Die dritte Ausgabe von We Are Football verbindet den Arcade-Charme klassischer Fußballmanager mit neuen Modi, erweitertem Umfang und vielen taktischen Stellschrauben. Nach rund 25 Stunden zeigt sich, wo die Reihe überzeugt und wo sie noch nachbessern sollte.
Zurück zur Nostalgie
Seit dem 16. September 2026 ist We Are Football 2027 auf Steam erhältlich. Wer mit Anstoss 3 oder dem EA Sports Fußball Manager 13 aufgewachsen ist, kennt die Versuchung, trotz längst vergangener Saisons immer noch eine Partie zu starten. Eine aktive Community hält die alten Spiele mit Modifikationen so aktuell, wie es technisch möglich ist. Bis 2021 fehlte diesen Arcade-Managern eine echte Alternative. Dann kehrte Gerald Köhler, der Kopf hinter Anstoss und dem Fußball Manager, mit We Are Football zurück. Mit der Ausgabe 2027 liegt nun der dritte Serienteil vor.
Die Reihe setzt auf das Suchtpotenzial klassischer Manager und den typischen Humor der Anstoss-Spiele. Damit richtet sie sich an Fußballfans, denen der inzwischen dominierende Football Manager von Sega zu viel Tabellenarbeit bietet. Auf das Debüt 2021 folgte knapp drei Jahre später We Are Football 2024. Beide Spiele erschienen noch in Zusammenarbeit mit THQ Nordic. Für die aktuelle Ausgabe übernimmt das Kölner Studio Winning Streak Games den Vertrieb selbst. Der zusätzliche Aufwand für die vielen Nebenaufgaben war auch Thema in unserem Interview mit Gerald Köhler.
Sechs Modi und ein Kreativmodus
Zum Start stehen sechs Modi für Männer- und Frauenfußball bereit. In der klassischen Karriere können wir uns von der fünften Liga bis zur Champions League hocharbeiten. Alternativ wählen wir direkt einen Verein oder gründen einen eigenen Club. Wer nur ein Großereignis betreuen möchte, kann eine Welt- oder Europameisterschaft spielen; nach dem Turnier endet dieser Modus. Neu ist der Zuschauermodus: Wir verfolgen zunächst einen Verein von außen und können später selbst das Ruder übernehmen.
Alle Modi lassen sich mit realistischen Regeln oder im neuen Kreativmodus starten. Dort passen wir zahlreiche Parameter an: etwa die Häufigkeit großer Talente, Torchancen und Karten, Verletzungen, Kosten für Stadion und Trainingsgelände oder Sponsorengelder. Auch einem Verein mehrere Millionen Euro zuzuschieben, ist möglich. Die umstrittene 50+1-Regel kann dabei aktiviert oder abgeschafft werden. Das eröffnet viele Möglichkeiten für eigene Szenarien, ist im Kern aber ein umfangreicher Ingame-Editor.
Ohne offizielle Lizenzen
Im Gegensatz zum Debüt fehlen We Are Football 2027 die offiziellen Lizenzen. Für den ersten Teil gab es einen kostenpflichtigen Bundesliga-DLC mit den lizenzierten Vereinen der ersten und zweiten deutschen Liga für die Saisons 2020/21 und 2021/22 sowie den Daten des DFB-Pokals, des Supercups und der ersten und zweiten Frauen-Bundesliga. Auch diesmal dürfte die Community den integrierten Editor nutzen, um Vereine, Wappen und Kader auf den aktuellen Stand zu bringen. Winning Streak Games bietet dafür eine Steam-Workshop-Integration; außerdem soll FM-Zocker.de an frühere Fanpatches anknüpfen.
Zum Zeitpunkt unseres Tests gab es noch keine Daten für die laufende Saison. Laut Anleitungen lassen sich offenbar ältere Datensätze weiterverwenden, allerdings berichten Spieler von Abstürzen im späteren Spielverlauf. Wer auf aktuelle Kader Wert legt, wartet daher besser auf passende Fanupdates. Beim Umfang legt die Simulation zu: In Deutschland kommen fünf Ligen hinzu, in Österreich drei und in England eine fünfte Spielklasse. Außerdem gibt es nun zwei internationale Vereinswettbewerbe pro Kontinent sowie zusätzliche regionale Pokale. Vor dem Start bestimmen wir, wie tief die Simulation gehen soll.
Einstieg, Transfers und Trainingsalltag
Für meine erste Partie wählte ich eine klassische Managerkarriere und startete in der fünften Liga. Ein Quiz legt zunächst Grundwerte in sportlichen und wirtschaftlichen Bereichen sowie bei Fannähe, Härte, Persönlichkeit und Kompetenz fest. Die Fragen nach der eigenen Karriere oder dem emotionalsten Spiel nehmen sich nicht immer ernst; hier blitzt der Anstoss-Humor durch. Danach erschlagen die vielen Untermenüs zunächst, zumal die Erklärungen am Anfang knapp ausfallen. Gerald Köhler rät in unserem Interview, einfach loszulegen: Für fast jede Aufgabe gibt es Assistenten. Wer die Systeme ausreizen möchte, muss sich dennoch in die verzweigten Abläufe einarbeiten. Im Steam-Installationsordner liegt zudem ein mehr als 300 Seiten umfassender deutsch- und englischsprachiger Guide.
Die Benutzeroberfläche wirkt inzwischen etwas altbacken. Entscheidend ist jedoch, was unter der Haube steckt. Eine Übersicht zeigt, wo bei Kader, Training, Sponsoring, Vereinsgelände, Taktik, Gehältern oder Teamhierarchie noch Handlungsbedarf besteht. Das führt nach und nach in die Systeme ein und hilft, die verschiedenen Baustellen im Blick zu behalten.
Der Transfermarkt wurde überarbeitet. Scouting und Verpflichtung laufen nun mehrstufig: Zuerst klopfen wir das Interesse eines Spielers ab, dann verhandeln wir über das Gehalt und schließlich mit dem Verein. Dabei kann ein Rivale dazwischenfunken. Mir fehlte eine Übersicht zum Ergebnis des Vorgesprächs. Wer mehrere Kandidaten prüft, sieht nicht auf einen Blick, wie verhandlungsbereit sie sind. Auch Verträge bleiben recht oberflächlich: Zusätzliche Klauseln, etwa für Länderspiele oder eine bestimmte Zahl an Toren, wären eine sinnvolle Ergänzung. Neu ist, dass sich ein Spieler zunächst ins Team integrieren muss; dabei hilft unter anderem ein Integrationsmanager.
Neben dem Spieltag gibt es weitere Aufgaben. Über einen Skill-Tree verbessern wir etwa unser Verhandlungsgeschick oder die Vermittlung von Trainingsinhalten. Auch die Spieler können wir gemeinsam mit ihnen weiterentwickeln und beispielsweise selbstbewusster machen. Die Jahreshauptversammlung zu Saisonbeginn bleibt für Trainer und Manager allerdings passiv: Wir lesen das Protokoll, haben aber kaum Einfluss. Im EA Sports Fußball Manager 13 gefiel mir die Möglichkeit besser, den Mitgliedern in einfacher Form Rede und Antwort zu stehen.
Mit zahlreichen Mitarbeitern lassen sich Aufgaben delegieren. In meiner Karriere mit einem Fünftligisten konnte ich trotz geringer Verhandlungsbereitschaft erfahrene Abteilungsleiter zu für einen Halbprofiverein akzeptablen Konditionen verpflichten. Das ist praktisch, wirkt aber wenig realistisch. Zu Beginn jeder Woche legen wir einen Trainingsschwerpunkt fest und planen weitere Termine, etwa Sponsor- oder Fanclubbesuche. Anschließend bestimmen wir die Einheiten im Detail. Das System bietet viele Methoden, um auf Schwächen im Team zu reagieren und die Mannschaft auf die eigene Taktik einzustellen.
Taktik auf dem Platz
Die taktischen Möglichkeiten sind eine der großen Stärken. Neu ist etwa, dass Außenverteidiger den jeweiligen Flügelspieler überlaufen können. In meiner Partie mit dem Fünftligisten Uerdingen setzte ich auf ein defensives 4-2-3-1 mit langen Bällen und Angriffen über außen. In einem weiteren Durchlauf mit Mönchengladbach spielte ich mit Dreierkette und kurzen Pässen deutlich offensiver. Bei Amateuren stehen nur drei Trainingseinheiten zur Verfügung, während Profis den vollständigen Trainingsplan nutzen können. Gezieltes Training wirkte sich in meinen Partien auch auf die passenden Mannschaftswerte aus.
Uerdingen kam mit der defensiven Ausrichtung tatsächlich häufig zu Kontern. Eine Heatmap zeigt, wo sich Spieler und Mannschaft bewegen. Selbst bei extrem eingestellter Positionstreue gab es Ausflüge in die Mitte, insgesamt folgte das Team aber meinen Vorgaben. Bei den Profis aus Mönchengladbach war der taktische Plan noch klarer zu erkennen – wohl auch dank des besseren Spielermaterials. Ein Heimvorteil ist ebenfalls spürbar und hängt unter anderem von Zuschauerzahl und Fanbasis ab. Wie stark einzelne Faktoren das Ergebnis beeinflussen, bleibt jedoch nicht immer nachvollziehbar. Zusätzliche Statistiken dazu, ob die eigene Taktik tatsächlich greift, wären hilfreich. Auch der Zufall gehört dazu: Ein starkes Team kann im Pokal gegen einen Außenseiter verlieren.
Die Partien verbinden Textmodus und 3D-Szenen. Winning Streak Games nennt 10.000 Spielszenen, rund 50 Prozent mehr als im Vorgänger, und setzt dafür eine hauseigene Engine ein. Die 3D-Sequenzen lassen sich auf Situationen wie Torchancen, Karten oder Fanaktionen begrenzen; eine komplette Partie können wir nicht ansehen. Das hätte mir geholfen, Formationen, Zuordnungen und Laufwege genauer zu beurteilen. Die Ergebnisse meiner Partien wirkten insgesamt plausibel: Wenn mein Team deutlich stärker war, zeigte sich das gewöhnlich auch auf der Anzeigetafel.
Der Co-Trainer empfiehlt etwa Auswechslungen, doch seine Vorschläge passen nicht immer zur Situation. Eine neue Fähigkeitenanzeige blendet während einer Szene die für die Aktion wichtigen Attribute ein. Bei einer hohen Flanke sind etwa Positionierung und Kopfballstärke relevant. Das liefert zusätzliche Hinweise für Aufstellung, Taktik und Transfers.
Ein klassischer Textmodus, wie ihn ältere Manager boten, fehlt mir als Nostalgiker. Stattdessen können wir 3D-Szenen ganz ausblenden oder nur kurze, lange beziehungsweise gelegentliche Sequenzen zeigen lassen. Taktische Umstellungen und Wechsel erlauben Eingriffe von außen; Zurufe wie „Konzentration“ oder „volle Offensive“, die anschließend eine Zeit lang wirken, gibt es nicht. Gelegentlich können wir während einer 3D-Szene immerhin entscheiden, ob ein Spieler passen, schießen oder dribbeln soll.
Zusammenfassung
FAZIT
Im Test habe ich mich vor allem auf die Neuerungen gegenüber dem direkten Vorgänger und den allgemeinen Eindruck konzentriert. Die Änderungen fallen punktuell aus, doch Winning Streak Games verlangt für die Neuauflage nur einen schmalen Zwanziger. Für Besitzer des Vorgängers öffnet sich mit der 2027er Ausgabe keine völlig neue Welt. Gleichzeitig unterstützt der Kauf die weitere Entwicklung. Wer das Studio unabhängig vom Spielkauf unterstützen möchte, kann dies auch über die Steady-Seite. Auf Steam und Discord bezieht das Team seine Anhängerschaft ein; das merkt man dem aktuellen Teil an.
In der noch jungen Reihe steckt viel Potenzial. Trotz einzelner Unstimmigkeiten bietet We Are Football 2027 bereits viel Inhalt zu einem günstigen Preis. In meinen knapp 25 Stunden habe ich wahrscheinlich noch längst nicht alles gesehen. Die Zeit verging mit einer Partie, einem weiteren Transfer und einer zusätzlichen Trainingsanpassung jedenfalls schneller als geplant – genau dieses Gefühl hat mich als Nostalgiker abgeholt.