Aus Italien kam dieses Jahr zwar kein WM-Teilnehmer, dafür jedoch seit 13. Juli ein interessanter neuer Vertreter des Arcade-Fußball-Genres, nämlich Active Soccer 3. Entwickler The Fox Software will dabei einerseits den Schulterschluss zu bekannten Titeln wie Sensible Soccer und Kick Off suchen, dabei aber auch eigene Wege gehen.
Der Fußball der Neuzeit ruft inzwischen nicht nur bei Puristen gemischte Gefühle hervor. Ob auf dem echten Grün oder in virtuellen Stadien scheint der eigentliche Sport immer mehr ins Hintertreffen zu geraten. Primär sollte es um Pässe, Tore, Zweikämpfe, Laufwege und Spielsysteme gehen, doch je mehr Geld sich damit verdienen lässt, desto mehr Randerscheinungen wie werbewirksame Hydration-Breaks, Halbzeitshows oder der jüngst für EA Sports FC 27 angekündigte Open-World-Modus The Grounds kommen auf und lenken den Blick weg von der eigentlich so unverwüstlichen Tore- und Titeljagd.
Hier setzt Active Soccer 3 an und möchte ohne Schnörkel ein Spiel sein, bei dem entscheidend ist, was auf dem Platz passiert, und jeder Aspekt des Gameplays genau darauf ausgerichtet sein soll.
Der Entwickler beschreibt den Titel als „Simcade“ – also eine Symbiose aus Arcade und Simulation: leicht zugänglich, schnell und direkt, aber mit genügend taktischer Tiefe, um zu fordern und Abwechslung zu bieten.
Die Geschichte des Indie-Studios The Fox Software reicht ungewöhnlich lange zurück und nahm Mitte der 1990er-Jahre ihren Anfang. Damals entstanden zunächst Freeware-Spiele für den Commodore Amiga, darunter Frisbee Fox, das sich an Windjammers orientierte, sowie das unvollendete Grafik-Adventure Fox Hotel. Später folgte dann die Spezialisierung auf Fußballspiele: Throw In für den PC im Jahr 2004, inspiriert von Kick Off 2, das Nutella Football Game 2006 und Ico Soccer für Nintendo DS 2009, bei dem der Touchscreen genutzt wurde, um taktische Anweisungen zu geben. Die Active Soccer-Reihe selbst begann schließlich 2013/2014 auf Smartphones. Die Idee war schon damals, die unmittelbare Spielbarkeit von Kick Off 2 und Sensible Soccer modern zu interpretieren. Mit Active Soccer 2 kam der Karrieremodus hinzu. Active Soccer 2 DX brachte die Reihe 2016 auf PlayStation Vita, PlayStation 4 und Xbox One. 2019 folgte Active Soccer 2019 für Nintendo Switch.
Das Runde muss ins Eckige
Schon die ersten Partien vermitteln, was The Fox Software mit Active Soccer 3 im Sinn hat. Das Spieltempo ist hoch, Mittelfeldgeplänkel rar und das Geschehen stets auf einen der Strafräume fokussiert.
Der Ball klebt dabei aber nicht wie in früheren Genrevertretern fest an den Spielerfüßen, Passen, Schießen und Flanken folgen einem dynamischen Ablauf, bei dem der Spieler über Richtung und Stärke einwirkt und deswegen auch mal ein Ball zwischen Freund und Feind vorbeirauscht oder über ein akribisches Beharken plötzlich verspringt.
Das führt zu einem erfreulich unmittelbaren Spielgefühl, welches Begegnungen und Matchverläufe weniger austauschbar macht. Auch schön: die Witterung nimmt tatsächlich Einfluss auf die Teams, bei Regen bleibt der Ball auch mal unverhofft liegen und bei einem vereisten Platz sind die Bewegungen weniger präzise steuerbar.
Verfügbar sind drei Schwierigkeitsgrade, die vor allem bei der Aggressivität des Computers und dessen Reaktionsschnelligkeit variieren. Bereits im leichten Modus nutzt die KI seine Torchancen sehr konsequent. Bei der Defensivleistung hingegen kann man die Computergegner von einfach bis schwer oft recht einfach über Flanken und Pässen von außen in den Strafraum überrumpeln.
Die Matchsteuerung ist dabei grundsätzlich gelungen, zeigt aber gerade in einem Spiel, das seine Direktheit so stark betont, doch die ein oder andere Schwäche.
Besonders die Auswahl eines ballnahen Spielers glückt nicht durchgängig verlässlich und es kann dabei auch passieren, dass die Ballaufnahme nicht richtig auslöst. Im ärgerlichsten Fall führt das dazu, dass der eigene Spieler um den Ball herum tänzelt und ein eigentlich viel schlechter postierter Gegenspieler das Spielgerät doch nicht wegschnappt – ärgerlich.
Auch ist die Schussmechanik sehr auf Position und Blickwinkel des angreifenden Spielers ausgerichtet. Bis man das verstanden hat, gehen zu Anfang öfter mal Schüsse in alle vier Himmelsrichtungen.
Active Soccer 3 empfiehlt beim initialen Beginn das Spielen mit einem Gamepad. Das darf durchaus ernst gemeint werden: mit Tastatur und Maus ist ein Steuern im Stadion hakelig und in den Menüs eine echte Zumutung. Die von alten Managern inspirierte Menüstruktur ist teilweise unübersichtlich, verschachtelt und unintuitiv. An verschiedenen Stellen sind Tastenbelegungen nicht so logisch, wie man es erwarten würde. Schaltflächen, die zuvor noch mit der Maus bedienbar waren, müssen nun mit Tastatureingaben ausgelöst werden – welche dazu von Screen zu Screen auch noch variieren.
Mit dem Gamepad geht vieles zwar schneller und besser von der Hand, aber gerade die Aufstellung und die Transfers erzeugen beim Handling doch unnötige Hürden und bremsen den eigentlich hohen Spielfluss. Das sind Kleinigkeiten. Aber diese Kleinigkeiten fallen bei einem Spiel, dessen größte Stärke die Unmittelbarkeit sein soll, dann doch negativ ins Gewicht.
Unreal Soccer
Ein Blick ins Stadionrund offenbart Licht und Schatten.
Beim Sound fehlen bei den Abschlägen des Torhüters noch Geräusche, ansonsten ist der Klangteppich während eines Spiels akkurat umgesetzt, Pfostenschüsse klingen blechern, Grätschen wuchtig bis bedrohlich und auch die Fans warten mit atmosphärischen – wenn auch sich etwas zu oft wiederholenden – Gesängen auf. Der prägnante Soundtrack, welcher ab dem Hauptmenü loslegt, entstammt einer bekannten Feder, nämlich der von Chris Hülsbeck. Dieser gehört sicherlich zu den prägenden Komponisten der deutschen Videospielgeschichte und hat mit Soundtracks unter anderem zu The Great Giana Sisters und Turrican Videospielmusikgeschichte geschrieben.
Die Spielermodelle sind stilisiert und die Präsentation dabei weit von den fotorealistischen Darstellungen eines EA Sports FC entfernt. Der Titel ist sich seiner Limitierungen aber bewusst und vermeidet auch bei Auswechslungen oder Torerfolgen Kameraschwenks in die Nahansicht. Das Geschehen bleibt auf die 5 vorgegebenen Kameraperspektiven beschränkt, lediglich bei Freistößen, Eckbällen und Elfmetern wird näher an das Geschehen gezoomt.
Interessant ist, was unter dieser bewusst reduzierten Oberfläche steckt.
Active Soccer 3 verwendet die Unreal Engine 4. Und damit befindet sich der Titel in renommierter Gesellschaft. Diese Version des Grafikgrundgerüsts wurde unter anderem schon für Tekken 7, Street Fighter V, The Outer Worlds, Mortal Kombat 11, Star Wars Jedi: Fallen Order und Borderlands 3 verwendet.
Highlights bei der Präsentation sind einerseits die Regendarstellung mit einem durch Nässe und Pfützen schimmernden Rasen und gelegentlichen Gewitterblitzen sowie die spektakulären Torhüteranimationen. Letztere stehen bei der offensiven Ausrichtung des Spiels öfters im Blickpunkt. Grundsätzlich hat der Entwickler dabei die Technik gut im Griff, Ladezeiten und Reaktionszeiten sind gleichbleibend stabil und fallen gering aus.
Nicht verschwiegen soll an dieser Stelle aber auch, dass regelmäßig doch noch Bugs zutage treten, etwa wenn ein Torhüter bei einem Rettungsversuch plötzlich gen Himmel entschwebt oder ein Spieler nach einer Aktion nur noch passiv ins Aus blickt. Auch fehlen in der Spieldarstellung noch die Schiedsrichter und die Spieler und Trainer auf den Ersatzbänken.
Hier dürften noch Nachbesserungen folgen, denn der nahbare Entwickler arbeitet auf Discord eng mit seiner Community zusammen, die inzwischen auf über 370 Mitglieder angewachsen ist.
Während der langen Early-Access-Phase wurde immer wieder auf Rückmeldungen der Spieler reagiert. Große Teile des Titels wurden überarbeitet oder neu konzipiert. KI, Torhüter, Ausdauer, physische Kollisionen, Spielmodi, Wettbewerbe und zahlreiche weitere Bereiche wurden im Laufe der Entwicklung verändert oder erweitert.
Auch nach dem Release sollen weitere Updates und Verbesserungen folgen. Wie umfangreich diese ausfallen, hängt verständlicherweise auch vom Erfolg des Spiels ab. Aber auch hier sieht sich Active Soccer 3 als ein Gegenentwurf zu größeren Titeln, bei denen die Community deutlich weniger Gehör findet.
Die Teutonen kommen
Neben den Einzelspielen bietet der Titel ein gutes Gesamtpaket bestehend aus einem Training (Tutorial), einem Turniermodus und einer Karriere.
Bei der Karriere darf man im Umfang sicherlich keinen klassischen Fußballmanager erwarten, auch hier steht immer klar der nächste Spieltag im Fokus, dennoch hat man über Transfers die Möglichkeit, dass Gesicht seiner Mannschaft zu verändern und die Klubfinanzen zu verantworten. Dazu kommen Verletzungen, Sperren und unterschiedliche nationale beziehungsweise internationale Wettbewerbe, die es zu bestreiten gilt.
Dabei hat man auch die Möglichkeit, bei den Partien passiv zu bleiben. Entweder indem man im Trainermodus das Geschehen nur von der Seitenlinie überblickt und ausschließlich über Taktik und Auswechslungen eingreifen kann oder man komplett ohne eigenes Zutun eine Begegnung durch den Computer simulieren lässt.
Dabei beeindruckt Active Soccer 3 mit über 30 verfügbaren Ligen und insgesamt über 1.000 integrierten Klubs. Dabei konnten jedoch keine Originallizenzen integriert werden. Während Österreich noch mit klar erkennbaren Klubnamen erkennbar ist, kommen die deutschen Ligen maximal verfremdet daher. Wer im Spiel die großen deutschen Klubs sucht, findet stattdessen eine Liga namens „Teutonia“. Die dort zugeteilten Mannschaften tragen Namen wie „Spitzbub“, „Schmetterling“ oder „Flugelschlag“. Hier fehlt eigentlich nur noch „Roseknospe“, was als ikonischer Ausruf durch die Gänge von Wolfenstein 3D schallt.
Nur aus humoristischen Gründen ist diese Namensgebung natürlich nicht geschehen. Wie aus einem Discord-Post des Entwicklers hervorgeht, hatte die Active Soccer-Reihe in der Vergangenheit mit rechtlichen Problemen rund um Namen und Lizenzen zu kämpfen. Entsprechend hält man sich im dritten Teil bei Deutschland sehr weit von realen Namen entfernt. Dass eine Partie „Herzeleid“ gegen „Krankenschwester“ einen Fußballfan nicht sofort elektrisiert, versteht sich von selbst, wäre aber kein Beinbruch – wenn das Entwicklerstudio umfangreiche und komfortable Editiermöglichkeiten integriert hätte. Dies ist aber leider nicht der Fall und wird von der Community immer wieder als einer der größten Wünsche genannt.
Derzeit bleibt für Anpassungen im Wesentlichen der Umweg über hinterlegte CSV-Dateien. Das funktioniert, aber gerade dieser geradlinige Titel wäre prädestiniert für schnelle Tools und die Integration in den Steam-Workshop, sodass man unkompliziert bestehende Ligen nachbauen und austauschen oder die eigene Kreisliga-Truppe akkurat nachbilden könnte.
Zusammenfassung
FAZIT
Active Soccer 3 sammelt viele Sympathiepunkte, da das Spiel des Ein-Mann-Indiestudios in vielem als Gegenentwurf zu Big Playern im Genre wirkt. Gerade auf dem Rasen wird dabei vieles richtig gemacht, der schnelle und actionlastige Ansatz passt perfekt und sorgt insbesondere im Multiplayer für chaotische wie kurzweilige Partien.
Der Kern des Spiels verdient es, weiter geschärft und ausgebaut zu werden, derzeit sind die hakeligen Menüs und die nur rudimentär vorhandene Editierbarkeit große Abwehrriegel für einen unbeschwerten Spielspaß. Mit seiner treuen Community hat Active Soccer 3 allerdings eine starke Mannschaft hinter der Mannschaft, die den Titel sicherlich noch weiter nach vorne pushen kann.