Nach vielen Irrungen und Wirrungen rund um WarCraft III Reforged erschienen zum Remaster des Echtzeitstrategie-Klassikers am 12. September ohne Vorankündigung eine neue Erweiterung sowie das kostenloses Update 3.0. Nachdem Blizzard dem Titel lange keine volle Beachtung schenkte, stellt sich nun die Frage, ob das Königreich der Verlassenen dem siechenden Titel neues Leben einzuhauchen vermag.
Bei der Hausmesse BlizzCon 2026 setzte Blizzard Entertainment zu einem Rundumschlag an. Zu allen wichtigen Serien des Entwicklers folgten Ankündigungen. Nachdem die Sterne bei StarCraft bereits sehr deutlich auf einen Shooter-Ableger wiesen, kam die Erweiterung zu WarCraft III Reforged ungleich überraschender auf.
Der Release von WarCraft III Reforged dürfte eine der größten PR-Katastrophen in der Firmengeschichte des erfolgsverwöhnten Entwicklers gewesen sein. Einschnitte beim Original wie fehlende Ranglisten, nicht umgesetzte Versprechungen wie neue Kampagnen und Zwischensequenzen und ein umstrittenes Artdesign bei den überarbeiteten 3D-Modellen führten zu einem Flächenbrand bei den Fans der Reihe.
Auch die nachgeschobenen Updates konnten die Wut nur mäßig lindern und nachdem auch das Echtzeitstrategie-Genre selbst immer mehr an Bedeutung verlor, wurde über das Remake lange Zeit ein Mantel des Schweigens gelegt.
Aus dem Totenreich entstiegen
Mit den jüngsten Veröffentlichungen scheint Blizzard nun doch wieder Interesse an seinem Strategieklassiker gefunden zu haben.
Mit dem zuletzt ausgespielten Update 3.0 erhielt Reforged die sogenannte Definitive Edition als zusätzlich auswählbaren Grafikmodus. Hier liegt der Fokus auf einer deutlich größeren Wiedererkennbarkeit der klassischen Einheiten und Umgebungen bei modernisierter Optik. Laut Blizzard wurden dafür mehr als 600 Einheiten überarbeitet. Der Wechsel zwischen den Grafikvarianten ist möglich, auch gemeinsame Partien mit Nutzern anderer Grafikmodi werden weiterhin unterstützt. Ein echter Wermutstropfen ist dabei, dass der gelungene (sowie im Gegensatz zum Erstrelease von Reforged) performante Modus nur für den Mehrspielermodus und die neue Kampagne zur Verfügung steht, die Kampagnen von Reign of Chaos und The Frozen Throne werden hingegen nicht unterstützt. Dort gibt es für Besitzer von Reforged die Auswahl zwischen der ursprünglichen 3D-Darstellung und der umstrittenen Reforged-Überarbeitung.
Weiter wurden in WarCraft III Reforged das steuerbare Einheitenlimit von 12 auf 24 Figuren angehoben sowie optische und inhaltliche Verbesserungen des mächtigen Editors umgesetzt. Auch wurde mit dem Forsaken Paladin ein neuer neutraler Held in das Spiel integriert.
Bereits heftig durch die Community kritisiert wurde zuletzt jedoch, dass mit dem Update auch eine permanente Internetverbindung Pflicht wurde, die sich auch auf die Einzelspielerkampagne erstreckt. Auch der LAN-Modus ist in diesem Zuge entfallen und lässt sich nur noch mit zusätzlichem Aufwand über einen Legacy-Client realisieren.
Mit der schwierigen Vorgeschichte von Reforged ist es doch unverständlich, weswegen Blizzard bei diesen sensiblen Bereichen ohne transparente Kommunikation mit der Community Einschnitte vornimmt.
Heimkehr mit Schrecken
Die kostenpflichtige Erweiterung bietet eine zweigeteilte Kampagne. Der Prolog beleuchtet die schicksalhafte Heimkehr von Arthas ins Königreich Lordaeron. Ein geschickter Kniff ist dabei, dass man mit Wachleutnant Garek und seinem Mentor Landen Mitglieder der Stadtwache der Hauptstadt steuert. Durch diesen Perspektivwechsel wirkt man zunächst bei den Vorbereitungen auf die Rückkehr des vermissten Königssohns mit, lauscht Gesprächen zwischen den Bewohnern, macht Diebe dingfest und organisiert in dem geschäftigen Treiben auch noch Blumenschmuck für die Feierlichkeiten. Nach der Ankunft von Arthas bricht wie schon im Hauptspiel bekannt das Chaos aus, nur erleben wir dies nun durch die Augen von Garek und Landen, die verzweifelt versuchen, so viele Bewohner wie möglich aus der Stadt zu retten und dabei noch der lang vorbereiteten Verschwörung der Geißel auf die Spur zu kommen.
Die Kombination aus einem jungen Heißsporn und einem erfahrenen Mentor als Protagonistengespann ist zunächst wenig innovativ, zumal die Helden im Prolog sehr in diesen Stereotypen verhaftet bleiben. Dennoch funktionieren beide im Rahmen der Handlung sehr gut und durch das Aufgreifen dieses schicksalshaften Moments in Lordaerons Geschichte aus Reign of Chaos wird eine starke Dynamik erzeugt.
Als Einstieg in das WarCraft-Universum wäre diese Erweiterung denkbar schlecht gewählt. Zu viele Rückbezüge auf frühere Ereignisse, Orte und Charaktere würden die Entwicklungen schwer verständlich machen und ungezählte Verweise auf The Frozen Throne und besonders auf World of WarCraft gingen ohne Würdigung des Spielers ins Leere.
Nach diesen Ereignissen folgt ein Zeitsprung, und die Hauptkampagne nimmt ihren Anfang in der Unterstadt. Dorthin hat es unseren jüngst verblichenen Helden ohne Gedächtnis verschlagen. Nach seiner Wiedererweckung und einer drohenden Weiterverwertung seiner sterblichen Hülle wird dieser dann doch Mitglied des namensgebenden Königreichs der Verlassenen unter der Führung von Sylvanas Windrunner. In den Katakomben und Krypten der untergegangenen Hauptstadt Lordaerons wird Tag und Nacht an der Schaffung einer neuen Heimat für die mit freiem Willen ausgestatteten Untoten gearbeitet. Dabei sind die Verlassenen sowohl durch die Geißel, als auch durch fanatische Menschen des Scharlachroten Kreuzzugs bedroht, wobei letztere sich für den Fall von Lordaeron an allen Untoten rächen wollen.
Die einzelnen Viertel der Unterstadt fungieren ab der Hauptkampagne als zentraler Hub. Hierhin kehren wir immer wieder mit unserem Helden und der ihm zugeteilten Dunklen Waldläuferin Anya zurück, um Ausrüstung zu kaufen, Gegenstände zu Gold zu machen oder neue Missionen zu erhalten.
Echtzeit ohne Strategie
Wer sich nun die Frage stellt, wie der Basisbau zu dieser Konzeption passt, muss an dieser Stelle eine eher ernüchternde Antwort hinnehmen. Die alten Bauabfolgen aus dem Hauptspiel lassen sich zu keinem Zeitpunkt verwenden. Bereits in der Erweiterung The Frozen Throne gab es mit dem Bonuskapitel um den Bestienmeister Rexxar einen Ausflug in das Rollenspiel-Genre, doch das Königreich der Verlassenen bietet keinerlei Echtzeitstrategiemissionen, sondern ist im Wesentlichen ein reinrassiges Action-Rollenspiel.
Man steuert entweder nur die beiden Helden oder zusätzlich einen kleinen Kampfverband durch die versehrten Landschaften von Lordaeron. Hierbei ist insbesondere Mikromanagement essenziell, um die Verluste durch Fallen oder Kämpfe in Grenzen zu halten.
Heldeneinheiten haben dabei quasi ein Inventar im Inventar hinzubekommen. Über das separate Fenster können Gegenstände wie Stiefel, Rüstungen oder Kopfbedeckungen für bessere Werte ausgerüstet werden, optisch verändern sich die Helden durch die getragene Ausrüstung jedoch nicht.
Bei den Quests ist viel Standardkost dabei, mal müssen Zahnräder für Türmechanismen in modrigen Katakomben gefunden werden, dann wiederum soll ein Banditenanführer in den Wäldern gemeuchelt oder Leichenteile für die Schaffung neuer Monstrositäten herbeigeschafft werden. Dazu kommen gelegentliche Bosskämpfe, welche sich im Wesentlichen um Einheitenmanagement und rechtzeitiges Ausweichen aus markierten Angriffszonen drehen.
In Folge des Genrewechsels muss sich die Erweiterung jetzt mit Vertretern wie der hauseigenen Genre-Referenz Diablo IV messen lassen. Und oft genug stellt man dabei fest, dass der übergestülpte Rollenspiel-Pulli doch noch an vielen Stellen kratzt und ziept.
So war die Wegfindung der Einheiten noch nie eine besondere Stärke der Serie. Durch die vielfach engen Gänge in Katakomben verhaken sich die Figuren gerne ineinander oder positionieren sich unvorteilhaft. Genauso behindern sie das Aufnehmen von Items, da sich die Helden regelmäßig ihren Weg durch eine Einheitentraube bahnen müssen, um zum gewünschten Gegenstand zu gelangen. Richtig frustrierend kann es bei Bosskämpfen werden, wenn durch die nicht pausierbaren Kämpfe und irrlichternden Bewegungsmuster vermeidbare Verluste entstehen.
Auch die Laufwege auf den Karten fallen deutlich zu lange aus. Das Königreich der Verlassenen bietet keine echte Schnellreisefunktion, sondern man hat jedes Mal ein Kartenende anzusteuern, um wieder in die mehrstufige Unterstadt zu gelangen. Das hat bereits das erste Diablo 1997 mit seinen Schriftrollen des Stadtportals eleganter und spielerfreundlicher gelöst. Selbiges gilt für das neue Inventar, das bei der Bedienung und Filterung von Items alle Standards der letzten Jahre konsequent unterläuft. Insbesondere der Austausch eines Gegenstands von einem Helden zum anderen ist ungemein hakelig geraten.
Definitiv bessere Grafik
Die kostenlose Definitive Edition entschärft einen großen Kritikpunkt bei Reforged. Die neue Grafik wird dem Original wesentlich besser gerecht, als dies bei der parallel auswählbaren Reforged-Grafik der Fall ist. Dabei sorgen die mit mehr Polygonen gebauten Modelle hin und wieder für echte Schauwerte. Denn man nutzt diese auch für deutlich cineastischere Kamerafahrten, als dies noch bei dem Hauptspiel und seiner ersten Erweiterung der Fall gewesen war. Dabei sei aber auch angemerkt, dass man der Engine ihr Alter natürlich auch anmerkt und bereits StarCraft II deutlich spektakulärere Ingame-Filme inszeniert hat.
Bei den Zwischensequenzen kommt es hin und wieder noch zu Problemen, etwa wenn eigentlich pausierte Einheiten aus dem Hintergrund sprechende Helden attackieren oder die Kamera in eine ganz andere Richtung zeigt.
Die neuen Musikstücke fügen sich organisch in den bestehenden Soundtrack ein und vertonen die dramatischen Entwicklungen in Lordaeron mit melancholischen und unheilschwangeren Kompositionen.
Eine deutsche Sprachausgabe fehlt hingegen vollständig. Zwar sind die englischen Sprecher durch die Bank perfekt besetzt, doch bei einem Preis von knapp 30 Euro ist das schwer vermittelbar. Zumal dadurch in den nun drei großen Kampagnen von WarCraft III ohne Not ein nicht konsistenter Flickenteppich entsteht, was durch die nicht überall nutzbaren Grafikmodi noch verschärft wird. Bei den übersetzten Texten fallen zudem Rechtschreibfehler und nicht übersetzte englische Passagen negativ auf.
Zusammenfassung
FAZIT
Diese Erweiterung wird für Echtzeitstrategiefans eine herbe Enttäuschung sein, denn die erhoffte Rückkehr in das brachliegende Genre traut sich Blizzard nicht. Auch als Action-Rollenspiel überzeugt der Titel nicht vollends, da man viele Mechaniken in anderen Spielen schon deutlich ausgefeilter erleben konnte.
Fans des WarCraft-Universums, die an kein Genre emotional gebunden sind, kann die Erweiterung dennoch abholen und sie über circa 20 bis 25 Spielstunden hinweg gut unterhalten. Gerade weil Blizzard ein spannendes Szenario innerhalb der Lore ausgewählt hat und eine interessante Erzählung um die Suche nach der eigenen Identität damit umgesetzt hat. Auch die vielen Querverweise sind für Kenner der Spielwelt eine wahre Fundgrube.

