Den Sommer mit Early-Access-Titeln zu verbringen ist ein bisschen wie Urlaub auf der Baustelle: Man kann viel erleben und weiterbringen, darf sich an herumliegendem Werkzeug und der einen oder anderen offenen Baugrube aber nicht zu sehr stören. Dafür wird einem im Idealfall einiges geboten: von klassischer Rundenstrategie, die sich bewusst auf alte Tugenden besinnt, über schnelle Action bis hin zu einer interessanten Mischung von Aufbauspiel, Zombies und Antike. Ganz fertig ist natürlich noch nichts, interessant aber schon einiges.
Heroes of Might and Magic: Olden Era
Heldenhaft zurück zu den Wurzeln
Für nicht wenige Fans sind die ersten Teile von Heroes of Might and Magic bis heute auch die besten, allen voran der zweite und dritte Teil. Die späteren Fortsetzungen waren nicht unbedingt „schlecht“, aber ein Teil des Charmes ging gefühlt mit jedem neuen Teil verloren. Neo-Entwickler Unfrozen versucht auch gar nicht erst, viel Neues dazuzuerfinden, sondern besinnt sich – zur Freude der Fans – vor allem grafisch und spielerisch wieder auf die Wurzeln: Helden ziehen rundenweise über Karten, sammeln Ressourcen und Artefakte, besuchen Gebäude und führen stetig wachsende Armeen mit sich. Städte werden ausgebaut, Kreaturen rekrutiert und Kämpfe auf in Hexfelder unterteilten Schlachtfeldern ausgetragen. Wer irgendeinen der früheren Teile gespielt hat, wird sich sofort zurechtfinden.
Ganz beim Alten bleibt es trotzdem nicht. Helden lassen sich umfangreicher entwickeln, Artefakte können Set-Boni gewähren und mit den „Faction Laws“ (~ Fraktionsgesetzen) existiert eine zusätzliche strategische Ebene, die man zum Beispiel im Laufe der Kampagne weiterentwickelt. Nicht zuletzt dadurch bieten die sechs im Early Access bereits spielbaren Fraktionen sehr unterschiedliche Spielweisen. Neben Kampagne und Szenarien gibt es zufällig generierte Karten, Multiplayer und – besonders nostalgisch – auch wieder einen Hotseat-Modus. Ob dieser im eigenen Gamer-Leben viel zu lange gefehlt hat oder vielleicht doch ein bisschen aus der Zeit gefallen ist, muss allerdings jeder selbst für sich entscheiden.
Erstaunlich ist, wie viel Freiraum Ubisoft der Reihe diesmal lässt. Die Rechte liegen weiterhin dort, entwickelt wird Olden Era aber von Unfrozen, die man bislang vor allem für Iratus: Lord of the Dead kennt – ein sehr solides, aber nicht unbedingt weltbekanntes rundenbasiertes Taktik-RPG. Und selbst beim Publishing tritt Ubisoft in den Hintergrund, stattdessen steht mit Hooded Horse ein ausgewiesener Strategiespezialist am Ruder. Für die Reihe könnte diese ungewöhnliche Konstellation aber ein absoluter Segen sein.
Der Early Access ist natürlich trotzdem noch deutlich zu spüren. Vor allem die Kampagne ist nicht vollständig, an Balancing, KI usw. wird noch gearbeitet. Entscheidend ist aber, dass sich Olden Era schon jetzt überraschend vertraut anfühlt: weniger wie der nächste Versuch, die Reihe neu zu erfinden, sondern wie die Erinnerung daran, warum Heroes of Might and Magic früher so gut funktioniert hat. Genau dieses Gefühl dürfte vielen Fans mehr wert sein, als jede noch so gut gemeinte revolutionäre Neuerung.
Heroes of Might and Magic: Olden Era auf Steam
DYSPLACED
Diesmal nicht ganz so einsam
Mit DYSPLACED meldet sich 10tons in einem Genre zurück, das dem Studio durchaus vertraut ist. Ihr Erstlingswerk, DYSMANTLE, wurde an anderer Stelle schon beschrieben und empfohlen. Die Parallelen lassen sich auch kaum übersehen: Wieder wird eine postapokalyptische Welt aus isometrischer Perspektive erkundet, Ressourcen werden gesammelt, Ausrüstung hergestellt und Gegner in Echtzeit bekämpft. Eine direkte Fortsetzung ist DYSPLACED trotzdem nicht.
Eine der vielleicht größten Schwächen von DYSMANTLE war, dass sich die riesige Welt mangels menschlicher Bewohner stellenweise ziemlich leblos anfühlte – auch wenn die Hintergrundgeschichte eine Begründung dafür liefert. Diesmal gibt es hingegen zahlreiche NPCs, die Siedlungen und andere Orte bevölkern, etwas über die Welt erzählen und vor allem jede Menge Quests verteilen. Die Hintergrundgeschichte selbst folgt bislang jedoch sehr festgefahrenen Spuren: Eine Katastrophe hat die bekannte Ordnung einer Fantasy-Welt zusammenbrechen lassen und der via magischem Portal aus unserer Welt geholte Otto Normalverbraucher soll es wieder richten. Da war DYSMANTLE deutlich kreativer und hier wird hoffentlich noch etwas nachgebessert.
Interessant ist dafür die Welt selbst. Die Grenzen zwischen den Dimensionen sind durch den Unfug der Bösewichte geschwächt und DYSPLACED vermischt daher klassische Fantasy mit modernen Elementen: Schwerter, Magie und fantastische Kreaturen treffen auf Autos, Benzinfässer, Waschmaschinen und noch viele andere Importe aus einer technisch vertrauten Zivilisation. Und wie schon in DYSMANTLE ist dabei kaum etwas vor den eigenen Werkzeugen sicher. Ein großer Teil der Umgebung lässt sich – das richtige und weit genug aufgerüstete Werkzeug vorausgesetzt – zerlegen und liefert Ressourcen für das Crafting neuer Ausrüstung und das Erlernen neuer Rezepte und Fähigkeiten. Das systematische Auseinandernehmen der Welt gehört erneut zu den Kernmechaniken und macht immer noch viel Spaß.
Für einen Early-Access-Titel ist DYSPLACED auch bereits erstaunlich umfangreich. Es gibt viel Fläche zu erkunden, zahlreiche Aufgaben zu erledigen, unterschiedliche Fähigkeiten zu meistern und reichlich Ausrüstung herzustellen. Fertig ist die Welt trotzdem noch lange nicht: Weitere Inseln und vor allem Biome sollen hinzukommen und auch bei Fähigkeiten, Rezepten, Gegenständen und anderen Inhalten ist noch einiges zu erwarten.
Schon jetzt wirkt DYSPLACED damit ein wenig wie die konsequente Weiterentwicklung mancher Ideen aus DYSMANTLE: sammeln, kämpfen, craften und (beinahe) alles kurz und klein schlagen – diesmal aber in einer deutlich belebteren und eigenwilligeren Welt.
Romestead
Ave Caesar, die Zombies grüßen dich!
Die Blütezeit des Römischen Reiches ist in Romestead längst passé. Schuld am Niedergang sind allerdings weder ungewaschene Barbaren, politische Intrigen noch wirtschaftliche Probleme, sondern – wie könnte es auch anders sein – natürlich Zombies! Auch sonst scheut sich der Titel nicht, Genres zu kombinieren, die auf den ersten Blick nur bedingt mit dem antiken Rom assoziiert werden. Gespielt wird aus einer Perspektive, die zusammen mit der angenehm detaillierten, leicht nostalgischen Pixelgrafik an klassische Rollenspiele erinnert. Inhaltlich steckt allerdings deutlich mehr Survival und Aufbau darin: Eine Siedlung muss errichtet und versorgt, Ressourcen müssen gesammelt und verarbeitet und gleichzeitig die regelmäßig auftauchenden Untoten in Schach gehalten werden. Gerade wenn größere Angriffswellen vor den Toren stehen, schleicht sich damit sogar ein wenig Tower Defense ins Spiel. Und hat man die untoten Horden überlebt, erforscht man wieder fleißig die weitläufige Welt
Viel Zeit wird mit dem Ausbau der eigenen Siedlung verbracht. Gebäude produzieren oder verarbeiten Ressourcen, neue Strukturen eröffnen weitere Möglichkeiten und nach und nach entsteht aus einigen improvisierten Behausungen eine kleine römische Gemeinschaft. Besonders wichtig sind dabei andere Überlebende, die unterwegs gefunden und rekrutiert werden können. Diese stehen anschließend nicht einfach nur herum, sondern bekommen konkrete Aufgaben zugewiesen. Sie sammeln Ressourcen, übernehmen Arbeiten in der Siedlung oder lassen sich zu Händlern und Handwerkern machen. Dadurch wächst nicht nur das Dorf, sondern auch dessen Bevölkerung zunehmend in unterschiedliche Rollen hinein.
Ganz ohne persönliche Handarbeit geht es trotzdem nicht. Die Umgebung wird erkundet, Rohstoffe werden gesammelt und natürlich wird gekämpft. Gleichzeitig muss die Verteidigung der Siedlung vorbereitet werden, denn die Untoten lassen sich nicht dauerhaft ignorieren. Mauern und andere Verteidigungsanlagen machen den Aufbau deshalb auch zu einer strategischen Angelegenheit: Eine noch so hübsche Siedlung ist schließlich nur begrenzt hilfreich, wenn plötzlich die Zombies durchs Atrium marschieren. Dabei kann auch das Göttersystem helfen. Die alten römischen Gottheiten sind zunächst verschwunden und wollen erst wiederentdeckt und erweckt werden. Anschließend können ihnen Opfergaben dargebracht werden, um sich ihre Gunst und damit unterschiedliche Vorteile zu sichern. Das passt nicht nur zum Szenario, sondern gibt gesammelten Ressourcen noch einen weiteren Verwendungszweck und erweitert die Überlegungen beim Aufbau.
Optisch macht Romestead einen netten Eindruck. Der Stil ist übersichtlich, farbenfroh und erinnert angenehm an ältere Rollenspielklassiker. Als Early-Access-Spiel gibt es aber natürlich auch noch Baustellen: Mehr Gebäude, Ausrüstung, Aufgaben, Charakteroptionen und generell mehr Abwechslung können dem langfristigen Siedlungsleben nur guttun. Die ungewöhnliche Mischung aus Antike, Survival, Aufbau, Rollenspiel und Zombieverteidigung funktioniert aber bereits erstaunlich gut und dürfte noch einiges an Potenzial bieten.
Alabaster Dawn
Wie ein Licht in dunkler Nacht
Hinter Alabaster Dawn steckt mit Radical Fish Games ein vorwiegend deutsches Entwicklerteam, das mit CrossCode bereits eines der bemerkenswertesten Indie-Action-Rollenspiele der letzten Jahre abgeliefert hat. Die Verwandtschaft ist beim neuen Projekt nicht zu übersehen: Wieder wird aus der schrägen Vogelperspektive gespielt, wieder gibt es wunderschöne Pixelgrafik, eine interessante Story und vor allem ein schnelles Kampfsystem, bei dem Bewegung, Timing und die Wahl der richtigen Fähigkeit wichtig sind.
Nach den virtuellen Realitäten in CrossCode geht es diesmal in eine klassische Fantasy-Welt, die von der dunklen Macht Nyx verwüstet wurde. Ganz verschwunden ist die Menschheit dabei nicht: Auf die Katastrophe vorbereitet, haben sich die Bewohner in magisch geschützte unterirdische Zufluchtsstätten zurückgezogen und dort in einer Art Tiefschlaf überdauert. Viele, VIELE Jahre später erwacht unsere Protagonistin Juno und findet an der Oberfläche eine weitgehend zerstörte Welt vor. Eine ihrer ersten Aufgaben besteht darin, die Bewohner ihres eigenen Dorfes zu finden, wieder zu erwecken und gemeinsam mit ihnen den Wiederaufbau zu beginnen. Nach und nach kehren so Menschen und Natur in zuvor trostlose Gebiete zurück.
Dabei zeigt sich schnell eine der großen Stärken, die Radical Fish Games aus CrossCode mitgebracht hat: Geschichte und Charaktere sind erneut ausgesprochen gut geschrieben. Juno ist keine strahlende Heldin, die ihre Bestimmung mit wehenden Fahnen annimmt, sondern kämpft mit Selbstzweifeln und der enormen Verantwortung, die plötzlich auf ihr lastet. Dazu kommt ein kleines, aber entscheidendes Geheimnis: Eigentlich ist sie gar nicht jene Auserwählte, für die sie alle halten. Warum ausgerechnet sie erwacht ist und was mit den anderen Auserwählten und den verschwundenen Göttern geschehen ist, liefert bereits früh viel Stoff für den weiteren Verlauf der Geschichte.
Spielerisch stehen die schnellen Kämpfe im Mittelpunkt. Juno kann verschiedene Nah- und Fernwaffen einsetzen und miteinander kombinieren, dazu kommen mit sogenannten Combat und Divine Arts elementare Fähigkeiten und mächtige Spezialangriffe. Ebenso wichtig sind Erkundung und teils knackige Umgebungsrätsel. Der Wiederaufbau der Siedlungen und die Interaktion mit deren Bewohnern ergänzen das Ganze um eine ruhigere Komponente und sorgen dafür, dass Fortschritte auch unmittelbar in der Spielwelt sichtbar werden.
Für einen Early-Access-Titel bietet Alabaster Dawn bereits erstaunlich viel, ist aber gerade bei Geschichte und Welt naturgemäß noch lange nicht fertig. Weitere Gebiete, Waffen, Elemente, Fähigkeiten und Quests sollen folgen. Schon jetzt erinnert vieles angenehm an CrossCode, ohne einfach dessen Konzept zu kopieren. Vor allem bei Figuren, Storytelling und Kampfsystem zeigt sich, dass Radical Fish Games sehr genau weiß, wo die eigenen Stärken liegen.