Was passiert, wenn das entscheidungsfordernde Gameplay der Reigns-Reihe auf das moralisch diffizile Universum des Geralt von Riva trifft?Reigns: The Witcher wagt genau diesen Spagat – ein Kartenspiel, welches die bekannte Wisch-Mechanik mit der Hexer-Saga kombiniert und sie durch die Augen (und Feder) von Rittersporn dem Barden neu erzählt.
Zwischen Ballade und Balanceakt
Kartenspiele und das Universum des Hexers waren schon immer eng miteinander verbunden. Es fing mit den berühmt-berüchtigten Pin-up-Sammelkarten aus The Witcher an. Später wurde mit „Gwent“ ein zugeknöpftes, spielerisch aber äußerst anspruchsvolles Kartenspiel in die Reihe implementiert. Und dies so erfolgreich, dass mit „Gwent – The Witcher Card Game“ und „Thronebreaker: The Witcher Tales“ Ableger mit dem Fokus auf das Deckbuilding an den Start gegangen sind.
Nun hat Entwickler Nerial den Hexer zu einem Teil seiner erfolgreichen Reigns-Reihe machen dürfen. Spielmechanik wie Grafik eint hier der puristische Ansatz: Karten mit einer kurzen Situationsbeschreibung erscheinen und fordern eine schnelle Entscheidung, dazu wischst man nach links oder rechts bis irgendwann das Geschick erlischt und man auf die eine oder andere blutige Weise das Zeitliche segnet.
Was simpel klingt, entfaltet auch beim Hexer schnell strategische Tiefe. Jede Entscheidung beeinflusst einen oder bis zu vier Werte. Zu beachten sind die Reputation bei den Menschen, Anderlingen und Zauberern. Dazu sollte das Hexerhandwerk am Ende des Tages natürlich für einen vollen Bauch sorgen. Auch dies gilt es zu beachten. Kommt es zu einem größeren Ungleichgewicht, führt das schnell zu vitalen Konsequenzen, und wie für Reigns üblich, wird der Tod mit deftigen Motiven illustriert.
Dabei sorgt ein Kniff dafür, dass sich Geralt auch nach einem möglichen Dahinscheiden in Reigns weiterhin gute Chancen auf einen Gastauftritt in The Witcher 4 ausrechnen dürfte. Die Geschichten sind laut Rahmenhandlung alles fiktionale Erfindungen seines Freundes Rittersporn, der sich mit diesen Werken einen Namen in den nördlichen Königreichen machen möchte. Eine Mistgabel in des Hexers Rücken hat damit keine dauerhaften Konsequenzen für den Spielekanon.
Die ausgeschmückte Erzählweise durch Rittersporn sorgt derweil für einige humorvolle Momente – gerade im Zusammenspiel mit Geralt spielen sich die beiden ungleichen Charaktere gekonnt die Bälle zu. Die Balance zwischen dieser Unbeschwertheit und der unerbittlichen Welt des Hexers wurde gut getroffen.
Hüpfend in den Kampf
Abseits des simplen Wischens oder Neudeutsch: Swipens gibt es kleine, rhythmusbasierte Kampf-Minispiele gegen aus den Spielen und der Serie bekannte Monster wie Ertrunkene, Moderhäute oder Ghule. Man muss zur rechten Zeit auf Felder springen um Angriff zu initiieren und hat gleichzeitig negativen Symbolen auszuweichen um die Attacken des Gegners zu verhindern. Ein netter Versuch, etwas Abwechslung zwischen die Kartenstapel zu bringen. Wirklich gelungen sind diese Abschnitte aber nicht, dafür ist die Steuerung zu unpräzise und die visuelle Reduktion nimmt den Gefechten die Wucht. Wer sich lieber auf die narrative Komponente konzentrieren möchte, kann diese Abschnitte im Menü jedoch vereinfachen oder gar gänzlich deaktivieren.
Stärker präsentiert sich das Spiel beim Wiederspielwert. Zahlreiche Verzweigungen, alternative Ereignisse und freischaltbare Karten sorgen dafür, dass sich jeder Durchlauf in Geschichte und Tonalität anders anfühlt – mal tragisch, mal heroisch, mal herrlich absurd.
Dennoch sollte man neben Plötze auch die eigene Erwartungshaltung sanft im Zaum halten: die erzählerische Tiefe erreicht nicht die Komplexität legendärer Questlines aus der Hauptserie. Geschichten wie der „Blutige Baron“ oder die Ereignisse im Turm der Reuseninsel leben von langen Dialogen und moralischer Ambivalenz – etwas, das das knappe Kartenformat naturgemäß nur andeuten kann.
Anders als beim Game of Thrones-Ableger leidet das Spiel auch daran, dass nur Geralt als Protagonist verfügbar ist. Der schweigsame Monsterjäger bietet als grau angelegter Charakter zwar durchaus Projektionsfläche, dennoch hat sich das Spielen von grundverschiedenen Figuren wie Cersei Lannister, Jon Snow oder Tyrion Lannister deutlich abwechslungsreicher und befriedigender angefühlt.
Auch die Konsequenzen eines „echten Gameovers“ sind dabei nicht zu unterschätzen. Weil das Geschehen durch Rittersporn bereits als Fiktion proklamiert wurde, wird der Erzählung dadurch eine gewisse Fallhöhe genommen. Ein Vorteil ist jedoch, dass ein Neustart durch flexiblere Einstiegspunkte und weniger repetitive Elemente abwechslungsreicher ausfällt als dies zuvor bei anderen Spielen der Reigns-Reihe der Fall gewesen ist.
Kartenkunst
Grafisch bleibt das Spiel mit minimalistischen Illustrationen, klarer Farbgebung und deutlichen Silhouetten bewusst reduziert, was charakteristisch für die Reigns-Reihe ist. Die Charakterporträts transportieren dabei mit dezenten Animationen genug Persönlichkeit, ohne ins Detail zu gehen. Hierbei sind eindeutig die Figuren und die musikalischen Themen aus den Videospielumsetzungen von CD Projekt als Vorlagen gewählt. Die Karten und die wechselnden Hintergründe sind trotz ihrer Einfachheit stimmig umgesetzt, ebenso wurden die bekannten Musikstücke gelungen neu arrangiert.
Die deutsche Lokalisierung präsentiert sich insgesamt sauber und stilistisch passend. Wortspiele, ironische Kommentare und Rittersporns theatralische Ausschmückungen funktionieren größtenteils gut. Vereinzelte Formulierungen wirken etwas sperrig, was vermutlich der knappen Textstruktur geschuldet ist. Insgesamt transportiert die Übersetzung aber Tonfall und Humor der Vorlage überzeugend.
Zusammenfassung
FAZIT
Reigns: The Witcher bietet zunächst ein gutes Grundgerüst für neue Abenteuer des Hexers. Auch weil es dabei Rittersporn als Hauptfigur einsetzt und die Geschichten um Geralt clever als Mittel der Progression nutzt. Wer die Videospielauftritte aber wegen seiner ausgefeilten Quests geliebt hat, wird bei den Kurzgeschichten unter Umständen die gewohnte Tiefe wie auch die in Erinnerung bleibenden Konsequenzen vermissen.

