Marvel’s Avengers im Test
GRAFIK 5
SOUND 4
HANDLING 4
SPIELDESIGN 4
MOTIVATION 4

Das Glanzstück von Marvel’s Avengers ist die hervorragenden Kampagne, welche zwar spielerische Schwächen aufweist, dafür aber in Sachen Storytelling und Inszenierung der Konkurrenz zeigt, wo Thor’s Hammer hängt

Summary 4.2 geil
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Marvel’s Avengers im Test

Es gab mal eine Zeit, da genossen Iron Man, Hulk und Co lediglich unter Comic-Nerds einen höheren Bekanntheitsgrad. Das war lange bevor die Marvel Studios ihr eigenes Cinematic-Unviverse aufbauten und mit ihren Filmen Milliarden verdienten. Heutzutage sind die Figuren des Verlags auch aus dem Mainstream nicht mehr wegzudenken, ihr größtes Flaggschiff sind dabei natürlich die Avengers. Das erste eigene Spiel der Superhelden setzt dabei auf die großen Stärken der Blockbuster-Kollegen, verbaut sich deshalb aber auch die Möglichkeit in die Fußstapfen eines Spider-Man oder der Arkham-Reihe zu treten.

Robert John Downey jr. ist Iron Man, Chris Evans Captain America und Scarlett Johansson Black Widow – wer mit dieser Vorstellung Marvel’s Avengers startet, der wird zunächst sicherlich enttäuscht sein, denn das Spiel erzählt nicht nur eine eigenständige Geschichte, unabhängig vom gesamten MCU, sondern löst sich auch von den bekannten Identifikationsfiguren. Im Mittelpunkt steht sogar eine eher unbekannte Superheldin: Kamala Khan. Keine Sorge, wenn ihr diese junge Dame nicht kennt, Marvel’s Avengers erzählt ihre komplette Origin-Story, inklusive ihren Anfängen als Teenager und Fangirl der Helden-Truppe, bis hin zu ihrer Verwandlung in Ms. Marvel, eine Polymorphin die ihre Gliedmaßen verlängern und die Form verändern kann. Als Hintergrundgeschichte dient darüber hinaus eine großangelegte Verschwörung, welche die Avengers in Misskredit bringt und Captain America sogar das Leben kostet. Sehr viel mehr sei aber an dieser Stelle nicht verraten, denn vom actionreichen Beginn beim A-Day bis hin zum finalen Showdown ist gerade die Story und deren Inszenierung eine der großen Stärken von Marvel’s Avengers.

Vor allem die Entscheidung einen unbekannten Charakter in den Fokus zu stellen, finde ich nachträglich betrachtet erstklassig. Wie viele andere Fans war auch ich zunächst nicht besonders begeistert den Großteil der Geschichte in der Rolle der Ms. Marvel zu verbringen, einer Heldin, die mich bis dato überhaupt nicht begeistern konnte. Aber Crystal Dynamic schafft es von der ersten Minute an, sie als Identifikationsfigur zu etablieren, sodass ich mit ihr mitfiebere und sie am Ende sogar in mein Herz geschlossen habe. Ja, eine Lara Croft ist sicherlich tougher, aber Kamala ist neben ihrem Superhelden-Dasein immer noch eine Teenagerin, mit den gleichen Problemen und Ängsten wie jeder andere Mensch. Trotzdem ist sie neugierig, abenteuerlustig, loyal und gleichzeitig mutig – genauso wie es ein Superheld eben sein muss.

Vorgegaukeltes Spiel

Für alle die trotz meiner Lobeshymnen weiterhin nichts mit Ms. Marvel anfangen können, sei an dieser Stelle versichert: Im Lauf der rund 12-15 stündigen Kampagne darf man in die Rolle eines jeden einzelnen Avengers schlüpfen. Natürlich verfügen alle Superhelden über individuelle Fähigkeiten, trotzdem unterscheiden sie sich spielerisch nur marginal. Leichte sowie schwere Schläge, ausweichen und blocken, zählen dabei zum Standard-Repertoire aller Charaktere, darüber hinaus verfügt jeder noch über diverse Fern-Attacken. Aber egal, ob ich Iron Man’s Raketen abfeuere, Thor’s Hammer schwinge oder mit Hulk den Erdboden herausreiße und diesen gegen seine Feinde schleudere, einen großen Unterschied macht das leider nicht. Selbst die Spezialfähigkeiten wie der Unibeam des Eisernen, der Stockschlag von Black Widow oder das Spiegelschild von Captain America wirken zwar spektakulär, aber aufgrund der mitunter sehr langen Cooldown-Zeiten kommen sie viel zu selten zum Einsatz. Außerdem müssen sie teilweise erst freigeschalten werden. Mit diversen Loot-Gegenständen verbessern wir zusätzlich noch unsere Ausrüstung, welche dann unser Power-Level bestimmt. Aber auch das ist nicht wirklich sehr befriedigend, denn vor allem im Lauf der Kampagne legen wir einfach das Item mit er höchsten Stufe an und verschrotten den Rest, um damit Ingame-Währung zu generieren. Echtgeld und Mikrotransaktionen gibt es dementsprechend auch, aber bislang lediglich für kosmetische Items.

Sehr ähnlich verhält es sich mit der durchwegs streng linearen Kampagne. So erstklassig die Inszenierung auch sein mag, sie kann nicht alle spielerischem Mängel kaschieren. Das beginnt bereits bei den teils sehr begrenzten Schlauch-Level, die abseits der Story kaum Möglichkeiten zum Erkunden oder für alternative Routen bieten. Dazwischen werden ein paar Jump ’n‘ Run-Einlagen eingestreut, garniert mit Quicktime-Events – wobei „Quick“ hier wohl das falsche Wort ist, denn selbst wenn man das Betätigen der Tasten verpasst, pausiert das Spiel einfach. Richtig übertölpelt hab ich mich bei den Schleich-Passagen gefühlt, denn auch hier reicht es den Sprint-Button zu drücken und einen bestimmten Pfad so schnell wie möglich abzulaufen. Es werden dem Spieler zwar stets Fortschritt und Erfolge vorgegaukelt, in Wirklichkeit wird er aber an die Hand genommen und hat gar keine Möglichkeit zu scheitern – von ein paar Trial- & Error-Passagen mal abgesehen. Wirklich schade ist aber der Umstand, dass es lediglich eine Handvoll Schurken als Boss-Gegner in das Spiel geschafft haben. Gerade mit der starken Lizenz im Rücken wäre hier sicherlich mehr drinnen gewesen.

Avengers: Endgame!

Trotz alledem ist die Singleplayer-Kampagne das eindeutige Highlight, auch wenn der Wiederspielwert aufgrund des monotonen und streng linearen Missionsdesigns nach dem Ende der Story gegen Null geht. Abhilfe soll hier der Mehrspielermodus schaffen, die „Avengers Initiative“. Ganz nach dem Vorbild von Destiny & Co wurde dieser als „Games as a Service“-Modell über das Spiel gestülpt und so sollen ständig neue Inhalte für die notwendige Langzeitmotivation sorgen. Der Mehrspielermodus steht zwar gleich von Beginn an zur Auswahl, knüpft aber am Ende der Hauptstory an, weswegen es ratsam ist, die Kampagne vorher zu absolvieren. Außerdem zählt diese damit quasi zu einem der längsten und umfangreichsten Tutorials der Spielgeschichte. Im Mittelpunkt der „Avengers Initiative“ stehen die Koop-Einsätze, die wir mit bis zu drei anderen Spielern oder drei weiteren KI-Kollegen absolvieren können. Hier agieren die verschiedenen Helden als die typischen Charakterklassen: Hulk sowie Cap sind beispielsweise Tanks, während Thor oder Iron Man für Support aus der Luft sorgen. Dreh- und Angelpunkt ist dabei der Einsatztisch, auf dem wir mit einer Fülle an verschiedenen Missionen konfrontiert werden.

Dieser fungiert als eine Art Hub und ist in fünf verschiedene Regionen unterteilt, in welchen dann wiederum verschiedene Missionstypen zur Auswahl stehen. Am interessantesten sind hier sicherlich die Warzones. Dabei handelt es sich um weitläufigere Areale, die man frei erkunden kann und zusätzlich auch optionale Missionsziele bieten. Weil sich hier aber die Missionsstrukturen oftmals wiederholen und die einzelnen Komponenten, wie Areale, Gebäude und Gegnertypen einfach nur anders kombiniert werden, fehlt es auch hier mit zunehmender Spieldauer an Abwechslung. Das trifft leider auch auf andere Missionstypen zu, obwohl hier insgesamt doch etwas mehr Variation geboten wird: Etwa in den Schurkensektoren, das sind Spezialmissionen mit Showdowns in Form von Bosskämpfen, oder den Mega-Stöcken, eine Art Horde-Modus der speziell für Solo-Kämpfer konzipiert wurde. Das gilt übrigens auch für die Story-lastigen Heldenmissionen, bei denen die spielbaren Charaktere von vornherein festgelegt sind. Hier soll die Möglichkeit zum Erkunden und Ausprobieren der verschiedenen Helden-Fähigkeiten geben werden.

Tägliche und wöchentliche Missionen sollen somit für die entsprechende Langzeitmotivation sorgen, aber gerade hier sehe ich aktuell das größte Problem von Marvel’s Avengers. Das Kampfsystem ist gut, aber zugunsten des Balancings spielen sich die einzelnen Figuren einfach zu ähnlich, sodass es kaum einen Unterschied macht ob ein Hulk oder Captain America die gegnerischen Attacken auf sich zieht. Genauso austauschbar sind etwa Iron Man und Thor. Einzig der mögliche Charakterfortschritt der einzelnen Figuren gibt mir einen Grund unbedingt weiterspielen zu wollen, denn dadurch können neue Angriffsmethoden freigeschalten werden, die dann wiederum etwas mehr Abwechslung in das Gameplay bringen. Hoffnung ruht hier auch auf den bereits angekündigten neuen Helden und weiteren Inhalten, wie etwa Hawkeye, Kate Bishop und Spider-Man (nur exklusiv für PS4). Diese sollen kostenlos verfügbar sein und auf den Charakter zugeschnittene Nebenabenteuer beinhalten. Auf meinem persönlichen Wunschzettel würden aber zusätzlich noch neue, weitreichendere Events mit Story-Elementen inklusive zusätzlicher Schurken stehen.

Technisch nicht ganz rund

Inszenierung erstklassig, Grafik gut und Soundkulisse brauchbar. Letzteres ist vor allem der deutschen Vertonung und den akustischen Effekten geschuldet, denn die Musikuntermalung aus der Feder von Bobby Tahouri (Rise of the Tomb Raider) ist wiederum sehr gut gelungen. Außerdem sollte man unbedingt im englischen Original spielen, denn hier konnte man durchwegs namhafte Synchronsprecher gewinnen, die auch danke toll und witzig geschriebener Dialoge einen tadellosen Job abgeliefert haben. Optisch wird man mit einem actionreichen Effekt-Gewitter bombardiert, bei dem sich dann Framerate-Einbrüche deutlich bemerkbar machen. Dazu kommen noch Clipping- sowie Kollisions-Fehler, sodass Figuren in der Spielwelt hängen bleiben, und Texturen laden nicht nach. Lästige Bugs, die vermutlich aufgrund von Zeitdruck nicht mehr behoben werden konnten, haben ebenso ihren Weg in das Spiel gefunden, aber insgesamt nichts wirklich Dramatisches. Am Geduldsfaden zerren hingen die teilweise extrem langen Ladezeiten, vor allem beim Spielstart oder wenn eine Figur das Zeitliche gesegnet hat. Hier orte ich definitiv noch Verbesserungspotential.

FAZIT

Nach der Beta-Phase hatte ich Marvel’s Avengers eigentlich schon abgeschrieben, aber das finale Spiel hat mich dann doch positiv überrascht. Das liegt vor allem an der hervorragenden Kampagne, die zwar spielerisch deutliche Schwächen aufweist, dafür aber in Sachen Storytelling und Inszenierung der Konkurrenz zeigt, wo Thor’s Hammer hängt. Die Entscheidung auf ein „Games as a Service“-Modell zu setzen kann ich zwar aus kommerziellem Blickwinkel nachvollziehen, denn die Rechte für das Franchise waren sicher nicht billig, aber leider steht sich das Spiel dadurch oft selbst im Weg und verbaut sich viele Möglichkeiten. Etwa durch das monotone Missions-Design, welches sich von Anfang bis in das Endgame hindurchzieht, wodurch die Langzeitmotivation großteils auf der Strecke bleibt. Aber das kann sich ja noch ändern und ich bin mir sicher, dass Entwickler Crystal Dynamics hier in nächster Zeit noch entsprechenden Content nachliefern wird. Das Marvel-Universum bietet ja noch genug Helden und Schurken, welche die Vorlage für spannende Events bilden können. Ebenfalls nachliefern müssen sie aber auch im Bereich der technischen Umsetzung, denn nicht alle Probleme der Beta wurden vollständig behoben. Unterm Strich ist Marvel’s Avengers besser als erwartet und auch durchwegs ein gutes Spiel, es hätte jedoch viel mehr sein können.

Was ist Marvel’s Avengers? Ein Third-Person-Action-Adventure mit der Marvel Lizenz und „Games as a Service“-Modell.
Plattformen: PC, Xbox One, PS4
Getestet: Xbox One
Entwickler / Publisher: Crystal Dynamics, Crystal Northwest, Nixxes Software, Eidos Montréal / Square Enix
Release: 4. September 2020
Link: Offizielle Webseite

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