nach dem versprochenen Titel sehnt. Zusätzlich drängt Pathfinder: Kingmaker mit einem gesetzten Zeitlimit und macht dadurch die ersten Spielstunden wesentlich interessanter, auch wenn dieses bei genauerem Hinsehen viel zu großzügig ist. Das bedeutet: Der Spieler hat genug Zeit, alle Nebenquests abzurackern, ohne dabei wirklich in Stress zu geraten.

Pathfinder: Kingmaker hat es geschafft, einen gelungenen Mix aus Rollen- und Aufbauspiel zu schaffen, was nicht nur eine billige Draufgabe zum bestehenden Spiel ist, nein, das Management  des Königreichs ist gut durchdacht. Das rechtmäßig verdiente Land verwaltet der Spieler selbst. So kann dieser im eigenen Thronraum über verschiedenste Dinge entscheiden – von kleinen Streitereien, bis hin zu spielverändernden Begegnungen ist hier alles drinnen. Allzu oft muss der Spielende selbst die Initiative ergreifen und losziehen, um die Probleme selbst am Schopf zu packen. Ganze Questreihen werden meist im Königsreichsmodus abgearbeitet und enden nach langem Planen meist mit epischen Bosskämpfen, welche sich auf das ganze Königreich auswirken können. Mit den Audienzen, die sich im Thronsaal abspielen, kommen noch andere Ereignisse hinzu. Diese können in zwei Kategorien aufgeteilt werden: Gelegenheiten und Probleme. Während Fehlschläge bei Ersterem keine negativen Auswirkungen haben, wirken sich Misserfolge bei Zweiterem nachteilig auf die Baronie und deren Werte aus, wie unter anderem Gemeinschaft, Loyalität, die beträchtlich sinken. Um all diese Herausforderungen zu meistern, hat der König mehrere Berater-Plätze zur Verfügung, denen er Begleiter oder NPCs zuweisen kann, die den Herrscher in verschiedensten Angelegenheiten vertreten. Diese würfeln auch gemäß dem Pathfinder-Regelwerk, also macht es Sinn, die am geeignetsten Anhänger für diese Stellen auszuwählen – aber nur solange diese auch die Ansichten des Herrschers teilen. Ist dies nämlich nicht der Fall, kann es im Laufe des Spiels zu Konflikten in den eigenen Reihen kommen.

Durch den Ausbau von Städten, Dörfern sowie der Hauptstadt des Königreichs mithilfe von Baupunkten, hebt der Spieler die Werte seiner Baronie an. Ein Wert, auf den man besonders achten sollte, ist dabei die Stabilität. Diese ist schwer zu steigern und kann am besten durch Synergien zwischen aneinanderliegenden Häusern gesteigert werden. Sinkt die Stabilität unter null, endet das Spiel – Game Over. Natürlich lässt sich aber auch das Königreich des Herrschers ausbauen, was meist mit Quests verbunden ist. Nach und nach schaltet man mehr NPCs, bzw. Gebäude frei. Nicht selten bieten diese dann seltene Gegenstände oder Boni für den König. So entsteht ein interessanter Wechsel zwischen der Verwaltung und einem Heldenleben voller Abenteuer. Auch wenn die Ladezeiten hierbei den Spielfluss unterbrechen, werde diese Zwangspausen meist mit interessanten Hintergrund-Informationen gefüllt, über welche man beim Durchblättern der Enzyklopädie womöglich kaum stoßen würde.

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Dieser verfluchte Würfel …

Mit dem gemütlichen Städtebau ist es aber noch nicht getan, denn anders als dieser Teil von Pathfinder: Kingmaker sind die Kämpfe kalt und erbarmungslos. Wenn man durch List, Diplomatie oder Einschüchterung keinen Weg am Gefecht vorbei findet, wird der Spieler gnadenlos mit dessen Folgen konfrontiert. Die Kämpfe in Pathfinder: Kingmaker sind fast schon unfair. Aber warum nur fast? Durch das, von Pathfinder übernommene Regelwerk wird bei jeder Aktion gewürfelt. Aber das Spiel ist nicht etwa schlecht ausbalanciert, nein, es ist fair – nur eben gnadenlos fair. Schon das kleinste Vorwissen gegenüber seines Gegners kann von unglaublichem Vorteil sein. So passiert es nicht selten, dass man sich vor Ausflügen zu Dungeons entsprechend vorbereiten und erkundigen muss, um auch wieder heil zurückzukommen. Die meisten Gegenspieler haben nämlich eine Schwachstelle und diese gilt es für den Spieler herauszufinden. Nachdem man entdeckt wird, pausiert das Spiel und man hat die Möglichkeit, sich entsprechend zu positionieren bzw. auf die Gegner zu reagieren. Auch im Kampf kann man jederzeit das Spielgeschehen per Drücken der Leertaste unterbrechen. Passiert es dann doch einmal, dass ein Gefährte stirbt, so kann dieser durch teure Wiederbelebungszauber zurück ins Reich der Lebenden gebracht werden. Tut man dies nicht, bleibt er tot.

Wer keine Lust auf ein Hardcore-Rollenspiel hat, sollte im Schwierigkeitsgrad ein paar Änderungen vornehmen. Der Grund dafür ist, dass sich ein faires Würfeln mit gleichen Chancen für Gegner und Spieler manchmal unfair anfühlt. Schon beim Spielen auf  „Normal“ muss die Abenteurer-Gruppe bloß verringerten Schaden einstecken und hat ein besseres Würfelglück, dennoch gestaltet sich Pathfinder: Kingmaker mehr als schwierig. Im Kampf hat der Spieler so die Möglichkeit, jedes Gruppenmitglied frei zu kontrollieren oder diese selbständig kämpfen zu lassen. Größere Gefechte arten meist in eine sehr detaillierte, gut gelungene, aber auch manchmal unübersichtliche Schlacht aus. Dem wirkt die Möglichkeit, ständig pausieren zu können, gut entgegen. Der Abenteurer kann somit auch im größten Feuerwerk an Zaubern und Effekten noch den Überblick haben. Die klassischen Pen-&-Paper Regeln entscheiden dann schließlich über Erfolg und Misserfolg im direkten Kampf. Gewürfelt wird für Angriff und Verteidigung, und hier zeigt sich, dass das Spiel auch gnädig sein kann. Trotz mehrfacher kritischer Erfolge des Gegners sorgt der Glücksfaktor nämlich dafür, dass der Spieler dennoch die Überhand im Kampf behalten kann. Natürlich kann man diesen auch ausschalten, aber wie schon gesagt: Fair am Blatt Papier fühlt sich im Spiel nicht immer fair genug an. Die herausragende Komplexität von Pathfinder: Kingmaker lässt sich aber so einstellen, dass vom Rollenspiel-Neuling, bis zum alt-eingesessenen Veteranen jeder seinen Spaß findet.

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Zugabe!

Auch wenn Pathfinder: Kingmaker „offiziell“ nur 40 Stunden Spielzeit bietet, kann man bis zum Erreichen der unterschiedlichen Enden ruhig mehr als das doppelte veranschlagen. Der Wiederspiel-Wert ist enorm. Das liegt nicht nur an den verschiedenen Ausgängen oder gar den unterschiedlichsten Auswirkungen, welche die Taten vom Spieler im Königreich wiederspiegeln, sondern auch zum Großteil an den tiefgehenden Gefährten des Helden. Diese verhalten sich diesem gegenüber, je nach Entscheidungen und Taten, unterschiedlich. Die Wegbegleiter in Pathfinder: Kingmaker glänzen mit ihrer Komplexität. Jeder davon, und auch andere wichtige NPCs, sind vollständig auf Englisch vertont. Doch keine Bange, die deutschen Untertitel sind brauchbar und die realistisch sowie gut vertonen Charaktere ein echter Hingucker. Die liebevoll vertonten Persönlichkeiten werden durch einen mittelalterlichen Soundtrack schön untermalt. Dieser hört sich nicht nur gut an, sondern ergänzt die malerische Spielwelt quasi perfekt. Abgesehen davon, bietet das Spiel sogar wechselnde Jahreszeiten und ein Wettersystem, was das Gefühl, in einer lebendigen Welt zu leben, nochmal deutlich erhöht.

FAZIT

Pathfinder: Kingmaker hat gezeigt, dass sogar das berüchtigte Baldur’s Gate Konkurrenz bekommen kann. Die Entwickler von Owlcat Games haben gute Arbeit geleistet und ihr Titel hat mich schon nach wenigen Stunden in seinen Bann gezogen. Durch die tiefgehenden Charaktere und die umfangreiche Spielwelt ist es mir immer und immer mehr ans Herz gewachsen. Und nicht nur das macht Owlcat Games richtig: Der, ohnehin schon überragende, Rollenspiel-Aspekt wird durch die Verwaltung des Königreiches, welche sich nicht nur wie eine halbherzige Funktion, sondern eher wie ein vollständiges Feature anfühlt, perfekt ergänzt. Pathfinder: Kingmaker schafft es somit, Aufbau- und Rollenspiel gekonnt miteinander zu verflechten. Das Gefühl, für das ganze Reich verantwortlich zu sein und Entscheidungen zu treffen, die sich nachhaltig auf das Königreich auswirken, ist ein unglaubliches. Jeder noch so kleine Schritt kann große Wellen schlagen. Menschen wegen den eigenen Taten sterben zu sehen oder Begleiter, welche sich vom Spieler abwenden und ihren eigenen Weg beschreiten, sind nur einige der vielen Konsequenzen. Auch wenn die Komplexität für manchen Rollenspiel-Neuling vielleicht abschreckend ist und eine Hemmschwelle sein kann, durch die zahllosen Einstellungsmöglichkeiten beim Schwierigkeitsgrad wird sichergestellt, dass jeder sein eigenes, individuelles Abenteuer erlebt. Auch wenn Baldur’s Gate immer noch der ungeschlagene König bleibt, muss sich Pathfinder: Kingmaker sicherlich nicht hinter den „Großen“ verstecken, sondern hat sich einen eigenen Platz am Treppchen verdient.

Was ist Pathfinder: Kingmaker? Komplexes CRPG, welches sich am gleichnamigen Pen-&-Paper orientiert.
Plattformen: PC
Getestet: Version 1.0.9 auf PC Intel Core i7-6700HQ, 8GB RAM, GeForce GTX 960M
Entwickler / Publisher: Owlcat Games / Deep Silver
Release: 25. September. 2018
LinkOffizielle Webseite

 

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