Wenn die Temperaturen steigen, sollte vielleicht zweimal überlegt werden, ob der Rechner wirklich noch zusätzlich Abwärme ins Zimmer pusten muss. Andererseits bieten Computerspiele die perfekte Flucht vor der Sommerhitze: von gemütlichen Auszeiten zwischen magischen Bücherregalen über düstere Zukunftsvisionen bis hin zu Managementtätigkeiten an Orten, an denen es garantiert noch wärmer ist als draußen. Mit dem Kühlschrank in Reichweite lässt sich aber vieles aushalten.
Sintopia
Hölle, Fließband, Feierabend
In Sintopia ist die Hölle kein mythischer Abgrund, sondern ein bürokratischer Betrieb. Im Zentrum steht das Sündensystem. In der Oberwelt sammeln die Bewohner durch ihr Verhalten Sünden an, nach ihrem Tod landen ihre Seelen in der Unterwelt. Dort werden sie verwaltet, bestraft, geläutert und wieder in den Kreislauf des Lebens geschickt. Was morbid klingt, ist tatsächlich der Kern der Wirtschaft. Jede Seele ist Rohstoff, Einnahmequelle und logistisches Problem zugleich. Die Hölle muss also nicht unbedingt grausam, sondern vor allem effizient sein.
Dafür braucht es Dämonen. Sie müssen bezahlt und bei Laune gehalten werden. Wer die Belegschaft ignoriert, bekommt nicht einfach nur schlechtere Arbeitsleistung, sondern im schlimmsten Fall mit einem ausgewachsenen Streik konfrontiert. Dann steht die Höllenmaschinerie still, während sich Rückstaus bilden, Einkommen ausbleibt und die gesamte Planung ins Wanken gerät.
Nicht nur hier zeigt das Spiel eine ziemlich harte Kante. Der Schwierigkeitsgrad zieht teilweise stark an und fühlt sich teilweise richtig unfair an. Besonders die Oberwelt wird schnell zum Störfaktor, der sorgfältig aufgebaute Pläne durcheinanderbringt. Mit ihr lässt sich nur indirekt interagieren, und die dafür nötigen Sprüche sind teuer. Ein falsch gewählter oder schlecht platzierter Zauber kann gefühlt über Sieg oder Niederlage entscheiden.
In der Story-Kampagne gehören daher Missionen, die nicht souverän gewonnen, sondern mit Ach und Krach über die Ziellinie getragen werden, zur Tagesordnung. Im Hintergrund bricht das Wirtschaftssystem bereits auseinander, Vorräte sind erschöpft, Prozesse kommen zum Stillstand, aber irgendwie werden die etwas willkürlich wirkenden Vorgaben im letzten Moment noch erfüllt. Das ist nicht unbedingt befriedigend.
Auf den ersten Blick wirkt Sintopia wie als höllischer Vergnügungspark mit schwarzem Humor: Sünder rein, Seelen raus, der Rest ist Management. Doch dieser Eindruck hält nicht lange, es geht um Durchsatz, Ressourcen und Systeme, die möglichst reibungslos arbeiten müssen. Sintopia ist damit weniger die charmante Höllenpark-Simulation, die es zunächst zu sein scheint, sondern ein anspruchsvolles, manchmal gnadenloses Automations- und Managementspiel. Wer Chaos, Ressourcenknappheit und knappe Siege schätzt, findet hier eine fiese Unterweltmaschine – auch wenn sie gelegentlich teuflisch unfair ist.
REPLACED
Menschsein ist auch keine Lösung
Im Mittelpunkt von REPLACED steht die Umkehrung eines bekannten Science-Fiction-Motivs. Normalerweise wollen Maschinen in solchen Geschichten menschlich werden, Gefühle entdecken oder wenigstens verstehen, warum Menschen ständig schlechte Entscheidungen treffen. REPLACED dreht das um: Hier steckt eine künstliche Intelligenz unfreiwillig in einem menschlichen Körper und möchte eigentlich wieder zurück in die so viel logischere Welt der Bits und Bytes. Menschlichkeit ist also kein ersehntes Ziel, sondern ein ziemlich lästiger Zustand mit Schmerzen, Schwächen und anderen biologischen Zumutungen. Dieser Ansatz gibt der Geschichte eine reizvolle Schieflage, auch weil das Spiel daraus nicht nur Drama, sondern immer wieder trockenen Humor zieht.
Spielerisch fällt bei dem 2.5D Action-Adventure vor allem das Kampfsystem positiv auf. Angriffe, Konter, Ausweichbewegungen und das Kontrollieren mehrerer Gegner greifen sauber ineinander. Die Anleihen bei den Batman: Arkham-Spielen sind kaum zu übersehen: Auch hier entsteht ein rhythmischer Schlagabtausch, bei dem Timing, Übersicht und Reaktion wichtiger sind als bloßes Draufhauen.
Angesiedelt in einer alternativen postapokoalyptischen Version der USA in den 1980er ist zwar vieles kaputt, sieht dabei aber fantastisch aus. Es wurde sehr genau darauf geachtet, wie jeder Raum, jede Bewegung und jede Lichtquelle wirkt. Der 2,5D-Pixelstil ist ausgesprochen detailreich, stimmungsvoll und flüssig animiert. Hintergründe wirken nicht wie bloße Kulisse, sondern wie sorgfältig gebaute Bühnenbilder, in denen Neonlicht, Regen und Verfall um unsere Aufmerksamkeit kämpfen. Übergänge wirken sauber und selbst kleinere Aktionen sind mit sichtbarer Sorgfalt gestaltet.
REPLACED überzeugt als stilvolles, atmosphärisches und sehr selbstbewusst inszeniertes Actionspiel. Es lebt von seiner großartigen Präsentation, einem überraschend starken Kampfsystem und einer Prämisse, die bekannte KI-Fantasien angenehm gegen den Strich bürstet. Mensch werden bzw. bleiben? In diesem Fall vielleicht besser nicht.
MOUSE: P.I. For Hire
Bleihaltige Schwarzweißluft
In MOUSE: P.I. For Hire steckt der Zeichentrickstil der Dreißigerjahre: bedrückende Stadtkulissen, gummiartige Bewegungen, slapstickhafte Übertreibung.
Die Entwickler hatten offensichtlich ihren Spaß daran, genau jene Teile der Bildsprache alter Cartoons zu nutzen, die juristisch ungefährlich geworden sind, ohne sich mit den Anwälten einer gewissen Maus anzulegen. Gleichzeitig wäre es aber zu einfach, das Spiel nur darauf zu reduzieren.
Es ist ein First-Person-Shooter, der Nostalgie nicht nur als hübsche Tapete nutzt. Waffen knallen, Gegner platzen cartoonhaft übertrieben und alles ist von einer Gewalt durchzogen, die bewusst nicht realistisch wirken will und soll. Schließlich waren die Zeichentricks aus der Kindheit bei genauerem Hinsehen eigentlich schon immer erstaunlich brutal, MOUSE spinnt diesen Gedanken einfach weiter: Pfannen, Kugeln und Explosionen werden nicht entschärft, sondern ins Groteske übersteigert.
Auch die musikalische Untermalung – Jazz und Big-Band-Schwung – passen hervorragend zur Kulisse der Stadt Mouseburg. Das Spiel klingt so, wie es aussieht: altmodisch, schräg, rhythmisch und ständig ein wenig zu gut gelaunt für das, was gerade passiert. Dazu kommt eine Geschichte voller Korruption, Verbrechen und schmieriger Gestalten, die gelegentlich sogar etwas Gegenwartskritik durchscheinen lässt. Nur nimmt sich das Spiel dabei nie so ernst, dass aus der Satire eine Predigt werden würde.
Spielerisch ist das Ganze ein Shooter alter Schule, oder, wie böse Zungen inzwischen sagen würden: ein Boomer-Shooter. Entscheidend ist Bewegung, Tempo und ein Arsenal, das nicht unbedingt nach Realismus strebt. Trotzdem fühlt sich MOUSE: P.I. For Hire nicht angestaubt an. Moderne Komfortfunktionen und ein geschmeidiger Spielfluss sorgen dafür, dass auch jene wieder einsteigen können, die dem Genre länger ferngeblieben sind.
MOUSE: P.I. For Hire ist nicht nur ein hübscher Stil-Ausflug, sondern ein erstaunlich eleganter, schwarzhumoriger Shooter. Die Mischung aus Dreißigerjahre-Cartoon, Noir-Krimi und überzeichneter Ballerei funktioniert, weil sie konsequent ist – und weil sie weiß, dass auch für eine Maus der Griff zur Waffe manchmal alternativlos ist …
MOUSE: P.I. For Hire auf Steam
Librarian: Tidy Up the Arcane Library!
Walle! Walle, manche Strecke, dass zum Zwecke Bücher schlichte
Librarian: Tidy Up the Arcane Library! ist eines dieser Spiele, bei denen schon die Grundidee entscheidet, ob das Interesse geweckt wird oder nicht. Eine magische Bibliothek wurde ins Chaos gestürzt, überall liegen Bücher verstreut, und die Herausforderung ist klar: Alles muss wieder an seinen richtigen Platz. Keine epische Weltrettung, kein moralisches Dilemma, kein Endboss mit Kindheitstrauma – stattdessen 3.072 Bücher und die stille, aber sehr bestimmte Forderung nach Ordnung.
Das klingt absurd, trifft aber genau deshalb bei vielen einen Nerv. Natürlich werden die Bücher auch nicht einfach wahllos eingesammelt und irgendwo verstaut. Titel & Einband geben Hinweis darauf wo jedes Werk eigentlich hingehört. Aus dem vermeintlich simplen Aufräumen wird dadurch ein Sortier- und Organisationsspiel, das erstaunlich schnell einen eigenen Sog entwickelt. Die Atmosphäre unterstützt diesen meditativen Rhythmus. Die arkane Bibliothek ist still, leicht geheimnisvoll und optisch gerade hübsch genug. Ein Regal füllt sich, eine Reihe stimmt, der Boden wird teilweise wieder sichtbar. Und plötzlich fühlt sich das alles deutlich befriedigender an, als es hier klingen mag.
Keine Frage: Librarian: Tidy Up the Arcane Library! ist vor allem ein Spiel für Menschen mit einer gewissen Liebe zu Systemen, Mustern und sauber abgeschlossenen Aufgaben. Optional gepaart mit einem mehr oder weniger ausgeprägten autistischem Einschlag. Der Reiz liegt darin, Chaos Schritt für Schritt in Ordnung zu verwandeln – und dabei immer effizienter zu werden.
Denn ganz ohne spielerische Fortschritte kann, muss man aber nicht arbeiten. Mit der Zeit werden magische Fähigkeiten freigeschaltet, die den Arbeitsfluss beschleunigen: ähnliche Bücher lassen sich leichter finden, das richtige Regal wird optisch hervorgehoben oder Bücherstapel werden automatisch sortiert.
Librarian: Tidy Up the Arcane Library! ist absolut kein Spiel für jeden Geschmack, aber ein sehr empfehlenswertes für den richtigen. Wer in digitalen Welten gerne Ordnung schafft, Reihen vervollständigt und am Ende auf sauber gefülltes Regale blicken mag, findet hier zielgenaue Befriedigung.
Librarian: Tidy Up the Arcane Library! auf Steam