Iron Harvest im Test
GRAFIK 4
SOUND 5
HANDLING 3
SPIELDESIGN 4
MOTIVATION 5

Die äußerst starke Einzelspieler-Kampagne von Iron Harvest gleicht Schwächen der Mehrspieler-Modi mehr als aus und hinterlässt damit einen sehr guten Eindruck

Summary 4.2 geil
GRAFIK 4
SOUND 5
HANDLING 4
SPIELDESIGN 5
MOTIVATION 4
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Summary 4.4 geil

Iron Harvest im Test

Wie wäre die Menschheitsgeschichte verlaufen, hätte Nikola Tesla, neben all seinen tatsächlichen Errungenschaften, auch noch gigantische Mechs erfunden? Diese Frage stellt sich Iron Harvest, angesiedelt im 1920+ Universum des polnischen Künstlers Jakub Różalski. Dabei stellt es den Anspruch eine moderne Interpretation des klassischen Echtzeit-Strategiespiel-Erlebnisses zu bieten.

Der erste Weltkrieg ist vorbei. Die Überlebenden machen sich auf, ihre Felder von nicht detonierten Bomben, Schrapnells und anderen Überresten des Konflikts zu säubern. Im Hintergrund stapft schemenhaft eine humanoide Form in der Größe eines zweistöckigen Wohnhauses vorbei. Willkommen in der Welt von 1920+; eine Alternativweltgeschichte, basierend auf dem Polnisch-Sowjetischen Krieg, in der gigantische Mechs und andere Dieselpunk Maschinen weit verbreitet sind. Es handelt sich um eine Welt im Umbruch, in welcher der nächste große Konflikt nicht weit entfernt ist. Ein nahezu perfektes Setting also für ein Echtzeit-Strategiespiel

Als solches bietet Iron Harvest die Möglichkeit sich in verschiedenen Szenarien mit anderen Spielern zu messen, oder der KI zu zeigen wer der Boss ist. Leider bietet das Spiel hier nicht allzu viel Auswahl. Zwar gibt es drei verschieden Modi an sogenannten Herausforderungen, jedoch unterscheiden sich diese kaum voneinander. Immer geht es im Kern darum gegen eine übermächtige Armee zu bestehen, entweder bis zum bitteren Ende, oder bis Verstärkung eintrifft. Kleinere Unterschiede bestehen lediglich darin, ob man zwischenzeitlich auch die Gelegenheit hat Ressourcen zu beschaffen, um die eigenen Streitkräfte zu stärken. Etwas ärgerlich ist dabei, dass man nicht frei wählen darf für welche Fraktion man eine Herausforderung bestreitet. Jeder Modus gibt diese jeweils fix vor. Ebenso wäre es schön gewesen mehr als nur sechs Karten für Multiplayer-Gefechte zur Verfügung zu haben. Fairerweise sei an dieser Stelle jedoch angemerkt, dass laut Entwickler bereits daran gearbeitet wird, hier für mehr Abwechslung zu sorgen.

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Saving Private Wojtek

Umso besser gelungen ist dafür die Einzelspieler-Kampagne. Im Zuge dieser bekommt man nacheinander die Chance jede der drei spielbaren Fraktionen zu steuern: Nämlich Polonia, Rusviet und das Sächsische Reich. Die ersten paar Missionen dienen natürlich dazu, Spieler mehr oder weniger gemächlich mit der Steuerung und weiterführenden Mechaniken, wie Deckung, vertraut zu machen. Das gelingt meines Erachtens auch ganz gut. Wer nicht gerade blind drauflosläuft und versucht auf alles zu schießen was sich bewegt, wird hier keine Schwierigkeiten haben. Sobald man sich jedoch zusätzlich noch darum kümmern muss eine Basis zu verwalten und Ressourcen einzunehmen, sieht die Sache etwas anders aus. Wer wenig Erfahrung mit Echtzeit-Strategiespielen hat, könnte an dieser Stelle kurzzeitig geringfügig überfordert werden. Die KI ist zwar nicht übermächtig aber übt durchaus Druck auf, sodass man schon aufpassen muss neu eingenommene Gebiete nicht sogleich wieder zu verlieren. Manchmal scheinen gegnerische Einheiten allerdings auch etwas zu übermütig und wählen ungünstige Deckung. Ähnliches kann einem übrigens auch selbst passieren: Wer beispielsweise seine Infanterie hinter Sandsäcken verstecken will, der sollte darauf achten diese auf der richtigen Seite besagter Barrikaden zu platzieren. Zwar bekommt man angezeigt wo sich Truppen positionieren werden, in der Hitze des Gefechts kann es allerdings etwas nervenaufreibend sein, wenn ein bestimmtes Hindernis es einfach nicht zulässt, von der gewünschten Seite aus genutzt zu werden. Glücklicherweise kommt das aber eher selten vor.

Erfreulich ist hier, dass die Einzelspieler-Szenarien weitaus abwechslungsreicher als die Mehrspieler Karten sind. Das liegt zum einen an den komplexeren Karten und zum anderen an vorprogrammierten Ereignissen, die einem das Leben schwer machen sollen. Wem das nicht Herausforderung genug ist, kann versuchen während der Missionen eine Fülle an optionalen Zielen zu erreichen. Als Belohnung bekommt man kosmetische Extras mit denen man sein Profilbild aufpeppen kann. Während der Kampagne lernt man außerdem die Helden der jeweiligen Nation kennen; unter anderem die zu Beginn widerwillige Retterin des Widerstands, Anna Kos und ihren Bären, Wojtek. Die Handlung gibt zu verstehen, dass es in Iron Harvest um mehr gehen soll als hirnloses Gemetzel. Bei den Protagonisten handelt es sich nicht notwendigerweise um Kriegshelden, die es kaum erwarten können wieder in die Schlacht zu ziehen. Im Gegenteil! Die Handlung versucht das Gefühl zu vermitteln, dass es um Menschen geht, die nichts anderes versuchen als ihren Weg in einer Welt zu finden die vor dem Abgrund steht. Zusammen mit abwechslungsreichen Szenarien schaffen es diese außergewöhnlichen Charaktere eine spannende Geschichte zu erzählen. Bonus Trivia: Benannt ist Annas tierischer Begleiter nach einem syrischen Braunbären, der nicht nur wirklich gelebt hat, sondern während des zweiten Weltkriegs von Soldaten adoptiert wurde und diese dabei unterstützte, Munition zu transportieren. Da soll noch jemand behaupten, Geschichte wäre langweilig!

Was wäre wenn: 1920+

Solche Details, wie historische Anspielungen, tragen stark dazu bei die Welt von Iron Harvest interessant und lebendig wirken zu lassen. Dem 1920+ Universum Jakub Różalskis gerecht zu werden ist keine leichte Herausforderung. Großteils ist es jedoch gelungen. Sehr positiv fällt beispielsweise die Vertonung auf. Der Soundtrack drängt sich nicht unnötig in den Vordergrund und harmoniert mit dem Stil Różalskis Illustrationen, die unter anderem als Ladebildschirme genutzt werden. Die Sprachausgabe ist qualitativ top und bietet ein nettes Extra: Es stehen nicht nur verschiedene Sprachen zur Verfügung die komplett synchronisiert wurden, sondern man kann auch einstellen, dass alle Charaktere in ihrer Muttersprache sprechen. Das mag wie eine Kleinigkeit wirken, aber es trägt bedeutend zur Atmosphäre bei und lässt die unterschiedlichen Fraktionen authentischer wirken. Die einzigartigen Helden, über die man in der Kampagne mehr erfährt, tun ihr Übriges, um die bekannten Nationen etwas interessanter zu gestalten. Davon abgesehen sind sich diese allerdings doch recht ähnlich. Bei den regulären Einheiten würde etwas mehr Abwechslung nicht schaden. Die Mechs sehen zwar cool aus, aber bedauerlicherweise ist es nicht gelungen das lauernde Gefühl der Bedrohung dieser Kolosse einzufangen, das von den Illustrationen Różalskis ausgeht.

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Was macht eigentlich ein gutes Echtzeit-Strategiespiel aus?

Aber bei Strategie geht es um mehr als bloß darum wer den größeren Mech hat. Das haben die Entwickler von Iron Harvest glücklicherweise verstanden. Denn nicht nur bringt dies mehr Tiefe, sondern es ist auch ein wichtiger Bestandteil bisheriger 1920+ Titel und daher ein wichtiger Bestandteil jener Welt. Der eine oder andere Leser mag bereits wissen wovon ich hier spreche: Ja, es gibt bereits einen anderen interaktiven Beitrag zum Universum von 1920+. Ein kleines Brettspiel namens Scythe, in dem es entschieden nicht darum geht alles platt zu machen was einem in die Quere kommt, sondern seinen Einfluss auszubauen ohne dabei den Rückhalt der Bevölkerung zu verlieren. Denn offener Konflikt ist kostspielig und nur wer seine Ressourcen effizient einzusetzen weiß, hat eine Chance auf Erfolg.

Da es sich bei Iron Harvest allerdings in erster Linie um ein Echtzeit-Strategiespiel handelt, muss dieser Aspekt natürlich etwas anders implementiert werden. Beispielsweise gilt es für entsprechenden Nachschub an Eisen und Öl zu sorgen, da diese Materialien für alles Mögliche benötigt werden; von der Rekrutierung neuer Einheiten, bis zur Konstruktion nützlicher Befestigungen. Der KI wurde das jedoch scheinbar leider nicht klar genug gemacht, denn zumindest auf mittlerer Schwierigkeit ist es kinderleicht den Computergegner zu überrumpeln, indem man möglichst schnell alle Eisen- und Ölvorkommen an sich reißt.

Damit hört die Ressourcenverwaltung jedoch nicht notwendigerweise auf. Denn Infanterie in Iron Harvest ist etwas anpassungsfähiger als üblich. Sollte man Waffen finden, beispielsweise als Hinterlassenschaft feindlicher Truppen, können diese aufgenommen werden. Dadurch lässt sich dann zum Beispiel reguläre Infanterie, die normalerweise keine Chance gegen Mechs hätte, mit Granaten aufrüsten. Auf diese Art und Weise kann man also, mit etwas Geschick, dank Rekrutierung kostengünstiger Einheiten die später besser bewaffnet werden, Ressourcen sparen. Ähnlich lassen zerstörte Mechs zwar keine Waffen fallen, jedoch können deren Überreste auf Eisen und Öl durchsucht und anschließend geplündert werden. Gegen kompetentere Gegenspieler lohnt es sich hingegen, nicht nur auf materiellen Nachschub zu achten, sondern auch andere Aspekte der Kriegsführung genauer zu betrachten. Ein wichtiger Punkt ist die an früherer Stelle erwähnte Deckung, denn diese bietet nicht nur Schutz, sondern kann auch dazu dienen feindliche Truppen zu blockieren. Mechs hingegen können die meisten Arten von Barrikaden leicht zerstören und reißen auch mal ganze Gebäude nieder, sollten diese im Weg stehen.

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FAZIT

Iron Harvest hat sich zum Ziel gesetzt dem Genre der Echtzeit-Strategie neues Leben einzuhauchen. Dabei setzt es vor allem auf altbewährte Konzepte, eingefasst in eine spannende Geschichte. Dass der Fokus bisher ganz klar auf dem Einzelspieler-Erlebnis lag erkennt man nicht nur an der geringen Auswahl an Mehrspieler-Karten, sondern auch daran wie sich die KI auf eben diesen schlägt. Wobei zu hoffen bleibt, dass gerade hier noch etwas nachgereicht wird. Das mag etwas eigenartig anmuten, denken wir aber an Klassiker des Genres wie StarCraft zurück, kann man nicht von der Hand weisen, dass auch die ausgezeichnete Handlung eine wichtige Rolle in dessen Erfolg gespielt hat. Dementsprechend gut fällt die Kampagne von Iron Harvest auch tatsächlich aus. Die Charaktere bringen eine gewisse Tiefe mit sich und wirken authentisch, nicht zuletzt dank ausgezeichneter Sprachausgabe. Die schwachen Mehrspieler-Modi werden meines Erachtens nach also durch das starke Einzelspieler-Erlebnis wettgemacht. Wer an der Kampagne allerdings gar kein Interesse hat, wird zumindest aktuell vermutlich doch recht enttäuscht werden.

Was ist Iron Harvest? Ein modernes Echtzeit-Strategiespiel im Universum von 1920+

Plattformen: PC, PlayStation 4, Xbox One

Getestet: auf PC Intel Core i7-7700HQ, 16GB RAM, GeForce GTX 1050

Entwickler / Publisher: King Art Games / Deep Silver

Release: 1. September 2020

Link: offizielle Webseite

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