The Walking Dead: The Final Season im Test

The Walking Dead: The Final Season im Test

Sieben Jahre begleiten wir schon die kleine Clementine bei ihrer Reise durch die zombieverseuchte Postapokalypse. Telltales Interpretation des The Walking Dead-Stoffes löste sich dabei weitgehend von bekannten Figuren und Handlungssträngen. Durch diese Entscheidung schufen sich die Entwickler genügend Freiraum, um eigene Geschichten in dem von Robert Kirkman erschaffenen Universum zu erzählen. Die erste Staffel schlug, dank ihrer Mischung aus Storytelling und (illusorischen) Entscheidungsmöglichkeiten, ein wie eine Bombe. Ein Erfolg, an den Telltale nie wieder anschließen konnte, was letztendlich zur Schließung des Studios führte. Damit schien auch jede Möglichkeit auf ein befriedigendes Ende für Clementines Odyssee gestorben zu sein. Doch zum Glück gibt es Rob Kirkman …

Das Ende

Telltale hatte mit der ersten Staffel zu The Walking Dead wohl einen Nerv getroffen, von dem viele nicht wussten, dass es ihn gibt. Denn trotz massiv reduziertem Gameplay verkaufte sich der Serieneinstand wie warme Semmeln. Mag auf den ersten Blick verwunderlich wirken, doch der Fokus auf die Narrative, Entscheidungsfreiheit und cineastische Inszenierung hatte seinen Reiz. Ähnlich wie in den Choose Your Own Adventure-Büchern der 80er Jahre, konnten von uns gewählte Dialogoptionen und Entscheidungen den Verlauf der Geschichte beeinflussen. Zugegeben, das mit der Entscheidungsfreiheit war in den Werken Telltales immer mehr Schein als Sein, nichtsdestotrotz hatte ich an so mancher moralischer Entscheidung zu knabbern. Jeder, der das Ende der ersten Staffel miterlebt hat, versteht was ich meine.

Jetzt, ganze sieben Jahre später, erleben wir mit der vierten und letzten Staffel zu The Walking Dead nicht nur das Ende von Clementines Abenteuer, sondern konnten beobachten wie Telltale an seinen eigenen Ambitionen zerbrach und letztendlich schließen musste. Spätere Titel konnten nicht mehr an den Erfolg der ersten Staffel anschließen. Eine Kombination aus wirtschaftlicher Fehlkalkulation und schlechtem Projektmanagement – es wurde an zu vielen Titeln gleichzeitig gearbeitet – führte zur plötzlichen Schließung des einst vielversprechenden Studios. Dass Clementines Weg, trotz dieser traurigen Begebenheit, nicht unvollendet bleibt ist vor allem einem Mann zu verdanken: Bob Kirkman. Der Schöpfer der ausgezeichneten The Walking Dead Comics sprang mit seinem eigenen Entwicklungsstudio – Skybound Entertainment – ein und wird die finale Staffel zu Ende führen.

Ich habe mich hingesetzt, um mich ein letztes Mal in Telltales Welt von The Walking Dead zu begeben. In den folgenden Abschnitten werdet ihr meine Eindrücke und Gedanken zu jeder einzelnen Episode von The Walking Dead: The Final Season finden. Da jede Folge auf den Ereignissen der vorherigen aufbaut, kann es an dieser Stelle zu leichten Spoilern kommen, doch werde ich versuchen schwerwiegende Storydetails zu vermeiden.

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Episode 1: Genug mit Wegrennen

Einige Jahre sind seit den Ereignissen der dritten Staffel vergangen. Serienheldin Clementine ist inzwischen zu einer jungen Frau herangereift. Auch der kleine AJ – um den sich Clementine seit Staffel 2 wie eine Mutter kümmert – ist inzwischen ein kleiner Junge im Alter von etwa sechs bis acht Jahren. In einem alten Wagen durchstreifen sie die Postapokalypse auf der Suche nach Nahrung und etwas, dass sie ihr Zuhause nennen können. Als sie durch eine versehentlich ausgelöste Falle eine Horde Beißer anlocken, scheint ihr Weg zu Ende zu sein. Doch werden sie von einer Gruppe junger Erwachsener gerettet und finden sich in einer alten Schule wieder. Zunächst scheint es so als hätten unsere beiden Helden endlich einen Ort zum Bleiben gefunden. Vielleicht, unter der Obhut des charismatischen Rabauken Marlon, sogar so etwas wie eine Familie. Doch wie so oft im Leben ist nicht alles Gold was glänzt…

Spielerisch ist auch in der neuesten Staffel von The Walking Dead: The Final Season relativ viel beim Alten geblieben. Wir steuern Clementine meist aus der Verfolgerperspektive durch einzelne Szenen, in denen wir mit unserer Umgebung oder diversen Zeitgenossen interagieren können. In Dialogen wählen wir, in der Regel unter Zeitdruck, aus diversen Antwortoptionen aus und können dadurch ihren Verlauf beeinflussen. Zwischendurch gibt es auch Actionsequenzen. Diese werden via Quick-Time-Events bestritten. Graphisch wurde der bekannte Comicstil verschönert. Auch neu ist die erstmalige deutsche Lokalisierung der Gespräche. Diese schwankt jedoch oft zwischen gut und schmerzhaft.

Geschrieben ist die erste Episode allerdings sehr gut. Im Fokus der Erzählung steht ganz klar Clementines Vorbildwirkung auf den kleinen AJ. Der Junge hat als Kind seiner Zeit eine Moralvorstellung jenseits der unseren. Um zu überleben ist er vielleicht gezwungen, schreckliche Dinge zu tun. Dessen ist sich Clem bewusst, will aber vermeiden, dass das Kind aus der Notwendigkeit heraus zu einem Monster wird. Deshalb wird in vielen Gesprächen zwischen den beiden das Erlebte und die Reaktion des Duos darauf reflektiert. Eine Tatsache, die ich sehr spannend fand, da AJ dem Schrecken seiner Umwelt mit kindlicher Neugier sowie Naivität begegnet und dadurch die Folgen seines Handelns oft nicht versteht. Auch die Truppe der verlassenen Kinder rund um Marlon ist spannend charakterisiert. Es gibt kein Gut und Böse, es gibt nur Zwischentöne. Jeder hat seine Motive und ist als Figur nachvollziehbar. Gerade Marlon, mit seiner schrecklichen Frisur und dem leichten Oberlippenbart, fand ich als Charakter sehr spannend. Wie weit gehst du um jene zu schützen die du liebst? Wie leben mit falsch getroffenen Entscheidungen? Diese Fragen führten zu einem Folgenfinale, dessen moralischen Ausmaße mich mit offenen Mund sitzen ließen.

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Episode 2: Lasst die Kinder zu mir kommen

Aufgrund der Geschehnisse in Episode 1, wurden AJ und Clementine aus der Gruppe geworfen. Auf ihrem Weg in eine unbekannte Zukunft begegnen sie einer Bedrohung, die nicht nur ihr eigenes Leben betrifft, sondern auch jenes der Kinder der verlassenen Schule.

Man merkt dieser Episode besonders stark an, dass es sich bei The Walking Dead: The Final Season um ein abschließendes Kapitel handelt, denn sie spannt narrativ einen Bogen zur ersten Staffel. Die zunächst noch gesichtslose Bedrohung, in Form militanter Erwachsener, offenbart einen Antagonisten, dessen Weg wir bereits in der ersten Staffel gekreuzt haben. Besonders bitter ist es, wenn klar wird, dass es eine unserer Entscheidungen war, welches dieses empathielose Biest geboren hat. Besonders interessant fand ich den Aspekt, dass die Gruppe innerhalb der Schule gezwungen ist, ihre Trauer und Wut in Anbetracht eines Verlustes zu reflektieren. Kann man jemanden die Schuld für sein Handeln geben, wenn sich der Handelnde der Tragweite seiner Tat nicht bewusst ist bzw. vielleicht auch nur so handelte weil er einem geliebten Menschen in Not glaubte? Auch tun sich erste Anzeichen für ein potentielle Liebschaft Clementines auf. Sowohl die rebellische Violet, als auch der sensible Lewis scheinen ein Interesse an der Überlebenskünstlerin zu haben.

Spielerisch überrascht die zweite Episode mit einer kleinen „Shootereinlage“. Wir dürfen den Zombies mit Pfeil und Bogen ans Leder. Klar spielt sich das weder sonderlich genau noch anspruchsvoll, ist aber eine willkommene Abwechslung.

Technisch hatte Lasst die Kinder zu mir kommen ein paar kleinere Probleme: Es kam immer wieder zu Einbrüchen der Bildrate und in manchen Szenen fehlten einzelne Bewegungen, was sehr befremdlich wirkte.

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Episode 3: Kaputtes Spielzeug

Einige Bewohner der verlassen Schule wurden von bewaffneten Erwachsenen entführt. Sie sollen als Kindersoldaten in einem Krieg um Lebensmittel und Medikamente kämpfen. Clementine und die verbliebenen Kinder fassen den Plan, die mobile Basis ihrer Gegner zu infiltrieren und ihre Freunde zu retten.

Episode 3 lies mich mit einem leicht gespaltenen Gefühl zurück. Es gab einige der besten Momente der Staffel, aber es kam auch zu Situationen die ich nicht nachvollziehen konnte. Jeden Dialog mit AJ, in dem es darum ging AJs Moralverständnis zu formen, fand ich sehr gelungen. Darf ich äußerste Gewalt anwenden, um lebenswichtige Informationen zu bekommen? Verdient auch ein schlechter Mensch Gnade und Mitgefühl? Diese Gespräche mit dem süßen Bengel ließen mich richtig in Clementines Rolle schlüpfen und mir wurde dadurch bewusst, wie sehr mir Clementine als auch AJ ans Herz gewachsen sind. Das ist gutes Storytelling und lässt Gefühle aufkommen ohne dabei dick aufzutragen.

Anders verhielt es sich mit zwei anderen Szenen. In der einen bekommen wir es mit einem Zombieflüsterer zu tun, der uns verklickern will, dass Zombies fühlende Wesen sind. Daher sollte man sie mit Rücksicht und Respekt behandeln. Um uns seine These zu beweisen, steckt er uns in einen Stall voller Beißer. Was darauf folgt sollte eine emotional-epische Erkenntnis sein, konnte mich persönlich aber leider nicht überzeugen, da wir schon seit Staffel eins wissen, dass die Untoten auf akustische Reize reagieren. Ihnen deswegen Menschlichkeit zuzusprechen fand ich seltsam. Das zweite Szenario war eine Party, welche die Gang rund um Clementine am Abend vor den Angriff auf die Basis der Erwachsenen feiert. Diese hatte für mich gut funktioniert, bis zu dem Zeitpunkt an dem eine der Figuren ein Lied zu singen begann. Auch hier wieder potentiell emotional, aber für mich zu kitschig und dadurch unangenehm.

Das Ende der Folge überrascht dann wieder mit ein paar interessanten Figurenentwicklungen, einer schweren Entscheidung sowie einem fiesen Cliffhanger …

Die vierte und letzte Episode erscheint am 26. März und dann kommt auch unser abschließendes Fazit.

Was ist The Walking Dead: The Final Season?: Ein cineastisches Adventure im Walking Dead Universum
Plattformen: PlayStation 4, Xbox One, PC (Epic Store)
Getestet: PC
Entwickler / Publisher: TellTale Games/TellTale Games, Skybound Entertainment
Release: 29. März 2019 (Boxed Version)
Link: Offizielle Webseite

 

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