Watch Dogs: Legion – angespielt

Watch Dogs: Legion – angespielt

Eine Stadt lehnt sich auf; und ich mitten drin. Wenige Wochen bevor Watch Dogs: Legion offiziell erscheint, hat Ubisoft mich vier Stunden lang in das virtuelle London abtauchen lassen. Dabei wurde gehacked, gefahren, geballert und gegaberlt bis der Controller glüht. Hier meine Eindrücke.

Aufgrund des grundsätzlichen Settings, dass man in Watch Dogs: Legion ja im Grunde jedermann und jederfrau für die Hacker-Organisation DedSec rekrutieren und somit spielen kann (dazu später mehr), ist die Versuchung groß zu sagen, dass es im dritten Teil der Serie keinen „Helden“ mehr gibt. Ich möchte hier widersprechen. London ist der Held. Vom ersten Moment in der Demo, die ein paar Stunden nach Kampagnenstart angesiedelt war, konnte mich Großbritanniens Hauptstadt begeistern. Dabei war es gar nicht unbedingt die Tatsache, wie detailliert die Stadt selbst umgesetzt war, sondern viel mehr, mit wie viel Leben sie gefüllt ist. Da wankt ein Betrunkener aus einem Pub, dort wird in einem Open-Air-Club ausgelassen getanzt, hier tobt eine wilde Demo, da wird gerade ein Passant von den bösen Albion-Söldnern verprügelt und überall surren Drohnen für die unterschiedlichsten Aufgaben durch die Luft – von Paketzustellungen bis hin zu Überwachung. Und mitten drin also wir: DedSec. Wer ist DedSec? Jeder und niemand. Ich bin DedSec. Du bist DedSec. Die Oma von nebenan ist DedSec. Der ehemalige MI6-Agent ist DedSec. Der Graffiti-Artist da drüben ist DedSec. Verdammt, sogar der Postler ist DedSec, wenn man es will. Und sie alle sind unser Alter-Ego. Immerhin wird London quasi von einer Armee belagert. Da braucht es auch eine Armee, sich zu wehren. Doch was ist eigentlich passiert im schönen London?

DedSec als Sündenbock

Die Kurzversion? Die Stadt wurde angegriffen. Ein Anschlag zerstört Teile der Stadt und wird in Folge noch dazu eben jener Gruppe in die Schuhe geschoben, die ihn eigentlich verhindern wollten – also DedSec. Panisch sucht die Regierung nach Hilfe und findet sie in Albion – einer privaten Sicherheitsfirma, die in Folge Zugriff auf das Fans sicherlich nur allzu bekannte ctOS (central Operating System) erhält und die Stadt damit quasi über Nacht in eine Militär-Diktatur mit Überwachungsstaat-Mentalität verwandelt. Klar, dass sich DedSec da auflehnen will. Doch für ein direktes Vorgehen gegen Albion ist unser Trupp einfach viel zu geschwächt. Es gilt also erst einmal wieder neue Kräfte zu sammeln und die öffentliche Meinung zu Gunsten von DedSec zu beeinflussen. In Sachen Gameplay bedeutet das ein Wiedersehen mit Ubisofts klassischer Open-World-Umsetzung: Die Stadt ist in Bezirke aufgeteilt, die durch spezielle Aktionen nach und nach „befreit“ werden können; somit einerseits auf der Karte aufgedeckt werden und andererseits weniger gefährlich für uns sind.

Auch sonst wird viel von dem geboten, was man so von einer modernen „Open-World“ erwartet: jede Menge „britischer“ Zeitvertreib nämlich. Man kann sich in Pubs ansaufen und dann Darts spielen (oder umgekehrt … oder nur eines davon), man kann mit herumliegenden Fußbällen seine Skills im Gaberln demonstrieren oder sich in Untergrund-Fightclubs prügeln. Vermutlich kann man sogar noch viel mehr – doch das sind die Beschäftigungen, über die ich während meiner Session so gestolpert bin. Und ja: Sie haben allesamt Spaß gemacht. Auch deswegen, weil die KI, die DedSec verwendet und sich immer wieder über Funk, bei anderen Gesprächen in Cutscenes meldet und einmischt und dabei oft witzige Kommentare dazu parat hatte, was ich so getrieben hab.

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Erzähl mir was!

Das eigentliche Herzstück von Watch Dogs: Legion sind aber natürlich die Story-Missionen, die vom Spieler die unterschiedlichsten Dinge verlangen. Ein paar Beispiele aus meiner Vier-Stunden-Session: Da wollte einmal mit einem Spiderbot der Big Ben erklommen werden, um die Server in der Spitze zu hacken, ein umfangreiches Sicherheitssystem durch das Stellen von Schaltkreis-Weichen in einem Haus geknackt, ein demolierter Bot aus der Asservatenkammer von New Scotland Yard gemopst oder durch Augmented Reality die Vergangenheit in einem eingestürzten Stadion rekonstruiert werden. Der Clou: Für die meisten der Missionen gibt es nie nur „die eine Lösung“. Die meisten können wohl je nach den Möglichkeiten eurer Figur auf unterschiedlichste Art und Weise gelöst werden. Auch, weil sich unterschiedliche Menschen natürlich in unterschiedlichen Bereichen Londons mehr oder weniger auffällig bewegen können. Schafft man es also beispielsweise einen Polizisten für seine Sache zu gewinnen, ist die Mission bei New Scotland Yard fast ein Spaziergang, während die streng abgesperrten Stadionruinen deutlich leichter zugänglich sind, wenn man sich als Drohnenexperte eine schwere Transportdrohne mal eben „ausborgt“, um auf ihr direkt in den Bereich zu fliegen, wo man hinmuss.

Das ist aber noch nicht alles, was euch ein möglichst breiter „Kader“ offeriert: Manche Charaktere bringen nämlich neben ihrer besonderen Fähigkeiten oder Waffen als Individuum auch Spezialitäten mit sich, die ganz DedSec helfen. Ein Arzt beispielsweise kann dafür sorgen, dass im Einsatz „getötete“ Mitstreiter, die somit schwer verletzt ins Krankenhaus kommen, schneller wieder aus eben jenem raus kommen und somit für den Spieler wieder anwählbar sind. Ein ähnliches Konzept greift bei Mitarbeitern aus dem Strafvollzug: Ist so jemand bei euch im Team, kommen von der Polizei gefangen genommene DedSecs schneller wieder frei und so weiter, und so fort.

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Ich bin viele!

Zum Rekrutieren selbst: Wenn man durch Londons Straßen tingelt, kann man in gewohnter Watch Dogs-Manier mit seinem Smartphone allerhand anstellen… vor allem aber die Profile von Menschen in der Umgebung abrufen. Damit erfahrt ihr auf einen Blick ein paar essentielle Dinge: Den Beruf, die besonderen Fähigkeiten, ein bisschen was zum Hintergrund und von zentralem Interesse, wie die Grundhaltung der Person DedSec gegenüber ist. Ist sie positiv, kann sofort angeworben werden – einfach dadurch, dass man sie anspricht. Die wenigsten sagen dann aber gleich „ja“, sondern wollen überzeugt werden – in der Regel durch „Gefallen“, die man ihnen tut: Dateien verschwinden lassen oder zurückholen und dergleichen. Desto „besonderer“ der Charakter, desto umfangreicher auch die Aufgabe. Während meiner Anspielsession funktionierte das jedenfalls schon angenehm reibungsarm, auch wenn durchaus auffiel, dass die Charaktere oft Phrasen aus gewissen „Unterhaltungskategorien“ nutzen, die nicht immer hundertprozentig passen. Darauf musste wohl zurückgegriffen werden, weil man ja theoretisch mit jedem NPC im Spiel jeden anderen NPC ansprechen könnte.

Komplett skripten läuft also nicht. So kam mir etwa einmal die Situation unter, dass mir ein Anwalt, den ich anwerben wollte, erzählt hat, dass irgendwelche Punks sein Auto demoliert haben, woraufhin mein aktueller DedSec-Charakter ein „oh no, I’m so sorry to hear that“ erwiderte, das am ehesten als Antwort passen würde, wenn jemand erzählt, dass gestern seine Katze gestorben ist. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau. In so ziemlich allen anderen Fällen waren die Dialoge nämlich wirklich passend; echt beeindruckend, gerade in den Story-Missionen. Denn immerhin: Die Entwickler können ja nicht wissen, mit wem ihr diese angehen werdet, müssen also mit unglaublich vielen Sprechern unglaublich viele Zeilen einsprechen… Hut ab. Auch die Sprecher selbst, bzw. die Charaktere, die ausgearbeitet wurden, haben mich bereits in den vier Stunden überzeugt. Unterschiedlichste Dialekte und Slangs sorgen für ein sehr authentisches Feeling. Vom jamaikanischen „Wagwan“ bis zum aristokratisch-nasalen Nobel-Englisch war alles dabei.

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Vorsichtige Ersteinschätzungen…

Wie im Jahr 2020 üblich, war der Vorschau-Termin für Watch Dogs natürlich kein „physischer“, sondern ein „virtueller“. Heißt: Ich saß nicht tatsächlich vor einem PC, auf dem das Spiel lief, sondern vor meinem eigenen Rechner, an den das ganze gestreamt wurde. Obgleich das an und für sich immer gut funktioniert (ich persönlich kannte das ja schon von Assassin’s Creed: Valhalla), so gehen damit natürlich gewisse Einschränkungen einher, wenn es um die Beurteilung einzelner Aspekte des Spiels geht. Der Grafik zum Beispiel. Durch die Kompression und schwankende Verbindungsqualität lässt sich hier schlicht noch kein verbindlicher Eindruck weitergeben. Fest steht aber: Schlecht aussehen tut Legion auf keinen Fall, ganz im Gegenteil. Auch hier war es aber vor allem London, das mich weggeblasen hat. Wenn es hier nachts regnet, ist die Stadt an der Themse eine echte Augenweide – natürlich auch ob dem eifrigen Einsatz der schicken neuen Raytracing-Spiegellungen.

Auch in Sachen Steuerung  muss bzw. will ich vage bleiben. Durch den zwangsläufigen Input-Lag ist unmöglich zu sagen, wie genau das Fahrverhalten der Fahrzeuge sich so spielen wird, wie knackig-exakt die Nahkampfsteuerung ausfallen wird, die übrigens auf „Deckung“ verzichtet und nur Schlagen oder Ausweichen erlaubt, oder wie stark die Trägheit und Manövrierfähigkeit unterschiedlicher Drohnen dann genau rüberkommen wird.

Auch ist es mir freilich jetzt noch unmöglich vorherzusagen, ob und inwiefern Watch Dogs: Legion sich über die Zeit so entwickeln und halten können wird. Ob das Rekrutieren also irgendwann zum lästigen Grind wird, oder immer spannend und interessant bleibt. Oder ob es „mühsam-verpflichtend“ sein wird, alle Bezirke zu befreien, oder ob das auf natürliche und spaßige Art und Weise nebenher passiert. Jedenfalls hat Ubisoft selbst schon klar gemacht, dass man auch „Post-Launch“ noch viel mit dem Game vorhat – coole Auftritte einer Assassine und von Aiden Pearce, dem Helden des ersten Teils, sowie ein ausgewachsener Online-Multiplayer-Part inklusive:

FAZIT

Watch Dogs: Legion hat in den vier Stunden Anspielzeit bei mir bereits einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen. London ist fantastisch umgesetzt, das Gameplay unglaublich facettenreich, die „Legions“-Idee soweit auch in der ersten Praxis ausgeklügelt und spannend und die Technik vermeintlich auch ein Hingucker. Fans der bisherigen Teile sollten sich den Release am 29. Oktober somit auf jeden Fall schon mal vormerken.

Was ist Watch Dogs: Legion? Der dritte Teil der Serie und somit ein Action-Adventure in einem frei erkundbarem Zukunfts-London.
Plattformen: PC, Google Stadia, PlayStation 4 + 5, Xbox One und Series S/X
Entwickler / Publisher: Ubisoft / Ubisoft
Release: 29. Oktober 2020
Link: Offizielle Webseite

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