Kaum ein Spiel hat in den letzten Tagen für so viel Gesprächsstoff gesorgt wie das Action-Adventure Crimson Desert. Ob auf den verschiedensten Internetplattformen oder sogar im eigenen Freundeskreis – dem neuen Titel von Entwickler Pearl Abyss kann man kaum entgehen. Crimson Desert verspricht dabei nicht nur eine unglaublich lebendige und dynamische Open World, sondern vor allem die Freiheit, diese ganz nach den eigenen Vorstellungen zu erleben. Zahlreiche unterschiedliche Systeme und Mechaniken greifen ineinander – und genau hier stellt sich mir die Frage: Kann diese scheinbar chaotische Mischung am Ende wirklich funktionieren?
Ich persönlich liebe Open-World-Spiele – vor allem dann, wenn sie mich nicht ständig an die Hand nehmen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich Welten wie die von Elden Ring oder The Legend of Zelda: Breath of the Wild so sehr fesseln und über hunderte Stunden hinweg beschäftigen können. Umso schneller war für mich klar, dass ich mich auf Crimson Desert besonders freue und es unbedingt spielen wollte. Allerdings ist Crimson Desert nicht einfach nur ein weiteres „neues Open-World-Game“, sondern ein Titel, der dem ganzen Genre seinen eigenen Stempel aufdrückt.
Die Graumähnen
Die Handlung des Spiels ist schnell erklärt. Wir schlüpfen in die Rolle von Kliff, dem Anführer der sogenannten Graumähnen. Dabei handelt es sich um eine Söldnertruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, für Recht und Ordnung zu sorgen – und damit als Streiter des Guten gilt. Doch schon kurz nach Spielbeginn wird unsere Gruppe von den feindlichen Schwarzbären überfallen. Ebenfalls Söldner, nur deutlich weniger freundlich. Innerhalb weniger Minuten wird die Truppe zerschlagen, Kliff verliert dabei sogar sein Leben und die verbliebenen Mitglieder werden über die Welt verstreut. Durch das Eingreifen einer mysteriösen Macht kehrt Kliff jedoch ins Leben zurück. Kurz darauf machen wir uns auf die Suche nach unseren Gefährten, um die Graumähnen wieder aufzubauen und erneut für Ordnung im Reich zu sorgen.
Zugegeben: Wirklich neu ist dieses Setting nicht. Auch Kliff bleibt als Protagonist eher blass – der klassische, wortkarge Held, der für das Gute kämpft, ohne dabei viel Persönlichkeit zu zeigen. Ähnlich ergeht es den übrigen Mitgliedern unserer Truppe, die wir im Laufe des Spiels rekrutieren. Sie bleiben größtenteils austauschbar und hinterlassen wenig Eindruck. Die Geschichte erstreckt sich zwar über 50 bis 100 Stunden, fungiert letztlich aber eher als lose Orientierung für die Erkundung der Welt. Hinzu kommt, dass die Handlung stellenweise zerfasert wirkt: Häufig erledigen wir Hauptquests, ohne wirklich zu verstehen, welches Ziel wir eigentlich verfolgen oder warum Kliff genau so handelt, wie er es tut.
Nach dem Prolog lässt sich die Story zudem viel Zeit, um wieder an Fahrt aufzunehmen – gut und gerne zehn Stunden, in denen wir eher banale Aufgaben erledigen, Kamine säubern oder uns in Minispielen wie Armdrücken versuchen. Wirkliche Story-Highlights, abseits einiger wirklich tollen Nebenhandlungen, bleiben dabei leider Mangelware. Und das ist durchaus schade. Denn dort, wo die Erzählung schwächelt, liefern Welt und Gameplay stellenweise eine echte Punktlandung ab.
Die Welt Pywel
Ach, die Spielwelt von Crimson Desert – vermutlich das größte Highlight des Spiels und ohne Zweifel eine der schönsten Welten, die ich bislang erkunden durfte. Haben wir die Einführung erst einmal hinter uns, steht uns nichts mehr im Weg, Pywel nach Herzenslust zu erkunden.
Zu Beginn verschlägt es uns nach Hernand, einer Region, die vor allem durch ihre grünen Landschaften und ihre Lebendigkeit besticht. In den Städten pulsiert das Leben: Bewohner, Händler und Wachen gehen ihrem Alltag nach, und mit den meisten Figuren können wir sogar direkt interagieren – sie grüßen, uns ihre Sorgen anhören oder kleine Gespräche führen. Das wirkt sich wiederum auf unseren Ruf aus: Die Menschen schätzen uns mehr, bestimmte Gruppierungen vertrauen uns eher, und neue Möglichkeiten öffnen sich.
Doch auch abseits solcher Systeme fühlen sich die Siedlungen erstaunlich lebendig an. Bewohner feiern Feste, veranstalten Wettkämpfe, tratschen miteinander und erledigen ihre täglichen Aufgaben. Gleichzeitig reagieren sie spürbar auf Kliff und unser Verhalten: Sind wir unpassend gekleidet, bleibt uns der Zugang zur Burg von Hernand verwehrt. Rempeln wir Passanten an, beschweren sie sich lautstark. Zerstören wir fremdes Eigentum oder benehmen uns daneben, können wir sogar gemeldet werden. Und wer zu wohlhabend wird, darf sich nicht wundern, wenn plötzlich ein Steuereintreiber vor der Tür steht. All das ist nur ein kleiner Ausschnitt der vielen Interaktionsmöglichkeiten.
Natürlich endet die Welt auch nicht in Hernand. Pywel erstreckt sich weit darüber hinaus – vom gefährlichen Norden über die namensgebende Crimson Desert bis hin zu zahlreichen weiteren Regionen, die wir frei erkunden können. Vorausgesetzt, wir sind gut vorbereitet. Denn außerhalb der Zivilisation wird es schnell ungemütlich: Banditen, feindliche Fraktionen und allerlei Kreaturen machen die Wildnis unsicher, während auch das Wetter zur echten Herausforderung werden kann. Extreme Hitze oder Kälte fügen Kliff spürbare Nachteile zu, und ohne passende Ausrüstung geraten selbst gewöhnliche Gegner bald zur ernsthaften Bedrohung.Trotzdem – oder gerade deshalb – lohnt sich jeder Abstecher abseits der Wege. Die Welt ist gespickt mit interessanten Orten, Ruinen, Rätseln, Herausforderungen und schlichtweg atemberaubenden Aussichtspunkten. Wer sich die Zeit nimmt, wird regelmäßig mit neuer Ausrüstung, Quests oder Fähigkeiten belohnt. Entdecken fühlt sich hier wirklich lohnend an.
Einen Großteil meiner Spielzeit habe ich also einfach damit verbracht, ziellos durch die Welt zu streifen, Nebenaufgaben zu erledigen und mich ständig von neuen Aktivitäten ablenken zu lassen. Im Laufe des Spiels schalten wir zudem ein eigenes Lager frei, das wir ausbauen und verbessern können – was wiederum neue Komfortfunktionen und Vorteile freischaltet. Auch die Beziehungen zu anderen Fraktionen spielen eine Rolle: Helfen wir ihnen bei ihren Problemen, verbessern wir unseren Ruf und erhalten Zugang zu neuen Händlern, Kontakten und Mechaniken. So gibt es eigentlich immer etwas zu tun – selbst dann, wenn die Hauptquest für längere Zeit in den Hintergrund rückt.
Auch grafisch ist Crimson Desert schlicht beeindruckend. Abgesehen von Schnellreisen kommt das Spiel komplett ohne Ladezeiten aus – was angesichts der schieren Größe der Welt mehr als nur ein nettes Detail ist. Während meiner Spielzeit lief das Ganze zudem größtenteils flüssig. Nur in größeren Gefechten gingen die FPS gelegentlich etwas in die Knie, was aber eher die Ausnahme als die Regel war. Insgesamt präsentiert sich Crimson Desert technisch sehr gut optimiert. Vor allem bei den Details zeigt das Spiel seine Stärken: Lichteffekte, Charaktermodelle und Texturen sind hochwertig umgesetzt und bewegen sich klar auf Top-Niveau innerhalb der Branche.
Was gibt’s hier nicht?
Auch beim Gameplay hat sich Crimson Desert einiges vorgenommen. In erster Linie handelt es sich um ein Action-Adventure – sprich: Mit Kliff (und gelegentlich auch anderen Charakteren) kämpfen wir uns durch eine Vielzahl unterschiedlichster Gegner. Dafür steht uns ein beeindruckendes Arsenal aus Waffen, Magie und Fähigkeiten zur Verfügung.
Und wirklich – wirft man einen genaueren Blick auf die Steuerung, könnte man fast meinen, man spielt eine zugänglichere Version von Tekken. Schwertangriffe, Wrestling-Manöver, Spezialattacken, Paraden, Ausweichrollen – hier ist alles dabei. Das sorgt gerade zu Beginn für dynamische, aber auch ziemlich chaotische Kämpfe. Erst nach einigen Stunden, wenn man die Steuerung verinnerlicht hat, entfaltet das Kampfsystem sein volles Potenzial. Besonders in Bosskämpfen zeigt sich dann, wie wichtig es ist, die Grundlagen wirklich zu beherrschen. Diese fallen nämlich ordentlich fordernd aus – so sehr, dass Pearl Abyss bereits nachjustieren musste.
Wer sich darauf einlässt, wird jedoch belohnt: Mit etwas Übung fühlen sich clevere Kombos unglaublich wuchtig und befriedigend an, wenn man ganze Gegnergruppen plötzlich gekonnt auseinander nimmt. Fortschritt erzielen wir dabei vor allem über bessere Ausrüstung sowie verschiedene Skilltrees, die unsere Fähigkeiten erweitern und verstärken.
Doch Kämpfe sind nur ein Teil des Ganzen. Und jetzt kurz tief durchatmen: In Crimson Desert können wir Erz abbauen, Tränke brauen, Armdrücken, Karten spielen, angeln, reiten, auf Drachen fliegen (ja, wirklich), selbst durch die Luft gleiten, Rätsel lösen, Gebiete befreien, die Welt erkunden, Tiere sammeln, Holz hacken, kochen, Ausrüstung herstellen, Schätze suchen, Nebenquests erledigen, Pferderennen bestreiten, uns prügeln oder als Kopfgeldjäger unterwegs sein. Und das ist nur ein Bruchteil dessen, was das Spiel alles anbietet.
Die schiere Menge an Inhalten ist fast schon absurd – im positiven Sinne. Trotz einiger Spielstunden hatte ich nie das Gefühl, auch nur annähernd alles gesehen zu haben. Klar, nicht jede Aktivität ist gleichermaßen spannend, aber genau das ist auch der Punkt: Man kann, muss aber nicht. Wer keine Lust aufs Angeln hat, lässt es eben bleiben – für andere ist es vielleicht genau die richtige Abwechslung. Gerade zu Beginn könnte diese Vielfalt allerdings auch ein Grund sein, warum das Spiel etwas braucht, um richtig Fahrt aufzunehmen. Man wird regelrecht mit Möglichkeiten überschüttet und muss das Ganze erst einmal sortieren. Eines steht aber fest: An Beschäftigung mangelt es hier definitiv nicht.
Ein Wermutstropfen bleibt allerdings die Steuerung. Nicht nur das Kampfsystem braucht Eingewöhnung, auch die allgemeine Bedienung – egal ob mit Controller oder Tastatur – ist stellenweise unnötig kompliziert. Einige Eingaben überschneiden sich oder schließen sich gegenseitig aus. Zieht man beispielsweise den Bogen, ist man quasi gezwungen, auch einen Pfeil abzufeuern. Das kann im Eifer des Gefechts durchaus nerven.
Auch die Menüführung wirkt etwas sperrig: Ausrüstung zu wechseln oder Gegenstände zu verwalten ist umständlicher, als es sein müsste. Hier hätte etwas mehr Komfort gutgetan. Immerhin: Mit etwas Eingewöhnung und möglichen Patches lassen sich diese Schwächen zumindest teilweise ausbügeln – erwähnenswert sind sie aber allemal.
Zusammenfassung
FAZIT Tobias
Um auf meine anfängliche Frage zurückzukommen: Kann diese Mischung aus Systemen, Ideen und Mechaniken am Ende wirklich funktionieren? Meine Antwort ist ein ganz klares Ja. Crimson Desert steckt voller Ambitionen – und schafft es in vielen Bereichen, diese mit Bravour umzusetzen. Es ist lange her, dass mich ein Spiel auch nach vielen Stunden noch überraschen konnte und dabei eine derart große Vielfalt bietet wie dieser Titel von Pearl Abyss.
Natürlich ist nicht alles perfekt. Vor allem die Story und der Protagonist Kliff bleiben für mich die größten Schwachpunkte. Abseits davon bekommt man jedoch eine rundum erinnerungswürdige Erfahrung, vor der man durchaus den Hut ziehen kann. Am Ende stellt sich also weniger die Frage, ob Crimson Desert ein gutes Spiel ist – denn das ist es meiner Meinung nach ohne Zweifel – sondern vielmehr, ob es zu einem selbst passt. Wer durchgehend lineare Action erwartet oder mit Open Worlds generell wenig anfangen kann, wird hier vermutlich nicht glücklich. Für mich hingegen ist Crimson Desert eine Welt, von der ich einfach nicht genug bekomme – und eine, in der ich noch viele weitere Stunden verbringen werde.
FAZIT Hannes
Jetzt werden sich manche fragen, warum gebt ihr dem Titel so eine hohe Wertung? Weil sich das Spiel und die Entwickler das unserer subjektiven Meinung nach verdient haben und das Spiel seit langem für ein Open World Game wieder enorm viel Spaß macht. Dazu gehören die enorm große, dichte Spielwelt, starke Bosskämpfe, insgesamt sehr viel Action, der unvergleichliche Entdeckerdrang und der sichtbare technische Aufwand, der betrieben wurde. Dem gegenüber stehen die seichte Story, der etwas blasse Hauptcharakter, eine teils sperrige Steuerung, sowie manch nervige Rätseleinlage.
Aber sehr positiv zu bewerten ist, wie schnell Pearl Abyss auf Kritik und Community-Wünsche reagiert hat. Bereits kurz nach dem Start folgten mehrere Updates mit Anpassungen an Gamepad- und Maus/Tastatur-Steuerung, mehr Lagerplatz, zusätzlichen Komfortfunktionen und weiteren Kontrolloptionen; das jüngste Update ergänzt unter anderem eine erweiterte private Lagerkapazität, eine Option für alternative Bewegungssteuerung und weitere Verbesserungen an der Bedienung. Diese schnelle Nachbesserung ist ein wichtiger Punkt im Gesamtbild, weil sie zeigt, dass zentrale Schwachstellen nicht ignoriert, sondern direkt angegangen werden
Crimson Desert ist ein überaus ambitioniertes, eigentlich geniales, aber stellenweise etwas sperriges Open-World-Spiel mit klaren Stärken für Spieler, die über Ecken und Kanten hinwegsehen können. Aber, und das ist für mich das wichtigste, es macht einfach enorm viel Spaß immer wieder Neues zu entdecken und ich freue mich noch viel Stunden in der Welt von Pywel verbringen zu dürfen.