Habt ihr Lust, einen der schrecklichsten und bekanntesten Kriege des letzten Jahrhunderts hautnah mitzuerleben? Das könnt ihr nun auf PC und Konsolen tun – in Hell Let Loose- Vietnam von Expression Games, herausgebracht von Team 17.
Der Vorgänger Hell Let Loose aus 2021 ist einer meiner absoluten Lieblings-Mehrspielershooter aller Zeiten. Dieser Meinung ist aber sicher nicht jeder, denn Hell Let Loose weicht deutlich vom üblichen Gameplay der Mehrzahl der Mehrspielershooter ab. Das ist kein Call of Duty oder Battlefield. Bei Hell Let Loose handelt es sich um einen Hardcore Shooter, daher hier wird (soweit dies in einem Spiel Sinn macht) auf eine realistische Darstellung des Geschehens geachtet. Hier hoppelt niemand wie ein Hase auf Speed irre springend über das Schlachtfeld, hier fangt sich niemand ein halbes Dutzend Kugeln ein, um dann nach drei Sekunden in Deckung wieder magisch geheilt zu werden, hier springt niemand von der Flügelspitze eines Jagdflugzeuges hinter den feindlichen Linien ab.
Damit euch das Spiel Spaß macht, gibt es ein paar Grundvoraussetzungen. Kennt ihr euch mit dem historischen Szenario ein wenig aus? Vor allem mit den verwendeten Waffensystemen, wie sie funktionieren, wie sie eingesetzt werden? Habt ihr eine ordentliche Frusttoleranz – denn der Tod kommt oft schnell? Seid ihr ein Teamplayer? Habt ihr ein Problem damit, Befehle zu empfangen und auszuführen? Habt ihr ein Headset und könnt ihr euch damit auch mit Fremden unterhalten? Es gibt deutsche Server, aber ein wenig englisch wäre schon ganz gut. Wenn ihr hier bei allen Punkten verneint habt, ist Hell Let Loose: Vietnam wohl eher nichts für euch.
Der historische Hintergrund ist der Vietnamkrieg. Er dauerte von 1955 bis 1975. Das kommunistische Nordvietnam und der Vietcong kämpften gegen Südvietnam und die USA. Der Krieg endete mit dem Sieg des Nordens und der Wiedervereinigung Vietnams. Für die USA ist die Niederlage im Vietnamkrieg immer noch eines ihr größten traumatischen historischen Ereignisse. Im Spiel könnt ihr natürlich auf beiden Seiten spielen.
Grundausbildung
Beginnen wir mit dem Spiel. Zuerst die Einzelspieler-Kampagne. Ok, fertig. Es gibt nämlich keine. Hell Let Loose: Vietnam ist ausschließlich für den Mehrspielermodus konzipiert. Nicht für kleine 3 vs 3 Gefechte- sondern für Schlachten mit 50 gegen 50 Teilnehmer. Das ist zwar kein Alleinstellungsmerkmal des Spieles, aber in derart hoher Qualität gibt es nur wenige vergleichbare Mehrspielershooter. Außerdem funktioniert so ein Game nur, wenn auch ausreichend Spieler auf den Servern vorhanden sind. Bei Hell Let Loose war das der Fall – mal sehen, wie sich Hell Let Loose: Vietnam diesbezüglich entwickeln wird. Werden nun die Spieler aus dem zweiten Weltkrieg in den Vietnamkrieg abwandern?
Hell Let Loose: Vietnam wirft euch sofort ins Geschehen. Wobei – ganz so schlimm ist es nicht. Es gibt Tutorials, damit ihr euch mit den Basics anfreunden könnt. Insgesamt gibt es 17 Rollen – als Anfänger sollte man wohl als Rifleman beginnen. Kann ja nicht so schwer sein, mit dem Gewehr durch den Dschungel zu stapfen und auf Gegner zu schießen. Sprinten, ducken, kriechen, wenn ihr wie ich gleich in den Stacheldraht gerannt seid – Wunden verbinden, über kleinere Hindernisse hechten, auf Leitern hinaufklettern, schwimmen, tauchen, geht doch. Bayonet am Gewehr befestigen, zustechen, zielen, Luft anhalten, feuern, die Feuergeschwindigkeit ändern, nachladen, Munition suchen, links oder rechts aus der Deckung hinausspähen, Funkgerät benutzen, Landkarte anschauen, Handgranate werfen, das Fernglas verwenden um feindliche Ziele zu markieren, einen Vorposten (zum Respawnen) bauen (dazu euren Notizblock in die Hand nehmen), einen gegnerischen Posten zerstören, einen taktischen Punkt einnehmen… aaaargh. Das ist ja wie in der Grundausbildung. Das Tutorial ist übrigens Mist – unser Ausbildner sagt uns zwar so ungefähr, was wir tun müssen, aber z. B. nicht, welche Taste im Spiel zu drücken ist. Die müssen wir meist über Optionen/Tastenbelegung selber herausfinden, oder generell herausfinden was er denn nun wieder von uns will, damit das Tutorial weitergeht. Und das war nur die Grundausbildung als Rifleman. Das nächste Tutorial ist dann das für den Zugsführer (Squad Leader). Der Squad Leader kann bereits größere Gebäude errichten – wenn genug Ressourcen vorhanden sind. Als Vietcong graben wir dann auch gleich unseren ersten Tunnel, nein, unser erstes verbundenes Tunnelnetzwerk – irgendwie muss man sich ja vor den Napalmbomben der Amis schützen. Ähnliche Trainingseinheiten gibt es auch für die restlichen Klassen von Hell Let Loose: Vietnam. Ihr müsst sie nicht alle absolvieren, aber Learning on the Job ist deutlich mühsamer als den frustrierenden Tutorials zu folgen. Ihr könnt auch als Panzerkommandant oder (US-)Hubschrauberpilot spielen.
Einer der wesentlichen Aspekte in einem Gefecht ist – wie im echten Leben – die Kommunikation mit euren Kameraden. Dafür braucht ihr Kopfhörer und Mikrophon. Ihr könnt auch ohne spielen, aber damit entgeht euch extrem viel von der Atmosphäre des Games. Außerdem werden euch eure Kameraden dafür hassen.
Battallion
Eine der Neuheiten in Hell Let Loose: Vietnam ist das Battalions-System. Ihr könnt gemeinsam mit euren Freunden eine Einheit gründen und zusammen mit den anderen das im Rank Battalion verbessern. Derzeit gibt es sechs große Karten – aber ich bin mir sicher, dass im Laufe der Zeit neue Karten gratis oder über DLCs hinzugefügt werden.
Das grundsätzliche Gameplay ist wie gewohnt – eliminiert alle Gegner von einem bestimmten Punkt, um den Punkt zu übernehmen und den Gegner auf der Karte zurückzudrängen. Zu Beginn sucht ihr euch einen Server – und davon gibt es bei Release bereits eine Menge, viele davon gut befüllt. Aktuell (Mittagszeit) sind über 30 Server mit jeweils zwischen 97 und 100 Spielern online – und bei jedem Server müsst ihr ein wenig warten, bis ihr an der Reihe seid und endlich mitspielen dürft. Zuerst wählt ihr NVA oder US Army. Dann wählt ihr eine (bis zu 6 Mann starke) Einheit, der ihr beitreten wollt (oder gründet einen neue – Infanterie, Mörser, Aufklärer oder Panzer). Danach wählt ihr eure Spezialisierung – z.B. Kommandant, Rifleman, MG-Schütze, Sanitäter, Grenadier, Pionier – wählt den Eintrittspunkt auf der Karte und schon seid ihr im Spiel. Ihr lauft also ein paar hundert Meter zum nächsten Einsatzziel, hört irgendwelchen Kommentare in unverständlichen Fremdsprachen, es knallt kurz und ihr habt euch eine Kugel eingefangen und verblutet irgendwo im Dschungel. Ihr könnt noch nach einem Sani schreien, aber besser ihr akzeptiert das Unausweichliche und lasst los… um mit einem neuen Leben wieder neu einsteigen zu können. Mit ein wenig Glück werdet ihr nicht wegen Unfähigkeit vom Server gekickt und euer Team gewinnt die Runde – und schon habt ihr einen Sieg, obwohl ihr euch bisher nur ein paar Mal auf einer der riesigen Karten verlaufen habt. Nunja, es macht Sinn, sich die Karten auf den vielen vorhandenen und nur dünn besiedelten Servern anzusehen, um dann bei einem richtigen 50:50 Spiel auch einen wertvollen Beitrag für das Team abliefern zu können.
Hell Let Loose: Vietnam ist für den PC auf Steam oder im Epic Store erhältlich, ebenso für die PlayStation 5 oder Xbox X|S. Ihr braucht einen ordentlichen Rechner für das Spiel. 16 GB RAM, Nvidia RTX 2060 Super oder AMD Radeon RX 6600 XT, dazu eine etwas neuere CPU (ab i5-10600K). Auch eure Internet-Verbindung sollte flott sein – es ist online-only. Besser nicht nebenbei ein anderes Spiel mit voller Bandbreite herunterladen.
Zusammenfassung
FAZIT
Der Dschungelkrieg ist noch in keinem Spiel so realistisch dargestellt worden wie in Hell Let Loose: Vietnam. Wer Lust hat, als NVA oder US-Soldat den Vietnamkrieg zu erleben, ist bei Hell Let Loose: Vietnam beim richtigen Spiel. Aber Vorsicht – das reine Mehrspielergame ist darauf ausgelegt, dass ihr im Team operiert, den Befehlen eurer Vorgesetzten gehorcht, keine eigenen Spieler abknallt, euch halbwegs realistisch verhaltet (oder ihr werdet nicht alt), das vorhandene Kriegsgerät korrekt bedient – und mit eurer Truppe im Kontakt steht. Ihr müsst nicht unbedingt viel ins Mikrophon sagen, aber ihr solltet jedenfalls euren Kameraden/Anführern zuhören, um koordiniert agieren zu können. Wenn das euer Ding ist, ist Hell Let Loose – Vietnam genau das richtige Game für euch. Die Server sind bereits gut gefüllt, es ist kein Problem, in 50:50 Partien einzusteigen. Die Einstiegshürde ist ein wenig höher als bei simplen Online-Shootern, aber die Befriedigung bei erfolgreicher Teilnahme an einer Operation auch. Ich werde mir jetzt einmal die Rolle als Helikopter-Pilot ansehen. Der Ritt der Walküren läuft schon auf meiner Alexa!