Werdet James Bond! In 007 First Light könnt ihr nachspielen, wie James Bond zum Superagenten mit der Lizenz zum Töten wurde. Vom Mitglied einer Flugcrew zum Geheimagenten – so eine Karriere legt auch nicht Jeder in kürzester Zeit hin. Da braucht man schon ein paar Fähigkeiten – habt ihr die?
James Bond hat ja bereits ein paar Auftritte in Computerspielen hinter sich. Am bekanntesten ist sicher der 1997 von Rare entwickelte Shooter GoldenEye 007 für die Nintendo 64 Konsole, der wegweisend für die Entwicklung von Ego-Shootern auf Spielkonsolen war. Mein Favorit wäre James Pond: Underwater Agent (Millennium, 1990) für den Amiga, aber am PC gibt es auch neuere Games, beispielsweise 007 Nightfire (EA, 2002), 007 Ein Quantum Trost (Activision, 2008), 007 Bloodstone (Activision, 2010) oder der nicht mehr auf Steam erhältliche Shooter 007 Legends (Activision, 2012). Seit damals wurde es aber sehr ruhig um 007 – bis jetzt. Im neuen 007 First Light erfahren wir aber nun, wie James Bond zum Superagenten wurde. Quasi ein James Bond Origins.
Ich bin wirklich gespannt auf das neue Game – die Shader-Erstellung geht flott von der Hand, der Endbenutzer-Lizenzvertrag wird weggeklickt und die voreingestellten Optionen übernommen – und schon startet 007 First Light. Drei Schwierigkeitsgrade stehen zur Auswahl, dann geht es los.
IOI, das dänische Studio hinter der erfolgreichen Hitman-Reihe, hat sich, mit finanzieller Unterstützung durch Amazon MGM Studios, an einem neuen Helden versucht. Nicht mehr der glatzköpfige Agent 47 spielt die Hauptrolle in ihrem neuesten Spiel, sondern Bond, James Bond. Allerdings nicht der Bond, den die meisten aus dem Kino kennen, sondern eine jüngere Ausführung. Bond ist zu Beginn erst 26 Jahre alt und befindet sich bei der englischen Royal Navy in der Ausbildung – als Mitglied einer Hubschrauberbesatzung. Schaut er aus wie der junge Daniel Craig? Ich finde nicht.
Zwei Transporthubschrauber voller SAS-Kommandosoldaten nähern sich im Morgengrauen einer isländischen Insel, um eine geheime Rettungsmission durchzuführen. Wer oder was gerettet wird, erfährt James Bond nicht – das ist classified. Leider schaffen es die meisten SAS-Kommandos aber nicht einmal bis zur Insel, denn Fliegerabwehrraketen holen beide Helis vom Himmel. Ein gut vorbereiteter Hinterhalt! James Bond wird ins Meer geschleudert und überlebt – vorerst. Zitternd kriecht er aus dem eiskalten Meerwasser an Land. Es weht ein ordentlicher Wind, es regnet, was für ein toller Morgen. Aber es wird nicht besser – am Ufer suchen schwerbewaffnete Soldaten nach Überlebenden und knallen sie ohne Vorwarnung ab. Die sollten uns nicht entdecken – wir lernen zu sprinten, uns zu ducken, uns im hohen Gras zu verstecken und über Felsen zu klettern. Das MI6 nimmt über Funk Kontakt mit uns auf – nachdem die SAS Elitesoldaten indisponiert sind, müssen eben wir die Mission übernehmen – ob wir wollen oder nicht. Die Befehle von MI6 ignorieren wir bereits zu diesem Zeitpunkt – noch sind wir ja kein Mitarbeiter. Später ändert sich das dann aber auch nicht – mit Autoritätspersonen hat James Bond eben ein Problem. Wir befolgen doch nicht einen Befehl, hilflose Zivilisten ihrem Schicksal zu überlassen, wenn es eine Chance gibt, sie zu retten…

Im Geheimdienst Ihrer Majestät
Nachdem wir unsere erste (unfreiwillige) Mission in Island mit Bravour absolviert haben, werden wir von MI6, dem britischen Geheimdienst, rekrutiert. Also eigentlich von M, die uns den Job total schmackhaft macht – kurze Lebenserwartung, kein Sozialleben und auch einen Nachteil – total miese Bezahlung. Miss Moneypenny kümmert sich dann um den organisatorischen Teil unserer Ausbildung und schickt uns gleich nach Malta, wo wir mehrere andere Kandidaten für das neu gestartete 00-Programm und auch den Ausbildner Greenway kennen lernen. Später sehen wir uns in London den neuesten Quanten-Computer von MI6 und das neu eröffnete Labor von Q an – wo die ganzen Gadgets entwickelt und getestet werden. Nach einer ersten Mission in London geht es dann noch vor Ende des Trainings so richtig los und das Team wird nach Bratislava geschickt – rein zur Beobachtung während einer großen Veranstaltung. Natürlich kommt es ganz anders als geplant und die Story nimmt ordentlich Fahrt auf…
Bond kann sprinten, springen, an Vorsprüngen entlang klettern, Feinde können von hinten lautlos ausgeschalten werden, oder im Faustkampf (weniger lautlos) k.o. geschlagen werden. Ausweichen, blocken, Gegenangriffe durchführen, den Gegner packen – wie bei einer Boxer Simulation. Leergeschossene Waffen können geworfen werden, Schüsse auf gegnerische Waffen entwaffnen Gegner, Schüsse auf die Füße werfen sie zu Boden. Actionsequenzen werden oft in QTEs (Quick Time Events) aufgelöst. Autofahren funktioniert simpel – Lenken, Gas geben, Kurven mit angezogener Handbremse schneiden, bremsen geht auch, aber das wird überbewertet. Neben all der Action und Gewalt können viele Situationen auch friedlicher gelöst werden – lauscht fremden Gesprächen, nutzt eure Fingerfertigkeit als Taschendieb, nutzt Social Engineering oder lenkt Gegner ab, um an ihnen vorbei zu gelangen. Ihr habt oft viele Möglichkeiten, um ans Ziel zu gelangen. Die einzelnen Mission spielen meist auf recht großen Karten mit vielen Interaktionsmöglichkeiten. Auch die Anzahl der Menschen in den Lokationen ist oft enorm – in der Disco, am Markt, im Hotel während einer riesigen Veranstaltung… Munition für die Gadgets wird aufgesammelt, Sammelgegenstände werden eingesackt, während James Bond Missionen in Europa, Asien, Afrika und sogar im ewigen Eis absolviert – allerdings ist der Spaß dann auch vergleichsweise rasch wieder vorbei. Hitman hat mich gut 100 Stunden vor den Rechner gefesselt – aber das sind ja in Wahrheit auch drei zusammengeführte Spiele gewesen. 007 First Light wird euch nur rund ein Drittel dieser Zeit beschäftigen, um die Story zum ersten Mal durchzuspielen. Allerdings könnt ihr bereits absolvierte Missionen jederzeit im TacSim Modus (auf Wunsch mit extra Herausforderungen) wiederholen.

Feuerball – und andere Gadgets
James Bond wird von MI6 natürlich immer mit dem neuesten Spielzeug für Agenten versorgt. Das Zeug schaut aus wie unscheinbare Accessoires, beinhaltet aber High-Tech. Mit der Q-Watch kann James technische Geräte hacken, der Laser Strap schaut auch aus wie eine Uhr, erzeugt aber einen gebündelten Energiestrahl, mit seinem Dart Phone kann er Giftpfeile verschießen um Gegner kurz außer Gefecht zu setzen, mit der Flash Mine, die wie ein Airpod-Behälter ausschaut, blendet er Gegner, die Shockwave Camera macht keine Fotos sondern trifft Feinde wie eine Schockwelle, der wie ein Zippo-Feuerzeug aussehende Smoke Pod ist eine Nebelgranate, während der Missile Pen in Wahrheit ein Mini Raketenwerfer, der wie ein Kugelschreiber aussieht, ist. Die ganzen Gadgets stehen, ebenso wie diverse Handfeuerwaffen, nicht von Anfang an zur Verfügung sondern werden im Laufe des Spiels erst freigeschalten. Ihr müsst vor jeder Mission auswählen, welches Equipment ihr mitnehmt – alles geht nicht.
Lizenz zum Töten
Der neue James Bond kann seine Verwandtschaft mit Agent 47 nur schwer abstreiten – die beiden Spiele sind sich einfach zu ähnlich. Man merkt, dass 007 First Light auf der weiterentwickelten Spielengine von Hitman basiert. Die Grafik, die Steuerung, auch der Fokus auf Stealth. James Bond ist allerdings klar der hübschere von den beiden. Bei der optischen Aufmachung merkt man die paar Jahre Altersunterschied doch deutlich. Das hohe Entwicklungsbudget von 007 First Light hat wohl auch ein wenig geholfen. Aber wie schaut es beim Gameplay aus? Ist James Bond nur das Ergebnis von ein wenig Color Palette Swapping und könnte genauso gut Hitman 4 heißen?
Absolut nicht – die beiden Games spielen sich doch deutlich anders. Während Anfänger oder Brutalos sich bei HITMAN World of Assassination zwar auch mit rauchenden Pistolen durch die meisten Missionen ballern konnten, war das nicht die vorgesehene Vorgehensweise und hat sich auch nicht sonderlich gut angefühlt. Wirklich viele Punkte hat man dafür auch nicht erhalten. Kollateralschäden können zwar immer passieren, aber ein Profikiller bringt nicht regelmäßig eine halbe Kleinstadt an unbeteiligten Zivilisten um, wenn er ein Ziel neutralisiert. Wahre Könner spielen Hitman, ohne je entdeckt zu werden und ohne eine Putzfrau oder einen Koch – oder auch keinen Polizisten oder Leibwächter – zu eliminieren. Wahre Profikiller werden nicht einmal gesehen, sondern erfüllen nur ihren Auftrag.
Auch James Bond geht bedacht vor und tötet keine Unbeteiligten. Im Gegensatz zu Agent 47 hat James Bond aber eine große Klappe. Er manipuliert seine Gegner durch Social Engineering – er kann sich oft in brenzligen Situationen herausreden. Er verkleidet sich nicht als Gärtner um – im für Gärtner erlaubten Bereich – unsichtbar zu werden, sondern geht offener durch die Gegend und bringt die Leute oft dazu, ihn zu unterstützen. Wenn er doch jemand k.o. schlägt, kann er den herumliegenden Körper nicht verstecken und auch nicht dessen Kleidung zur Tarnung ausborgen. Er kann auch keine Getränke vergiften – daher gibt es generell weniger Handlungsmöglichkeiten als bei Agent 47.
Bei 007 First Light spielt Stealth also auch eine große Rolle – aber wenn es sein muss, dann lässt es James Bond auch ordentlich krachen und Gegner werden nicht verschont. Egal ob mit Handfeuerwaffen, der Umgebung oder seinen Gadgets, in manchen Missionen dürfen Feinde bekämpft werden. Und wenn ihr ungeschickt spielt und oft entdeckt werdet, müsst ihr auch oft in den Kampf. Besser ungesehen wie Hitman, aber wenn notwendig auch im direkten Nah- oder Fernkampf. Wer sich James Bond in den Weg stellt, lebt gefährlich. Wofür hat er denn schließlich die Lizenz zum Töten?
Im Angesicht der Technik
Die Grafiken und Animationen von 007 First Light sind absolut top. Sie schauen nicht nur gut aus, sondern laufen auf meinem doch eher durchschnittlichen Testrechner (RTX 5070, Ryzen 7 8700F) unter 4K und mit hohen Grafikeinstellungen absolut flüssig. Ich bin ordentlich beeindruckt – so muss ein AAA-Spiel sein. Die Gespräche sind vollständig vertont, die Soundeffekte vielfältig. Wenn ihr ein Leben verliert, startet ihr (ohne Strafe) am letzten automatischen Speicherpunkt neu. Bugs oder Abstürze sind mir keine untergekommen.
Die Kampagne kann offline gespielt werden, aber wir empfehlen sie online zu spielen, um alle Spielelemente genießen zu können... wow, hat IOI hier tatsächlich auf seine Kunden gehört, nachdem beim Vorgänger Hitman die Einzelspielerkampagne nur online spielbar war? Kein Always-on mehr bei 007 First Light – sehr positiv. Die Steuerung mit Gamepad oder mit Maus + Tastatur funktioniert problemlos. 3440×1440 wird unterstützt, ebenso Speicherstände in der Cloud. NVIDIA DLSS 4.5 Super Resolution und DLSS Dynamic Multi Frame Generation ist implementiert, Ray Tracing gibt es allerdings nicht – noch nicht. Das soll im Laufe der nächsten Monate nachgeliefert werden. Für mich also zu spät… obwohl, naja, beim zweiten Durchspielen maybe.
Am PC werden mindestens eine GeForce GTX 1660 oder AMD RX 5700 empfohlen, um spielen zu können. Eine SSD, 16 GB RAM und eine halbwegs brauchbare CPU (ab Intel i5 9500) wären auch nicht schlecht. Ich habe es auch auf meinem Lenovo Legion Go S gespielt – während der Shader-Generierung könnt ihr die ersten zwei Missionen vom Vorgänger Hitman zum Aufwärmen durchspielen, danach hat es aber durchaus funktioniert. Alle Einstellungen auf low, dank AMD Frame Generation durchaus spielbar, wenngleich nicht wirklich flüssig – empfehlen würde ich es am Handheld daher nicht. 007 First Light ist erhältlich für den PC (Steam, Epic Store), PlayStation 5 und Xbox Series X|S. Im Sommer soll eine Fassung für die Nintendo Switch 2 nachkommen.
Zusammenfassung
FAZIT
Hübsche Frauen, schnelle Sportwagen, hochmoderne Gadgets und natürlich verräterische Bösewichte – 007 First Light hat alles, was ein guter James Bond Film auch hat. Der Titelsong von Lana Del Ray würde auch im Kino eine gute Figur machen, die Konversationen mit M, Moneypenny oder diversen Schurken sind witzig und die Zwischensequenzen aufwändig. Aber das Wichtigste ist natürlich das Gameplay – und auch das ist auf hohem Niveau. 007 First Light ist ein grundsolides Stealth Action-Adventure mit einer gesunden Mischung aus einer spannenden Story voller unerwarteter Wendungen und dem kreativen Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel um das Ziel zu erreichen. Ihr müsst schleichen und ihr müsst unterschiedliche Actionsequenzen überleben – ein richtig tolles Action-Spionagespiel, wie man es sich von 007 erwarten kann. Auf so eine gute James Bond Umsetzung mussten wir lange warten – das ist keine Lizenzgurke, sondern eine der besten Neuerscheinungen dieses Jahres!
