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Serienkritik: Sherlock Staffel 4

Als die Entscheidungsträger der englischen BBC vor gut acht Jahren entschieden haben eine modernisierte Fassung der Sherlock Holmes Geschichten umzusetzen, haben sie sicherlich mit guten Einschaltquoten spekuliert. Aber mit dem enormen Erfolg der Neuauflage, haben sie bestimmt nicht gerechnet. Aber umso gefragter die beiden Hauptdarsteller wurden, umso schwieriger wurde es, ein Zeitfenster zu finden, um weitere Folgen rund um das soziopathische Genie zu produzieren. Nach über 3 Jahren Wartezeit ist nun endlich die vierte Staffel und damit auch das (vorläufige) Ende der Reihe für das Heimkino erschienen.

Hintergrund

Sherlock ist eine Neuinterpretation der weltberühmten und vielfach verfilmten Buchreihe von Sir Arthur Conan Doyle. Hierzu verlegt man die Geschichte ins London der 2010er Jahre, hält sich aber abgesehen davon überraschend eng an die Vorlagen. Die einzelnen Folgen sind dabei mit rund 90 Minuten zwar unüblich lang, dafür enthält jede Staffel aber nur 3 Folgen. Während Martin Freeman (Dr. John Watson) sich zumindest im britischen Raum schon vor der Serie einen Namen machen konnte, war Benedict Cumberbatch (Sherlock Holmes) außerhalb englischer Bühnen noch ein relativ unbeschriebenes Blatt.

Die nun vorliegende vierte Staffel soll sowas wie einen „sanften“ Abschluss bilden. Alle Seiten bekräftigen zwar, dass gerne weitermachen würden, die Vielzahl der Projekte in die alle Beteiligten aber mittlerweile involviert sind, lassen die Chancen auf ein Wiedersehen in absehbarer Zeit aber verschwindend gering werden.

Bildnachweis: © BBC Worldwide
Bildnachweis: © BBC Worldwide

Handlung

Die sechs Thatchers
Während der überraschend schnellen (und für Sherlock enttäuschenden) Aufklärung eines seltsamen Todesfalles, stößt unser Meisterdetektiv auf einen viel interessanteren Fall. Irgendjemand ist hinter 6 Gips-Büsten der ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher her und ist dabei bereit über Leichen zu gehen. Was für Sherlock als Spiel beginnt, erweist sich schnell als bitterer Ernst und wird weitreichende Folgen für alle Beteiligten haben.

Der lügende Detektiv
Nach den Ereignissen der letzten Folge ist Sherlock im Ausnahmezustand. Die Drogensucht hat ihn wieder und er scheint sich aus unerfindlichen Gründen auf den Großindustriellen Culverton Smith eingeschossen zu haben, ja regelrecht einen kleinen Krieg gegen diesen zu führen. Viel zu spät erkennt John, worum es hier wirklich geht.

Das letzte Problem
Die immer wiederkehrenden Nachrichten des totgeglaubten Moriarty häufen sich, bis sogar Sherlock selbst zweifelt ob sein Erzrivale tatsächlich tot ist. Doch was wirklich dahintersteckt ist noch viel persönlicher. Und wird gleichzeitig zur größten Herausforderung und Gefahr für unseren genialen Menschenfeind und die beiden wichtigsten Personen in seinem Leben.

Bildnachweis: © BBC Worldwide
Bildnachweis: © BBC Worldwide

Kritik

Gleich vorweg: Als großes Ganzes gesehen ist diese Staffel ein emotionales Meisterwerk epischen Ausmaßes.

Leider ist genau das zugleich auch mein größter Kritikpunkt. Denn während diese 3 Episoden als Ganzes gesehen wunderbar funktionieren, fallen einem, wenn man die einzelnen Folgen für sich betrachtet, dann doch erzählerische Schwächen auf. Und das überrascht, denn gerade das Drehbuch ist neben den wunderbaren Darstellern schon seit Anfang die größte Stärke dieser Serie. Steven Moffat, der vor allem durch seine Arbeit an Dr. Who bekannt ist, und Mark Gatiss, der nebenher noch Sherlocks Bruder Mycroft Holmes verkörpert, zünden seit der ersten Folge 2010 ein schier unendliches Feuerwerk an Ideen und kreativen Erzählweisen. Die Art und Weise wie die Fälle erzählt werden erweist sich in diesen Händen oft als interessanter und spannender, als die Auflösung selbiger an sich. Erzählstruktur, visuelle Umsetzung und jede Menge unvorhersehbarer Wendungen sind seit Anbeginn Garanten für spannende Unterhaltung. Dazu kommen wunderbar pointierte Dialoge und dreidimensionale Charaktere, die vom Cast scheinbar mühelos getragen und umgesetzt werden.

Nun, all das gilt auch uneingeschränkt für Staffel 4. Allerdings sind die Macher hier ein klein wenig über ihre Ambitionen gestolpert. Es scheint als habe man versucht eine große, alles Bisherige in den Schatten stellende Story zu erzählen, bei der die einzelnen Teile sowohl als eigenständige Filme, sowie auch gleichzeitig als die 3 Akte eines Ganzen fungieren und funktionieren sollen. Eigentlich eine schier unlösbare Aufgabenstellung die hier, überraschenderweise, fast aufgeht. Als viereinhalbstündiges, grandioses Finale funktioniert die Sache wunderbar. Wir gehen mit unseren liebgewonnenen Helden auf einen Höllenritt berauschender Höhen und unsäglicher Tiefen. Wir treffen alte Bekannte wieder und bekommen es mit einem Antagonisten zu tun, der furchteinflößend und tragisch zugleich, die Leben aller beteiligten in den Grundfesten erschüttert. So weit, so wunderbar.

Nimmt man nun aber die einzelnen Episoden für sich, sieht es nicht ganz so rosig aus. Die erste Folge leidet am meisten. Als Fall gibt sie zu wenig her und bietet kaum Höhepunkte. Die Wendung am Ende ist zwar für das große Ganze äußerst wichtig, will aber so gar nicht zum Rest der Episode passen und fühlt sich erzwungen an. Folge 2 ist die rundeste Sache hier und würde am ehesten als eigenständiges Werk funktionieren. Der Abschluss, Das letzte Problem, ist leider viel zu offensichtlich als „Showdown“ konzipiert. Zwar ist das ganze teils nervenzerfetzend spannend und besonders das Ende hoch emotional, doch für eine eigenständige Folge dann doch irgendwie…zu viel, zu „over the top“. Was der ersten Folge an Höhepunkten fehlt, haben wir hier im Überfluss. Einen Höhepunkt in Spielfilmlänge, sozusagen.

Zur Besetzung muss eigentlich nicht viel gesagt werden. Cumberbatch (Sherlock) und Freeman (Watson) liefern wie gewohnt hervorragende Arbeit ab, ebenso wie der gesamte Cast an Nebencharakteren. Und auch die neuen (und alten) Bösewichter fügen sich wunderbar ins Ensemble ein.Technisch kann man der Serie ihren Erfolg und das damit verbundene, immer höher werdende Budget, regelrecht ansehen. Mit jeder Staffel wurden mehr und aufwendigere Special Effects eingeführt, die hier aber nicht für tumbe Action-Sequenzen genutzt werden, sondern in erster Linie zur Visualisierung der Vorgänge in Sherlock Holmes genialem Verstand. Sollten wir es hierbei tatsächlich mit dem letzten Fall von Sherlock zu tun haben, bleibt mir zumindest die Hoffnung, eines fernen Tages diese ach so wunderbare Titelmelodie aus meinem Kopf zu bekommen.

Bildnachweis: © BBC Worldwide
Bildnachweis: © BBC Worldwide

Blu-Ray: Technische Infos & Extras

Auf zwei Discs kommen die Abenteuer von Holmes und Watson daher und bieten technisch einwandfreie Kost. Das Bild im Format 1.78:1 (16:9) ist gestochen scharf und bleibt auch in den wenigen dunklen Szenen immer kontrastreich und rauschfrei. Die englische Originalfassung sowie auch die deutsche Tonspur liegen in THX 7.1 und Dolby Atmos vor, was für eine TV-Produktion überraschend hochwertig ist und auch wirklich beeindruckend klingt. An Extras gibt Video-Tagebücher von Mark Getiss und Danny Hargreaves (dem Special Effects Supervisor), Set-Rundgänge durch 221b und Johns Wohnung, sowie eine Featurette zum Drehbuch und dessen Umsetzung. Alles in allem nichts weltbewegendes, aber allemal interessante Informationsfetzen vor allem für Fans die nicht genug bekommen können.

Fazit

BBCs Sherlock findet mit seiner vierten Staffel einen würdigen und zumindest vorläufigen Abschluss. Während die einzelnen Episoden kleine Schwächen in der Erzählstruktur aufweisen, kann die Geschichte als Ganzes absolut überzeugen. Fans benötigen meine Empfehlung ohnehin nicht und werden hiermit ihre helle Freude haben. Allen anderen die komplexen Krimis mit einer gehörigen Portion Humor, Hirn und Emotion etwas abgewinnen können und die Baker Street 221b noch nicht besucht haben, sei dies hiermit wärmstens empfohlen. Allerdings nicht mit dieser Staffel, dafür baut sie viel zu sehr auf die Kenntnis und Bindung des Publikums zu ihren Charakteren auf. Bis auf den Titelsong, den man nach 2-3 Folgen nie wieder aus dem Kopf bekommt, spricht aber absolut nichts dagegen sich die ganze Reihe von Anfang an zu gönnen.

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