Gamers.at
Editor's PicksGamingIndieMagazinNews & Updates

Onkel Toms Spiele für den Herbst- 2026 Edition

Wenn die Tage wieder kürzer werden beginnt die ideale Jahreszeit für ausgedehnte Spieleabende. Diesmal reicht die Reise von geheimnisvollen Herrenhäusern bis weit hinaus ins All. Mal wird kombiniert, mal geschraubt, mal ums Überleben gekämpft – und manchmal ist schon herauszufinden, was eigentlich gerade passiert, Herausforderung genug. Der (Spiele-)Herbst kann also kommen.

The Incident at Galley House
Wenn die Vergangenheit nicht ruhen will

The Roottrees Are Dead war bereits in dieser Artikelreihe zu Gast und zeigt, wie spannend Detektivarbeit mit anfangs scheinbar zusammenhanglosen Informationsschnipseln sein kann. The Incident at Galley House schlägt in eine ähnliche Kerbe und ist das Remake des textbasierten Browsergames Type Help – diesmal allerdings deutlich aufwendiger präsentiert.

1936 werden im lange verlassen geglaubten Galley House zahlreiche Leichen entdeckt. Was dort geschehen ist und wer die Toten überhaupt sind, bleibt ungeklärt. Jahrzehnte später betreten wir als Spielende das verfallene Herrenhaus wieder, ausgerüstet mit einer sonderbaren Maschine, die Echos der Vergangenheit sichtbar und hörbar machen kann. Damit lassen sich einzelne Momente jener verhängnisvollen Nacht rekonstruieren. Das klingt zunächst trivial, doch um eine Szene aufzurufen, müssen Zeitpunkt, Raum und anwesende Personen korrekt rekonstruiert werden.

Zu Beginn ist das Bild entsprechend lückenhaft: Personen wollen erst identifiziert, Beziehungen erkannt und Ereignisse zeitlich wie räumlich eingeordnet werden. Jede erfolgreich rekonstruierte Szene liefert jedoch neue Gesprächsfetzen und Hinweise, die wiederum an anderer Stelle weiterhelfen können. So entsteht nach und nach eine komplexe Kettenreaktion aus Entdecken, Kombinieren und Überprüfen.

Gerade hier zeigt sich die Verwandtschaft mit The Roottrees Are Dead: Das Spiel serviert kaum fertige Antworten. Entscheidend ist, aufmerksam zuzuhören, Informationen miteinander zu verbinden und eigene Schlüsse zu ziehen. Besonders befriedigend sind jene Momente, in denen aus einer beiläufigen Bemerkung plötzlich mehrere neue Zusammenhänge entstehen und sich weitere Handlungsstränge des Rätsels öffnen.

Atmosphärisch schlägt The Incident at Galley House allerdings eine deutlich düsterere Richtung ein. Das alte Herrenhaus, die ungewöhnliche Spielmechanik und das schrittweise Freilegen seiner Geheimnisse sorgen für eine angenehm unheimliche Grundstimmung. Wer bereits Freude daran hatte, die Familiengeheimnisse der Roottrees auseinanderzunehmen, bekommt hier eine teilweise vertraute, aber gleichzeitig auch erfrischend neue Art von Detektivarbeit – nur diesmal mit wesentlich mehr Leichen und einem Hauch des Paranormalen.

The Incident at Galley House auf Steam

Crushed in Time
Elementar, mein dehnbarer Watson!

Mit There Is No Game: Wrong Dimension gelang Draw Me A Pixel ein herrlich verspieltes Adventure, das sich ständig über die Regeln des eigenen Mediums lustig machte. Für Crushed in Time holt das Studio Sherlock Holmes und Dr. Watson aus dessen zweitem Kapitel zurück und spendiert dem chaotischen Ermittlerduo ein eigenes Abenteuer. Dieses führt Holmes und Watson quer durch Raum und Zeit und vor allem durch verschiedene Entwicklungsstadien ihres eigenen Spiels. Prototypen, unfertige Versionen und andere Baustellen der Spieleentwicklung werden damit kurzerhand zu Schauplätzen und Spielmechaniken.

Eine weitere Besonderheit ist außerdem die Steuerung. Klassisches Point-and-Click wäre viel zu gewöhnlich: Gegenstände werden mit der Maus gepackt, gezogen und wie Gummi gedehnt, bevor sie beim Loslassen durch die Gegend schnellen. Türen, Schalter und selbst Charaktere wollen damit nicht einfach angeklickt, sondern manchmal regelrecht gequält werden. Anfangs ist das herrlich ungewohnt und sorgt für einige kreative Rätselideen. Mit zunehmender Spielzeit verliert die Mechanik allerdings etwas von ihrem Reiz.

Zum Glück verlässt sich Crushed in Time nicht ausschließlich auf diesen Kniff. Wie schon beim Studioerstling lebt ein großer Teil des Vergnügens davon, dass das Spiel seine eigenen Regeln nur als unverbindliche Empfehlung betrachtet. Immer wieder gibt es Seitenhiebe auf Spieleentwicklung und Genreklischees, Meta-Humor und kleine Ausflüge in andere Spielarten. Auch die unterschiedlichen Entwicklungsstadien werden geschickt genutzt, um Mechaniken und Präsentation regelmäßig durcheinanderzuwirbeln.

Ganz den Einfallsreichtum von There Is No Game: Wrong Dimension erreicht Crushed in Time dabei nicht. Der Vorgänger wirkte noch eine Spur unberechenbarer und schaffte es häufiger, mit der nächsten absurden Idee zu überraschen. Trotzdem bleibt ein charmantes, ausgesprochen kreatives Adventure, das mit seiner elastischen Steuerung zunächst etwas tatsächlich Neues versucht und auch danach noch genügend Unsinn im Ärmel hat, um Holmes und Watson würdig durch ihr nächstes Meta-Abenteuer zu schicken.

Crushed in Time auf Steam

Scrap Mechanic
Zehn Jahre geschraubt, jetzt ist es fertig

Zehn Jahre Early Access sind eine Ansage. Bereits Anfang 2016 durften in Scrap Mechanic die ersten Maschinen und vor allem Fahrzeuge zusammengeschraubt werden. Seit Juli sehen sich die Entwickler fürs erste am Ende der Entwicklungs-Reise. Aus der ursprünglichen Physik-Spielwiese ist dabei längst ein umfangreiches Survival-Abenteuer geworden. Im Kern dreht sich aber noch immer alles um jene Beschäftigung, die schon vor einem Jahrzehnt den größten Reiz ausmachte: Dinge bauen, die sich im Idealfall anschließend sogar bewegen.

Gestrandet auf einem fremden Planeten bekommen wir es mit durchgedrehten Farmrobotern zu tun und müssen uns um die üblichen Survival-Bedürfnisse kümmern. Ressourcen werden gesammelt, Nahrung angebaut, Gegner bekämpft und eine Basis errichtet. Mit Version 1.0 gibt es nun auch eine vollständige Geschichte sowie neue Gebiete und Aufgaben. All das liefert allerdings vor allem den Rahmen für die eigentliche Hauptattraktion: den Fahrzeug- und Maschinenbau.

Aus Blöcken, Rädern, Lagern, Motoren, Fahrersitzen, Schaltern und zahlreichen weiteren Bauteilen entstehen Fahrzeuge praktisch komplett von Grund auf. Ein Chassis auf vier Räder zu setzen ist schnell erledigt. Interessanter wird es, sobald Lenkung, Federung und Antrieb funktionieren sollen oder aus einem simplen Gefährt eine spezialisierte Arbeitsmaschine wird. Dabei schreibt Scrap Mechanic nur selten vor, wie ein Problem zu lösen ist. Ein zweckmäßiges Gefährt reicht völlig – ein groteskes mechanisches Ungetüm, das dieselbe Aufgabe mit zwölf Rädern und einer aberwitzigen Konstruktion erledigt, funktioniert im besten Fall ebenfalls.

Genau darin liegt die große Stärke des Spiels. Scheitert eine Konstruktion, ist selten ein fehlendes Rezept schuld. Meist war die eigene Idee doch nicht ganz so genial wie gedacht. Dann wird umgebaut, verbreitert oder der Schwerpunkt zum ungefähr zwölften Mal korrigiert. Dass die Physik dabei gelegentlich ungewollt für Unterhaltung sorgt, gehört dazu.

Nach zehn Jahren Entwicklungszeit wirkt Version 1.0 daher weniger wie die Geburt eines neuen Spiels als der Abschluss einer bemerkenswert langen Schrauberei. Der Survival-Teil ist inzwischen deutlich umfangreicher, doch am meisten Spaß macht Scrap Mechanic weiterhin dann, wenn ein selbst gebautes Fahrzeug zum ersten Mal losrollt – und idealerweise sogar in die ungefähr gewünschte Richtung.

Scrap Mechanic auf Steam

Outer Wilds
Und täglich grüßt die Supernova

Viele Spiele beginnen mit einer sich abzeichnenden Katastrophe, die es im weiteren Verlauf (hoffentlich) zu verhindern gilt. Outer Wilds geht hier deutlich weiter: Hier steht gleich das Ende der bekannten Welt unmittelbar bevor – aber keiner weiß es und verhindern lässt es sich auch nicht. Als frischgebackener Raumfahrer eines kleinen außerirdischen Volkes steht der erste Ausflug ins heimische Sonnensystem bevor. Viel Zeit zum Erforschen bleibt allerdings nicht: Nach rund 22 Minuten wird die Sonne zur Supernova und nimmt das gesamte System mit sich. Kurz darauf erwachen wir wieder am Lagerfeuer, als wäre nichts geschehen – und dürfen das Ganze noch einmal erleben. Oder erst mal ein weiteres Marshmallow grillen.

Was zunächst nach einem klassischen Zeitreise-Rätsel klingt, entwickelt sich schnell zu einer der ungewöhnlicheren Formen der Weltraumerkundung. Es gibt keine Erfahrungspunkte, keine bessere Ausrüstung und kaum klassische Fortschrittsmechaniken. Der wichtigste Besitz ist Wissen. Jeder Planet birgt Spuren einer längst verschwundenen Alien-Zivilisation, deren Geschichte eng mit der Zeitschleife verbunden ist. Gefundene Aufzeichnungen, seltsame Anlagen und astronomische Phänomene liefern neue Hinweise darauf, wo als Nächstes gesucht werden könnte.

Dabei verändert sich das Sonnensystem während jedes Durchlaufs. Sand wandert zwischen zwei Planeten und legt dadurch neue Bereiche frei, während andere verschüttet werden. An anderen Orten werden bestimmte Wege erst zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt zugänglich. Die 22 Minuten sind damit nicht einfach nur ein Countdown, sondern Teil eines riesigen astronomischen Uhrwerks, dessen Abläufe erst nach und nach verstanden werden wollen.

Auch die etwas eigenwillige Steuerung unseres kleinen Raumschiffs gehört zum Abenteuer. Die Planeten sind geradezu winzig, liegen meist weniger als eine Flugminute voneinander entfernt und lassen sich in kürzester Zeit umrunden. Dadurch wird der Weltraum nicht zur endlosen Leere, sondern zu einem kompakten Abenteuerspielplatz, auf dem spontan der Kurs zum nächsten Himmelskörper geändert werden kann. Landungen bewegen sich anfangs trotzdem irgendwo zwischen heldenhafter Raumfahrt und kontrolliertem Verkehrsunfall, wenn aus einem sorgsam geplanten Landemanöver wieder einmal ein Einschlag mit zu viel Restgeschwindigkeit wird.

Zugegeben, ganz neu ist Outer Wilds mit seinem Erscheinungsjahr 2019 zwar nicht mehr, wer die Reise bislang verpasst hat, kommt dafür mittlerweile auch gleich in den Genuss des Story-DLC Echoes of the Eye. Die umfangreiche Erweiterung fügt sich sehr organisch in das bestehende Sonnensystem ein und ergänzt es um eine deutlich düsterere Seite. Damit gibt es heute sogar noch etwas mehr zu entdecken – und wenn nach 22 Minuten wieder alles in einer Supernova endet, bleibt hoffentlich zumindest eines erhalten: eine weitere Idee, was beim nächsten Versuch anders gemacht werden könnte.

Outer Wilds auf Steam

Ähnliche Beiträge

Kommentar abgeben

Secret Link