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Disciples: Liberation im Test

Am 21. Oktober ist mit Disciples: Liberation nach über 10 Jahren Wartezeit der neueste Teil der Rundentaktik-Reihe erschienen. Nachdem mich die eben veröffentlichte Neuauflage von King’s Bounty nicht wirklich überzeugen konnte, setze ich nun all meine Hoffnung in den aktuellsten Eintrag in die Disciples-Reihe von Strategy First.

Disciples: Liberation scheint genau das zu bieten, was ich vergeblich vom neuen King’s Bounty II (mein Kollege Rüdiger hat es hier für euch getestet) erwartet habe. Haben wir endlich wieder ein neues suchterzeugendes Taktikspiel im Geiste der kultigen Heroes of Might and Magic Reihe? Ein düsteres Fantasy-Strategie-Rollenspiel mit spannender Geschichte und sehenswerter Präsentation?

Disciples: Liberation Eingang

Die Vorgänger

Die Disciples-Reihe gehört zu meinen absoluten Favoriten. Ein spannender Mix aus Strategie, Rundentaktik, einer großen, frei erkundbaren Spielwelt, sowie Rollenspielelementen in einem düsteren Fantasy-Szenario ist genau das, was mich stundenlang vor den Rechner fesseln kann. Bereits der erste Serienteil, Disciples: Sacred Lands, das 1999 von Strategy First auf den Markt gebracht wurde, hat diese Elemente zu einem spannenden Geheimtipp vermischt. Die Reihe stand von jeher im Schatten des übermächtigen Vorbildes, der Heroes of Might and Magic Reihe. Daran hat auch der zweite Teil, das 2002 erschiene Disciples II: Dark Prophecy nichts geändert, wenngleich es größeren Erfolg als der erste Teil hatte und auch zwei Erweiterungen, nämlich Rise of the Elves and Gallean’s Return, erschienen sind.

Erst einige Jahre später ist die Serie 2010 mit Disciples III: Renaissance und ein Jahr später mit der Erweiterung Disciples III: Resurrection fortgesetzt worden. Der bisher letzte Teil der Serie war dann 2014 Disciples III: Reincarnation, das eine überarbeitete Fassung von Renaissance und Resurrection war, aber bei den Spielern nicht sonderlich gut angekommen ist.

Disciples: Liberation will nun die Reihe zu alter Größe zurückführen. Ziel war eine Modernisierung ohne dem Verlust dessen, was die Serie seit jeher ausgemacht hat. Eine Genre-Mischung, die tagelang fesseln kann und immer wieder neue Herausforderungen bietet, verbunden mit zeitgemäßer Grafik und Steuerung. Wie gut dieses Vorhaben tatsächlich gelungen ist, habe ich mir nun in aller Ruhe ansehen können.

Disciples: Liberation Talks

Back to Nevendaar

In Disciples: Liberation kehren wir zurück nach Nevendaar, wo sich wie schon seit jeher vier verschiedene Rassen als unerbittliche Gegner gegenüberstehen. Wir spielen die Heldin Avyanna, die sich durch die zerrissene Welt von Nevendaar schlägt und dabei Gefährten (Helden) und normale Einheiten rekrutiert, Entscheidungen trifft, Regionen von ihren Unterdrückern befreit, eine vergessene alte Stadt (Yllian) wieder zum Leben erweckt und als ihr Hauptquartier ausbaut und so das Land unter ihre Kontrolle bringt (und somit von den bösartigen bisherigen Herrschern befreit).

Disciples: Liberation ist zur Hälfte Rundenstrategie, zur Hälfte Rollenspiel, garniert mit ein wenig Armeemanagement und dem Aufbau unserer Hauptstadt. Das Gameplay besteht aus drei Hauptkomponenten: Unsere Hauptstadt, in der wir Einheiten rekrutieren, Gebäude errichten und 80 Zaubersprüche erforschen können, die Karte der Oberwelt bzw. die Dungeons, wo wir unsere Heldin und ihre Armee anführen, um das Land/Dungeon zu erkunden und Ressourcen zu finden oder erobern, und der Kampfbildschirm, auf dem die rundenbasierten Schlachten ausgetragen werden, wenn wir auf der Landkarte oder in Dungeons auf feindliche Einheiten treffen.

Die Welt von Nevendaar ist riesig – dreizehn Regionen mit fast dreißig Dungeons wollen von uns erkundet und befreit werden. Auf der Landkarte reiten wir auf unserem Pferd herum und können frei entscheiden, ob wir bestimmte Gegner angreifen oder Gebäude betreten wollen. In den Dungeons sind wir zu Fuß unterwegs und können Objekte in der Umgebung manipulieren, hier können uns Gegner auch aus der Ferne erblicken und uns von sich aus attackieren.

Avyanna – unsere Heldin

Wir spielen die Heldin Avyanna – daran können wir nichts ändern. Im Spielverlauf können wir im Inventar Avyanna mit unterschiedlichen Waffen und Ausrüstungsgegenständen ausstatten, wodurch sich auch ihr Erscheinungsbild entsprechend ändert. Im Inventarbildschirm sehen wir auch ihre Charakterwerte (Stärke, Geschicklichkeit, Ausdauer und Intelligenz). Avyanna kann Zaubersprüche verwenden, die sehr mächtig sind und in der Schlacht das Blatt wenden können. Im Laufe des Spieles erhalten wir nach jedem Levelaufstieg Fähigkeitspunkte, die wir in drei Fertigkeitsbäumen (Kampf, Magie, Nephilim) investieren können, um sich zu spezialisieren.

Disciples: Liberation Kreis

Tactical Combat

Die rundenbasierten Kämpfe finden auf Hexagon- (Sechseck) Karten statt – unsere Figuren haben Aktionspunkte über ihren Köpfen – blaue für Bewegung, rote zum Einsatz ihrer Fähigkeiten, während goldene für beides eingesetzt werden können. Gesteuert werden immer einzelne Einheiten, keine Gruppen von mehreren Einheiten. Neben bewegen und angreifen können natürlich auch Spezialfähigkeiten eingesetzt werden oder die Umgebung als Deckung benutzt werden. Angriffe von hinten fügen besonders hohen Schaden zu. Spezielle Felder bringen Boni für den ersten, der darüber läuft. Manchmal spielen auch weitere Effekte eine Rolle, beispielsweise schlagen während eines Gewitters Blitze auf bestimmten Feldern ein, was eine Runde vorher angezeigt wird und einem die Möglichkeit gibt, diese Felder zu meiden. Wir können unsere Armee aus den Einheiten der unterschiedlichen Fraktionen zusammenstellen und dadurch an unseren persönlichen Spielstil anpassen.

Kampagne

Die Kampagne von Disciples: Liberation ist in drei Akte aufgeteilt und lang. Sehr lang, ich habe noch keines der angeblich fünf unterschiedlichen Enden erreicht. Laut Entwicklern benötigt man für das Durchspielen rund 80 Stunden. Es gilt unzählige Quests zu absolvieren, die oft recht komplex sein können. Ich habe schon einiges erlebt, aber nur einen Bruchteil der 270 (Haupt-, Neben-, oder Gefährten-)Quests gesehen. Eine weitläufige, zerstörte Welt mit zahllosen Geheimnissen, verborgenen Schätzen und einer blutigen Vergangenheit warten darauf, von uns entdeckt zu werden. In Multiple Choice Gesprächen treffen wir unsere Entscheidungen, wobei es nicht möglich ist, einfach alle Gesprächsoptionen auszuwählen. Wenn wir eine Gesprächsoption auswählen, müssen wir mit den Konsequenzen leben. Positiv ist die oft große Auswahl an Gesprächsmöglichkeiten – wir können wirklich die unterschiedlichsten Vorgehensweisen wählen, von freundlich, ehrlich und wohlwollend bis zu einem verlogenen, hinterhältigen Drecksack. Auch das Flirten (oder mehr) ist immer wieder möglich. Die Wahl liegt beim Spieler.

Zwischen den Missionen kehren wir in unsere Stadt Yllian zurück, in der wir Gebäude errichten und bestehende Gebäude ausbauen können, um ihre Effizienz zu verbessern. Das kostet natürlich bestimmte Ressourcen und Gold. Je nachdem, mit welcher Fraktion wir verbündet sind, stehen uns bestimmte Gebäude zur Verfügung. Jedes neue Gebäude erlaubt uns das Rekrutieren neuer Einheiten.

Disciples: Liberation Tempel

Die Fraktionen von Nevendaar

Vier unterschiedliche Fraktionen kämpfen um die Vorherrschaft in Nevendaar, und zwar die religiösen Fanatiker des menschlichen Imperiums, die Elfen, die untoten Horden unter dem Befehl einer wahnsinnigen Königin und die Legion der Verdammten. Jede Fraktion verfügt über 14 verschiedene Einheiten, die alle einzigartige Fähigkeiten haben. Sobald wir die entsprechenden Gebäude in unserer Basis errichtet haben, können wir diese Einheiten anwerben und in unserer Armee verwenden.

Alternativen?

Welche Alternativen hat man als Spieler, wenn man sich auf die Suche nach vergleichbaren Spielen macht? Die kurze Antwort wäre: Es gibt derzeit keine modernen, guten Alternativen zu Disciples: Liberation. Das stimmt wohl grundsätzlich, der hier gebotene Genremix aus Rundentaktik und Rollenspiel ist nur sehr selten zu finden, aber wenn man auch ältere Spiele in die Betrachtung mit einbezieht, gibt es natürlich schon ein paar vergleichbare Games. Einerseits wäre da  das uralte King’s Bounty vom genialen Jon Van Caneghem, quasi der Erfinder dieser Art von Spielen. King’s Bounty wurde mit den Heroes of Might and Magic Spielen fortgesetzt, von denen es bis heute sieben Teile in unterschiedlicher Qualität gibt. Vor allem der dritte Teil ist ein absoluter Kultklassiker geworden und steht auch in einer grafisch überarbeiteten Fassung zur Verfügung. Dann gibt es die fünf von 2008-2015 in Russland von Katauri Interactive erstellten King’s Bounty SpieleThe Legend, Armored Princess, Crossworlds, Warriors of the North und Dark Side, die durchaus brauchbar sind. Vom neuen, im August herausgekommenen King’s Bounty II würde ich das eher nicht behaupten, obwohl es durchaus spielbar ist. Wesentlich besser finde ich jedoch die Age of Wonders-Reihe, und hier vor allem den dritten und bis heute leider letzten Teil, der 2014 erscheinen ist.

Zusammenfassung

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