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Shadows of the Afterland im Test

Am 10. Februar öffnete der spanische Indie-Entwickler Aruma Studios das Tor zum Jenseits – für seine jüngst verblichene Protagonistin nicht das Ende, sondern der Einstieg in eine kurzweiligen Detektivgeschichte um Reinkarnation, Aufstiege und Abgründe in einer pixeligen Welt zwischen den Welten.

Von der Wiege bis zur Bahre

Es scheint wenig Hoffnung für uns zu geben: glaubt man Vertretern aus Spielen (Grim Fandango, PRIM) oder Filmen (Beetlejuice) werden wir auch nach unserem Ableben weiterhin von überbordender Bürokratie gepeinigt. Egal ob die Sachbearbeitung ein Manuel Calavera oder ein zwielichtiger Lottergeist übernimmt: ohne Formulare, Anträge und Wartezeiten winkt kein ewiger Frieden. Diese Erfahrung muss auch die im Intro verschiedene Pilar machen.

Nach dem mysteriösen Tod im Zoo von Madrid landet die verlorene Seele in der Jenseitsverwaltung – allerdings mit den Erinnerungen der Polizistin Carolina, die in der Welt der Lebenden noch gar nicht geboren wurde. Diese kolossalen Unstimmigkeiten sind natürlich ein Graus für jede ordentliche Sterbefallsabarbeitung! Aus dieser Prämisse entwickelt sich ein surrealer Mystery-Krimi, der zwischen Nachwelt und 1960er-Jahre-Madrid pendelt und Themen wie Reinkarnation, Schuld und den Wert eines Lebens überraschend ernsthaft anreißt, ohne in bleischwere Melodramatik abzurutschen.

Unterstützt wird die Protagonistin von dem undurchschaubaren Ex-Geisteragent César sowie einem bunten Ensemble exzentrischer Spukgestalten. Deren Dialoge verbinden trockenen, oft lakonischen Humor mit aufrichtigem Gefühl – und verleihen selbst Nebenfiguren überraschende Tiefe.

Jede Seele trägt ihre eigene Geschichte mit sich: mal tragisch, mal skurril, mal bittersüß komisch. Die Erzählungen aus dem jeweiligen Ableben sind dabei mehr als bloße Anekdoten – sie prägen Identität, Haltung und sogar die „Berufswahl“ im Jenseits. So hat etwa Ritas vergebliche Suche nach Gerechtigkeit zu Lebzeiten dazu geführt, dass sie nun im Atrium der Amnesie mit unermüdlichem Eifer als Richterin Streitfälle verhandelt und Recht spricht. Vergangenheit und Nachleben greifen hier unmittelbar ineinander.

Gerade in der Ausgestaltung dieser Welt zeigt das Spiel besondere Sorgfalt. Schritt für Schritt erschließt sich die Bedeutung von Institutionen wie dem Institut für Lebenszyklen, den Echos der Erleuchtung oder der Ewigen Seelenschmiede. Statt bloßer Schlagworte entsteht ein kohärentes System mit klaren Regeln und Hierarchien. Von der Reinkarnation über bürokratische Zwischenstationen bis hin zum möglichen Aufstieg in höhere Sphären wirkt das „untote Leben“ durchdacht und logisch verzahnt.

So entsteht weniger eine lose Ansammlung skurriler Ideen als vielmehr eine eigenständige Mythologie, die dem Jenseits Struktur, Glaubwürdigkeit und erzählerische Substanz verleiht.

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Seelen auf Wanderschaft

Bei der Mechanik bleibt Shadows of the Afterland auf weltlichem und vertrautem Terrain: Hotspots anklicken, Gegenstände kombinieren, mit Figuren sprechen. Die auffälligste Eigenheit, welche im Laufe des Spiels erworben wird, ist dabei die Inbesitznahme von Charakteren: als Geist kann Carolina bzw. Pilar in die Körper von Menschen schlüpfen, bekommt deren Inventar, Stimme sowie Dialogoptionen. So löst sie Situationen, bei der ihr als körperlose Erscheinung eine Interaktion mit der Umwelt ansonsten verwehrt geblieben wäre. Besonders gut gelingt das in Sequenzen, in denen mehrere Lebende abwechselnd kontrolliert werden und Gegenstände zwischen ihnen hin- und herwandern müssen, während die übrigen Figuren nicht merken sollen, dass etwas nicht stimmt. Eine ähnliche Idee hatte Shiny Entertainment bereits in ihrem Actionspiel Messiah mit dem kleinen Engelchen Bob weitaus rustikaler umgesetzt.

Das Interface setzt auf eine moderne Ein-Klick-Steuerung ohne Verbmenü; Kontextsymbole markieren automatisch, ob man betrachtet, benutzt oder spricht, was die Bedienung komfortabel, aber auch ein wenig eindimensional macht. Gerade erfahrenere Genre-Fans mögen die mangelnde Tiefe der Interaktion durchaus vermissen.

Die Rätsel eskalieren dafür nie in ausufernde Kombinationsketten, und das Inventar bleibt bewusst überschaubar. Gegenstände erfüllen klar erkennbare Zwecke, Sackgassen oder obskure Mehrfachverwendungen sind selten. Das sorgt für einen steten Spielfluss und minimiert Frustmomente – nimmt dem Abenteuer aber zugleich jene erlösenden Augenblicke, in denen man nach langem Grübeln endlich eine besonders komplexe Lösung entschlüsseln konnte.

Wer beim Schwierigkeitsgrad gerne im hitzigen Adventure-Fegefeuer weilt und ausufernde Knobeleien eines Monkey Island oder Day of the Tentacle schätzt, wird zwar bestens unterhalten, aber spielmechanisch kaum gefordert.

Mit rund vier bis fünf Stunden Laufzeit gehört Shadows of the Afterland zu den kürzeren Genrevertretern, nutzt diese Zeit aber zielgerichtet für eine in sich geschlossene und zu Ende gedachte Geschichte. Der fokussierte Umfang verhindert Leerlauf, kann bei Spielern, die tief in die Gesetze des Jenseitsystems eintauchen wollen, aber auch ein Gefühl von „zu früh vorbei“ hinterlassen – was man bei diesem Szenario vielleicht sogar als gelungener Metakommentar werten könnte.

Weltensprünge

Optisch punktet Shadows of the Afterland mit punktuell modernisierter Pixelkunst und flüssigen Animationen. In den von alten Klassikern inspirierten Welten wabern schicke Nebelschwaden oder flackern atmosphärische Lichter, die Geisterwesen schweben mit sanften Bewegungen durch die Unterwelt oder bewegen bei Gesprächen akkurat die untoten Lippen.

Die surrealen und abstrakten Hintergründe im Jenseits kontrastieren gelungen mit den detailreicheren, von Rot-, Grau- und Grüntönen dominierten Kulissen des irdischen Madrids während der Franco-Diktatur. Durch den Wechsel zwischen beiden Ebenen bleiben die Schauplätze frisch und abwechslungsreich. Keine Umgebung nutzt sich spürbar ab; vielmehr verstärkt der Kontrast den Eindruck eines wirklichen Übergangs zwischen zwei klar voneinander abgegrenzten, visuell eigenständigen Welten.

Die ausschließlich englische Vertonung ist überaus gelungen. Sprecherinnen und Sprecher verleihen selbst Nebenfiguren Persönlichkeit und Nuancen. Gerade in emotionaleren Szenen tragen Timing und Intonation erheblich zur Wirkung bei.

Die Musik setzt auf eine Mischung aus verspielten, mysteriösen Motiven mit Streichern, Flöten, Blech und glockenspielartigen Akzenten, die nie zu dominant wird, aber das Gefühl eines „freundlichen Jenseits“ unterstützt. Insgesamt entsteht so eine audiovisuelle Stimmung, die eher gemütlich-mysteriös als bedrohlich ist, aber auch an den richtigen Stellen zum Spannungsaufbau genutzt wird.

Die deutsche Textlokalisierung ist hervorragend gelungen und transportiert Wortwitz wie subtile Zwischentöne zielsicher.

Zusammenfassung

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