Metacritic, OpenCritic und die Rechnung hinter der Wertung

Das Gothic 1 Remake von Alkimia Interactive und THQ Nordic startete am 5. Juni 2026 mit einem Metascore von 73 Punkten, errechnet aus acht gewerteten PC-Tests. Die Spanne dahinter reichte von 60 Punkten bei PC Gamer, Eurogamer und IGN Deutschland bis zu 90 bei 4Players, wie PC Games Hardware zum Verkaufsstart dokumentierte. Auf Steam lag die Zustimmung der Spieler zeitgleich bei 81 Prozent. Drei Zahlen beschreiben dasselbe Spiel und behaupten drei verschiedene Dinge. Welche davon vor dem Kauf trägt, hängt davon ab, wie sie zustande kommt.

Vier Kritiken genügen für einen Metascore

Metacritic bildet aus den erfassten Tests einen gewichteten Durchschnitt. Welche Publikation wie viel Gewicht bekommt, legt die Redaktion fest und veröffentlicht es nicht. Der Support-Bereich von Metacritic begründet die Gewichtung mit Ansehen und Qualität der Quellen, die konkreten Faktoren bleiben intern. Unter vier erfassten Tests erscheint gar kein Wert, die Seite zeigt dann die Kennung tbd. Viele kleinere Spiele bleiben deshalb dauerhaft ohne Metascore.

Zwei Details werden regelmäßig falsch wiedergegeben. Die Normalisierung, bei der Metacritic Wertungen auf einer Kurve spreizt, gilt nach eigener Darstellung nur für Filme und Musik. Spielewertungen gehen unverändert in die Rechnung ein. Und anders als bei Filmkritiken vergibt Metacritic bei Spielen keine eigenen Punktwerte für Texte ohne Wertung. Gezählt wird nur, was die Publikation selbst beziffert. Auch die Farbgrenzen weichen ab. Bei Spielen gelten nach Metacritics eigener Lesart erst Werte in den hohen Siebzigern als eindeutig positiv, weil Spieleredaktionen ihre Skalen anders ausdeuten als Filmkritik, wo drei von fünf Sternen noch eine Empfehlung sein können. Das Prädikat Must-Play verlangt 90 Punkte und mindestens 15 Publikationen. Das Gothic Remake war von beidem weit entfernt.

Jede Redaktion setzt ihre eigene Skala

Der gewichtete Schnitt setzt voraus, dass sich Einzelwertungen überhaupt verrechnen lassen. Eine 8 von 10 bei einer Konsolenredaktion und 80 von 100 bei einem PC-Magazin landen rechnerisch auf demselben Punkt, gemeint ist selten dasselbe. Manche Redaktionen nutzen die volle Skala, andere vergeben praktisch nie weniger als 60.

Außerhalb des Spielejournalismus löst sich die Vergleichbarkeit vollständig auf. Bewertungsportale anderer Unterhaltungssegmente definieren ihre Prüfkriterien selbst, im regulierten Glücksspielbereich etwa Auszahlungsfristen, Lizenzangaben und Bonusbedingungen. Rezensionen von Amazon Slots beispielsweise folgen deutlich strikterien und standardisierteren Richtlinien als Bewertungen für Gothic 1 und vergleichbare zeitgenössische Games. Ein übergreifender Schnitt über solche Formate existiert nirgends, weil ihm die gemeinsame Skala fehlt.

57 Prozent der Kritiker empfehlen das Gothic Remake

OpenCritic entstand 2015 als Gegenentwurf zur intransparenten Gewichtung. Der Top Critic Average ist ein einfacher, ungewichteter Durchschnitt aller bezifferten Wertungen der aufgenommenen Publikationen, normalisiert auf eine Skala bis 100. Die Aufnahmekriterien für Publikationen stehen offen in der FAQ von OpenCritic. Dazu kommen zwei Angaben, die Metacritic nicht ausweist. Die Empfehlungsquote zählt den Anteil der Kritiker, die ein Spiel empfehlen, während das Perzentil den Schnitt in die Verteilung aller erfassten Spiele einordnet. Relativ definiert sind auch die Stufen Mighty, Strong, Fair und Weak. Mighty bezeichnet die besten zehn Prozent aller Spiele der Datenbank, ein fester Punktwert steckt hinter dem Etikett nicht.

Am Gothic Remake lässt sich ablesen, wie stark sich diese Zahlen bewegen. Zum Verkaufsstart führte OpenCritic das Spiel bei 71, einen Tag später bei 67 aus damals sechs Kritiken, weil die Testmuster spät verschickt worden waren und viele Wertungen erst ab dem 8. Juni erschienen. Mit Stand 18. August 2026 stehen dort 73 Punkte aus 82 Kritiken, eine Empfehlungsquote von 57 Prozent und Perzentil 44, Stufe Fair. Wer im Juni auf die Zahl geschaut hat, sah eine andere als heute.

Metacritic entfernte eine Rezension zu Resident Evil Requiem

Wie belastbar die einzelne Kritik hinter dem Schnitt ist, wurde am 26. Februar 2026 zur konkreten Frage. Metacritic entfernte an diesem Tag eine mit 9 von 10 bewertete Rezension zu Resident Evil Requiem, veröffentlicht von Videogamer.com. Das Autorenprofil hatte keine nachweisbare Vorgeschichte, das Profilbild trug einen Dateinamen mit ChatGPT-Zeitstempel, wie PC Gamer berichtete. Mitgründer Marc Doyle bestätigte, neben diesem Text seien weitere Videogamer-Wertungen aus dem Jahr 2026 entfernt worden. Die Richtlinie des Hauses laute, dass KI-generierte Rezensionen nie aufgenommen und entdeckte Fälle sofort entfernt würden, die Zusammenarbeit ende dann bis zum Abschluss einer Prüfung. Videogamer.com gehört seit August 2025 zu Clickout Media, die Redaktion war wenige Wochen vor dem Vorfall entlassen worden.

Gamers.at steht bei Metacritic mit 490 Tests

Metacritic führt für Gamers.at eine eigene Publikationsseite mit 490 erfassten Spieletests, einer Durchschnittswertung von 80 Punkten und einer Verteilung von 77 Prozent positiven, 21 Prozent gemischten und 2 Prozent negativen Kritiken. Der höchste dort erfasste Wert ist eine 94 für Super Smash Bros. Brawl, der tiefste eine 15 für Stalin vs. Martians. Diese Bewertungen stammen übrigens alle noch aus der Zeit des Printmagazins.

Unsere Redaktion vergibt aber weiter Punkte, wenn auch nur mehr online direkt bei unseren Spieletests auf unserem Portal. The Sinking City 2 erhielt im August 2026 eine 8,0, Mortal Shell II eine 8,5. Diese Wertungen laufen in keinen Aggregatschnitt mehr ein, während OpenCritic dieselben Spiele mit Stand 18. August bei 81 und 85 Punkten führt. Ein Aggregat bildet also nicht die Kritik ab, sondern die Auswahl an Kritiken, die der Aggregator erfasst. Beim Gothic Remake fiel zum Start auf, dass deutschsprachige Magazine spürbar wohlwollender werteten als internationale. Im Schnitt verschwindet dieses Muster.

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