Marvel’s Wolverine ist das neue Superheldenspiel von Insomniac Games und lässt die Spinne aus der freundlichen Nachbarschaft zumindest vorübergehend am Netz baumeln. An ihre Stelle tritt dafür gleich der nächste große Fanliebling aus dem Marvel-Universum: Wolverine. Überraschung, bei diesem Titel war die Enthüllung vermutlich nicht allzu schwer vorherzusehen. Trotzdem soll Marvel’s Wolverine deutlich andere Wege einschlagen als die bisherigen Spider-Man -Spiele. Insomniac verspricht ein raueres, kompromissloseres Abenteuer, das sich stärker an Logan selbst orientiert und vor allem einem Ziel treu bleiben soll: Wolverine auch wirklich wie Wolverine wirken zu lassen.
Ich muss zugeben, dass ich mit der ganzen Thematik rund um die X-Men längst nicht so vertraut bin wie mit vielen anderen Marvel-Superhelden. Trotzdem hatte Marvel’s Wolverine schon bei seiner Ankündigung mein Interesse geweckt. Und nach drei großartigen Spider-Man -Spielen hatte sich Insomniac mein Vertrauen ohnehin längst gesichert.
Dieses Vertrauen wurde auch während meiner Spielzeit immer wieder bestätigt. Superhelden-Action, das können diese Entwickler einfach. Umso überraschender war es für mich, dass ich am Ende, während der Abspann über den Bildschirm lief, trotzdem mit ziemlich gemischten Gefühlen dasaß.
Team X
Dabei fängt die Geschichte richtig stark an. Wir schlüpfen in die Rolle von, wer hätte es gedacht, Logan alias Wolverine. Der hat sich eigentlich längst in einen selbst gewählten Ruhestand zurückgezogen, wird daraus allerdings ziemlich unsanft wieder hervorgeholt. Der Grund: Nathaniel Essex, der Anführer seines ehemaligen Mutantenteams, wurde gefangen genommen und braucht dringend Hilfe.
Zu diesem Team gehören neben Essex auch Mystique, Sabretooth und eben Wolverine selbst, zumindest früher. Hinter der Entführung steckt ausgerechnet Bolivar Trask, Essex’ Erzfeind und ein Mann, dessen Abneigung gegenüber Mutanten kaum größer sein könnte. Also werden die Krallen ausgefahren und wir ziehen los, um Essex zu retten.
Natürlich wird ziemlich schnell klar, dass sich die Sache damit längst nicht erledigt hat. Im Gegenteil: Der Kampf um die Zukunft der Mutanten fängt gerade erst an. Im Laufe der Geschichte begegnen uns deshalb zahlreiche weitere Verbündete und Gegenspieler, darunter auch bekannte Gesichter wie Jean Grey. Dafür kämpfen wir uns durch überwiegend linear aufgebaute Levelabschnitte und bekommen es nicht nur mit der Söldnertruppe der Reavers zu tun, sondern auch mit anderen Gruppierungen wie der Ninjaorganisation „Die Hand“.
Seine große Stärke zeigt Marvel’s Wolverine dabei vor allem in der Inszenierung. Das Spiel versteht es hervorragend, seine Charaktere in Szene zu setzen und daraus immer wieder gewaltige, spektakuläre und herrlich brachiale Momente entstehen zu lassen. Wenn Wolverine loslegt, dann fliegen eben nicht nur die Fetzen, sondern gelegentlich auch gleich der halbe Raum hinterher.
Allerdings wird ebenfalls ziemlich schnell deutlich, dass man hier keine sonderlich komplexe Geschichte erwarten sollte. Wohin die Handlung eigentlich möchte, lässt sich teilweise schon erstaunlich früh erahnen. Manche Wendungen sieht man mehrere Stunden im Voraus kommen und wenn sie schließlich eintreten, werden sie teilweise derart plump abgehandelt, dass aus Vorahnung eher Frust wird.
Besonders im letzten Drittel entwickelt sich die Handlung zunehmend zu einem erzählerischen „Was passiert hier eigentlich gerade?“. Neue Handlungsbögen werden noch eröffnet, während andere kaum zufriedenstellend abgeschlossen werden. Die großen Momente bleiben zwar erhalten, aber eine durchgehend fesselnde Geschichte entsteht daraus nicht. Gerade weil die ersten beiden Drittel noch ziemlich stark funktionieren, ist es umso schade, wie deutlich der Handlung gegen Ende die Luft ausgeht.
Dabei besitzt die Geschichte eigentlich einen verdammt starken Kern. Vor allem Logans persönlicher Konflikt funktioniert hervorragend: sein Wunsch nach einem halbwegs normalen Leben auf der einen Seite und diese kaum kontrollierbare Wut auf der anderen. Wolverine selbst ist ohnehin so stark geschrieben und inszeniert, dass er weite Teile der Handlung beinahe im Alleingang trägt. Selbst wenn die Geschichte gelegentlich ins Stolpern gerät, bleibt Logan der Grund, warum man ihr trotzdem weiter folgen möchte.
Schnell und wild
Beim Gameplay bleibt sich Wolverine ebenfalls treu. Mit seinen Adamantiumklauen, übermenschlichen körperlichen Fähigkeiten und enormen Regenerationskräften wird ziemlich schnell klar, dass Logan alles andere als ungefährlich ist. Während Spider-Man seine Gegner am liebsten lebend für die Polizei verschnürt, ist Wolverine, sagen wir es mal so, deutlich weniger zimperlich. Nein, eigentlich kann man es auch direkt sagen: Das Spiel ist teilweise das reinste Blutbad.
Wir kämpfen uns durch ganze Gegnergruppen, zerlegen unsere Feinde wortwörtlich in ihre Einzelteile und stehen dank Logans Heilungsfaktor selbst nach den härtesten Treffern einfach wieder auf. Genau diese Brutalität war den Entwicklern und vielen Fans offenbar besonders wichtig. Und sie passt auch. Wolverine ist schließlich kein Spider-Man mit Krallen, sondern ein deutlich kompromissloserer Charakter, was sich entsprechend im Kampfsystem widerspiegelt.
Mit Viereck und Dreieck führen wir unterschiedliche Angriffe aus, die sich zu verschiedenen Kombinationen verbinden lassen. Dazu kommen Spezialattacken wie ein wirbelnder Klauenangriff oder ein brutaler Kniestoß. Im Laufe des Spiels schalten wir weitere Fähigkeiten und passive Verbesserungen frei, wodurch Wolverine immer mächtiger wird.
Natürlich können wir Angriffen ausweichen oder sie parieren, wobei gerade Letzteres eine ziemlich große Rolle spielt. Das Zeitfenster dafür fällt allerdings sehr großzügig aus, weshalb man den Dreh recht schnell heraushat. Zusätzlich gibt es kleinere Stealth-Möglichkeiten. So können wir Gegner aus hohem Gras heraus ausschalten oder uns von Ästen direkt auf sie stürzen. Nach wenigen Stunden hat man das Kampfsystem im Grunde verstanden und gleitet anschließend von einer Auseinandersetzung ziemlich nahtlos in die nächste.
Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei Logans Wut. Besiegen wir Gegner, parieren Angriffe oder teilen schlicht ordentlich Schaden aus, füllt sich eine dreistufige Leiste. Jede Stufe gewährt zusätzliche Vorteile. Bereits auf der ersten Stufe können wir uns beispielsweise nach einem Knockout selbst wieder auf die Beine bringen. Erreichen wir dagegen die höchste Stufe, sieht Wolverine sprichwörtlich rot. Gegner lassen sich dann bereits nach wenigen Treffern mit brutalen Finishern ausschalten. Und ja: Das sieht nicht nur verdammt gut aus, sondern spielt sich auch so.
Mit der Zeit nutzt sich das Kampfsystem trotzdem ein wenig ab. Das liegt weniger daran, dass die Kämpfe keinen Spaß machen würden, sondern vielmehr daran, dass Marvel’s Wolverine spielerisch fast ausschließlich auf sie setzt. Kämpfen, kurz weiterlaufen, wieder kämpfen. Dadurch stellt sich irgendwann eine gewisse Routine ein.
Trotzdem gehört die Action klar zu den größten Stärken des Spiels und erreicht genau die Qualität, die man von Insomniac mittlerweile erwartet. Gerade auf den höheren Schwierigkeitsgraden können die Kämpfe überraschend anspruchsvoll werden. Besonders die Bosskämpfe haben es mir angetan: Sie sind spektakulär inszeniert, spielerisch angenehm fordernd und gehören für mich eindeutig zu den Highlights des gesamten Spiels.
Abseits der Kämpfe gibt es innerhalb der Missionen verschiedene Dinge zu entdecken. Dazu gehören Materialkisten sowie Sammelobjekte wie Whiskyflaschen, mit denen wir neue Anzüge freischalten oder weitere passive Verbesserungen ausrüsten können. Eine besonders ausgeprägte Sammelwut braucht man dafür allerdings nicht, denn wirklich gut versteckt sind die meisten dieser Gegenstände nicht.
Zusätzlich können wir besondere Herausforderungen absolvieren, die sogenannten Albtraumtüren. Dabei müssen wir etwa einen bestimmten Punkt erreichen, eine vorgegebene Zahl an Gegnern besiegen oder mehrere Gegnerwellen überleben. Besonders kreativ sind diese Aufgaben zwar nicht, doch als kurze Abwechslung zwischen den Missionen funktionieren sie durchaus. Und am Ende gilt ohnehin: Solange Wolverine dabei genug Dinge zerschneiden darf, macht es erstaunlich lange Spaß.
Wer wirklich alles erledigen möchte, kommt bei Marvel’s Wolverine auf ungefähr 15 bis 20 Stunden Spielzeit pro Durchlauf. Besonders umfangreich ist das nicht, für ein geradliniges Singleplayer-Abenteuer aber noch vollkommen vertretbar. Man sollte sich lediglich darauf einstellen, dass die vorhandenen Inhalte zwar qualitativ auf einem hohen Niveau liegen, das Spiel daraus aber nur selten wirklich neue Ideen entwickelt.
Marvel’s Wolverine ist damit spielerisch ein ziemlich fokussiertes Paket: schnell, brutal und hervorragend inszeniert. Nur sonderlich abwechslungsreich ist dieses Paket eben nicht.
Für Augen und Ohren
Auch technisch macht Marvel’s Wolverine eine ziemlich überzeugende Figur. Die Grafik ist stark, die Charaktermodelle sind detailliert und auch die verschiedenen Umgebungen können sich sehen lassen. Besonders die Licht- und Schatteneffekte tragen viel zur Atmosphäre bei, während Explosionen, Funken und andere Effekte den Kämpfen die nötige Wucht verleihen.
Mindestens genauso überzeugend fällt die akustische Seite aus. Der Soundtrack hält sich stellenweise angenehm zurück, dreht in den großen Momenten aber ordentlich auf und unterstützt die ohnehin schon spektakuläre Inszenierung. Wenn Stahl auf Stahl trifft, Explosionen durch die Umgebung donnern oder Wolverine seine Gegner auseinandernimmt, steckt ordentlich Druck dahinter. Auch die deutsche Synchronisation bewegt sich auf einem sehr hohen Niveau. Die Sprecher leisten durchweg starke Arbeit und tragen einen großen Teil dazu bei, dass die Charaktere so gut funktionieren.
Ganz sauber lief meine Spielzeit allerdings nicht ab. Marvel’s Wolverine hatte immer wieder mit kleineren und teilweise auch ziemlich nervigen Bugs zu kämpfen. Gelegentlich reagierte Logan beispielsweise nicht auf eine Interaktion, obwohl ich die entsprechende Taste gedrückt hatte. An anderer Stelle blieben Verbündete einfach stehen, wodurch ein Skript nicht ausgelöst wurde und die Mission nicht weiterging. In solchen Fällen half letztlich nur ein Neustart vom letzten Kontrollpunkt.
Solche Probleme traten zwar nicht ständig auf, aber eben häufig genug, dass sie irgendwann störten. Gerade bei einem Spiel, das so stark von seiner Inszenierung und seinem Spielfluss lebt, reißen solche Momente einen ziemlich unsanft aus dem Geschehen.
Ein technischer Fehlschlag ist Marvel’s Wolverine deshalb aber keineswegs. Dafür sehen und klingen die einzelnen Schauplätze und Kämpfe schlicht zu gut. Hoffentlich beseitigen kommende Updates noch einige der gröberen Fehler, denn unter der etwas zerkratzten Oberfläche steckt technisch ein ausgesprochen starkes Spiel.
Zusammenfassung
FAZIT
Am Ende stellte ich mir vor allem eine Frage: Hatte ich mit Marvel’s Wolverine genauso viel Spaß wie mit den letzten Spider-Man-Spielen? Die Antwort darauf lautet wohl: Es ist kompliziert.
Die Geschichte hat ihre Schwächen, die zunehmende Monotonie lässt sich kaum wegdiskutieren und nach dem Abspann gibt es ebenfalls nicht mehr sonderlich viel zu tun. Das sind Punkte, die man nicht einfach ignorieren kann und die Insomniacs vorherige Spiele meiner Meinung nach deutlich besser gelöst haben.
Gleichzeitig macht Marvel’s Wolverine aber genau dort verdammt viel richtig, wo es wirklich auf Wolverine ankommt. Die Kämpfe sind schnell, brutal und hervorragend inszeniert, Logan selbst funktioniert als Charakter großartig und einige der spektakulärsten Momente des Spiels werden mir definitiv noch eine Weile im Gedächtnis bleiben.
Es ist also kein Spiel, bei dem alles perfekt ineinandergreift. Dafür bleibt schlicht zu viel Potenzial liegen. Gerade Fans von Wolverine oder Spielern, die hauptsächlich Lust auf kompromisslose Superhelden-Action haben, können trotzdem problemlos zugreifen. Wer hingegen eine ausgefeilte und durchgehend fesselnde Geschichte erwartet, dürfte am Ende eher enttäuscht sein. Dafür ist die Handlung zu vorhersehbar, gerade im letzten Drittel zu hastig und stellenweise schlicht nicht sauber genug erzählt.
Trotz dieser Schwächen fügt sich Marvel’s Wolverine ziemlich nahtlos in die bisherige Erfolgsserie von Insomniac ein. Es erreicht für mich zwar nicht ganz die Klasse der besten Spider-Man-Spiele, liefert aber dennoch ein starkes, spektakuläres und herrlich brutales Superhelden-Abenteuer. Und auch wenn Wolverine an einigen Stellen ein paar Kratzer davonträgt, dürfte das Spiel am Ende trotzdem zu den besten Singleplayer-Erfahrungen dieses ohnehin ziemlich vollgepackten Gaming-Jahres gehören.