Gothic 1 Remake im Test

Gothic 1 war wohl eines der prägendsten RPGs seiner Zeit und legte den Grundstein für den Erfolg des Entwicklerstudios Piranha Bytes, das später mit Reihen wie Risen und Elex weitere namhafte Rollenspiel-Franchises hervorbrachte. Dennoch merkt man gerade Gothic 1 seine inzwischen 25 Jahre deutlich an. Das Gothic 1 Remake soll genau hier ansetzen: Es möchte den ersten Teil der Reihe in neuem Glanz erstrahlen lassen und dabei sowohl nostalgische Veteranen als auch neugierige Neulinge begeistern.

Als 2024 das Aus von Piranha Bytes besiegelt war, hat mich das ziemlich getroffen. Immerhin war Risen 1 damals eines meiner ersten RPGs. Kein perfektes Spiel, klar, aber eines, zu dem ich bis heute immer wieder zurückkehre. Manchmal reicht ein kurzer Gedanke, und schon juckt es mich wieder in den Fingern, einen neuen Durchgang zu starten. Gothic 1, also jenes Spiel, das überhaupt erst den Grundstein für alles legte, habe ich dagegen nie selbst erlebt. Umso größer waren meine Hoffnungen auf das heiß erwartete Remake, das diesmal vom spanischen Studio Alkimia Interactive entwickelt wurde. Jetzt habe ich das Spiel wirklich von Anfang bis Ende durchgespielt, mehr als 50 Stunden in seiner Welt verbracht und kann euch endlich sagen, ob mich auch das Gothic 1 Remake so sehr packen konnte.

Willkommen in der Kolonie

Storytechnisch bleibt sich das Gothic 1 Remake seinem ursprünglichen Setting treu. Wir werden weiterhin als namenlose Figur in ein von einer magischen Barriere eingeschlossenes Gefangenenlager geworfen: die Kolonie. Dort sollen wir eigentlich nur einen Brief zu den Feuermagiern bringen. Schon kurz nach unserer Ankunft werden wir jedoch von einer Gruppe Schläger mit einem K.-o.-Schlag begrüßt und lernen ziemlich schnell, dass es in der Kolonie alles andere als zimperlich zugeht.

Die magische Barriere lässt nämlich alles hinein, aber niemanden wieder hinaus. So hat sich innerhalb dieser abgeschotteten Welt ein eigenes kleines Reich gebildet, mit mehreren Fraktionen, Lagern und ganz eigenen Sitten. Das Alte Lager dient zum Beispiel dem Tyrannen Gomez, der mit dem König außerhalb der Barriere Erz aus den Minen der Kolonie handelt, um sich und seinen Männern alles zu sichern, was sie sich wünschen. Das Neue Lager möchte vor allem eines: frei sein. Seine Bewohner suchen nach einem Weg, die Barriere zu zerstören. Gesetze oder feste Regeln sind dabei allerdings überhaupt nicht ihr Ding. Und dann wäre da noch das Sumpflager, dessen Bewohner fleißig Sumpfkraut rauchen, um ihrem Gott, dem Schläfer, näherzukommen.

Zwischen diesen drei Fraktionen müssen wir uns im Laufe des Spiels für eine entscheiden. Diese Wahl beeinflusst den weiteren Spielverlauf spürbar. Außerdem bietet jedes Lager eigene Rüstungen, Waffen und Lehrer, die unseren Spielstil mit der Zeit prägen. So entwickeln wir uns vom anfangs völlig machtlosen Niemand zu einem echten Überlebenskünstler. Denn neben Banditen machen uns auch Orks und eine Vielzahl an Monstern das Leben in der Kolonie schwer.

Insgesamt spielen sich die Story und auch die Nebenaufgaben selbst für Neulinge wie mich sehr unterhaltsam. Die verschiedenen Questschritte sind zwar oft ziemlich unübersichtlich, und ohne Vorerfahrung verbringt man durchaus einige Zeit damit, den richtigen Weg oder NPC zu finden. Allerdings sind die drei Lager und die Haupthandlung rund um die Kolonie so interessant, dass ich trotzdem immer motiviert war, weiterzuzocken.

Schwert, Bogen oder doch lieber Magie?

So wichtig die Wahl zwischen den verschiedenen Lagern für unseren weiteren Weg ist, so entscheidend ist auch die Frage, wie wir in der Kolonie kämpfen wollen. Denn das Kampfsystem ist das Herzstück von Gothic 1 Remake. Bei fast jeder Quest steht uns irgendetwas im Weg, das uns liebend gern an den Kragen möchte.

Gerade zu Beginn sind wir wortwörtlich machtlos. Selbst die schwächsten Kreaturen zerlegen uns mit nur wenigen Treffern. Dagegen helfen vor allem zwei Dinge: häufiges Speichern, da automatische Speicherpunkte nur sehr sparsam verteilt sind, und vorsichtiges Reisen zwischen den Lagern. Zumindest so lange, bis wir ein paar Level-ups gesammelt haben.

Mit jedem Level-up erhalten wir Lernpunkte, die wir verwenden können, um Attribute wie Stärke oder Geschicklichkeit zu erhöhen, Fähigkeiten wie Schlossknacken zu verbessern oder sogar Magie zu lernen. Dafür brauchen wir neben einer bestimmten Anzahl an Lernpunkten manchmal auch Erz als Währung sowie einen passenden Lehrer. Gerade weil Lernpunkte anfangs unfassbar wertvoll sind, sollte man sich gut überlegen, wie man sie investiert. Von Beginn an wahllos Punkte in jeden Wert oder jede Fähigkeit zu stecken, macht den eigenen Weg nicht unbedingt einfacher.

Ich habe zum Beispiel entschieden, mich auf Magie zu spezialisieren. Also habe ich zuerst einen Angriffszauber gelernt und mein Mana erhöht, damit ich diesen häufiger einsetzen konnte. Von Stärke oder Geschicklichkeit wollte ich lange Zeit überhaupt nichts wissen. Das hat mir gerade in den ersten fünf bis zehn Stunden deutlich geholfen, auch etwas tiefer in Wälder oder Höhlen vorzudringen.

Trotzdem muss ich erwähnen, dass die Kämpfe allgemein zwar Spaß machen, das Kampfsystem insgesamt aber kein Meisterwerk ist. Gerade als Magier oder Bogenschütze wartet man häufig auf kurze Zeitfenster, in denen man gefahrlos zuschlagen oder schießen kann. Manche Gegner sind dadurch so mühsam zu besiegen, dass ich sie irgendwann einfach gekonnt ignoriert habe. Auch mit Schwert oder Keule laufen die Prügeleien schnell auf Button-Mashing hinaus. Das kann durchaus unterhaltsam sein, aber eben nicht immer. Dennoch wurden die Kämpfe spürbar verbessert, gerade im Vergleich zu den alten Piranha-Bytes-Spielen.

Auch die Welt ist, wie schon im Original, zwar nicht sonderlich riesig, dafür aber vollgestopft mit Details, Verstecken und Geheimnissen. Erkundung lohnt sich generell, weil man häufig Gegenstände findet, die man bei Händlern gegen Erz verkaufen kann. Dieses Erz brauchen wir wiederum, um neue Ausrüstung zu kaufen, Fähigkeiten zu lernen oder Rüstungen zu verbessern. Es lohnt sich also, überschüssigen Loot regelmäßig auszusortieren.

Aus Alt mach Neu

Doch was genau macht das Gothic 1 Remake nun eigentlich aus? Am spürbarsten ist wohl die neue Grafik, die von Grund auf erneuert wurde. Teilweise könnte man glatt glauben, es mit einem völlig anderen Spiel zu tun zu haben, denn Gothic 1 Remake sieht wirklich hervorragend aus. Gut, manche Animationen wirken etwas sperrig und auch die Gesichter überzeugen nicht immer vollständig. Davon abgesehen ist das Spiel aber ein echter Hingucker.

Dazu kommt, dass bestimmte Schauplätze, etwa das Sumpflager, zu großen Teilen neu aufgebaut wurden, damit sie nicht nur besser aussehen, sondern auch noch einzigartiger wirken. Auch einige Quests wurden überarbeitet, zum Beispiel die Questreihe rund um den Weg zum Feuermagier. Ebenso hat das Schlösserknacken ein Upgrade bekommen und spielt sich nun deutlich anders als im Original.

Darüber hinaus können wir neue Zauber lernen, klettern, reiten und Unterwasserwege durchs Tauchen erkunden. Das Rüstungssystem wurde ebenfalls überarbeitet, und auch verschiedene Schwierigkeitsgrade stehen zur Verfügung. So kann jeder Gothic 1 Remake ein Stück weit so erleben, wie er möchte, auch wenn es stets ein anspruchsvolles Spiel bleibt.

Technisch macht das Spiel ebenfalls eine gute Figur. In meinen 50 Spielstunden ist es „nur“ ein einziges Mal abgestürzt, und FPS-Einbrüche hatte ich fast gar keine. Kleinere Bugs gab es jedoch immer wieder: Gegner, die sich im Gelände verrennen und feststecken, oder Dialoge, die nicht richtig abgespielt werden und einen Neustart erforderlich machen. Allerdings wird hier fleißig gepatcht, und irgendwie wäre ein Gothic, genau wie viele andere Piranha-Bytes-Spiele, fast nicht ganz vollständig, wenn es zu Beginn nicht ein paar Wehwehchen hätte. Auch wenn diesmal natürlich ein anderes Studio dahintersteht.

Die Kolonie wirkt rau, dreckig und gefährlich, ohne dabei nur nostalgisch aufgeladen zu sein. Musik und Sounddesign tragen viel dazu bei, dass sich die Lager, Wälder und Höhlen glaubwürdig voneinander abheben. Gleichzeitig ist die Menüführung etwas hackelig, und braucht ein wenig Eingewöhnungszeit. Das gilt außerdem für die allgemein Steuerung, gerade auf den Controller. Nach etwas Übung hat man den Dreh jedoch raus, und das Problem gehört schnell der Vergangenheit an.

Die deutsche Synchronisation ist übrigens durchaus solide und dürfte gerade für Veteranen genau richitg sein. Die Sprüche sind frech und rau, wirken stellenweise aber etwas steif, da es zwischen den Sätzen immer wieder kurze Unterbrechungen gibt. Aber auch das gehört wohl für viele Spieler irgendwie dazu.

Zusammenfassung

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