Sudden Strike geht in Runde 5! Der neueste Teil der klassischen Echtzeit-Taktik ist soeben für PC und Konsolen erschienen. Es spielt wieder im 2. Weltkrieg und lässt uns in der Kampagne 25 mehr oder weniger berühmte Schlachten nachspielen. Dazu gibt es natürlich Skirmish und Mehrspielermodi.
Die Sudden Strike-Reihe ist schon etwas älter. Der erste Teil war damals eine kleine Revolution im Design. Herausgekommen während der Hochzeit der Echtzeitstrategiespiele, hat bei Sudden Strike eine Mechanik schlichtweg gefehlt – der Basisbau. Eine verstorbene Einheit war tot – Ersatz gab es nicht. Beschädigte Fahrzeuge waren auch nicht so einfach zu reparieren – ihr habt also auf jeden einzelnen Mann/Panzer gut aufpassen müssen. Und der Tod kam schnell, weil ihr vom Computer gnadenlos dezimiert wurdet, sobald ihr in Sichtweite/Reichweite gekommen seid, auch wenn ihr selbst den Gegner gar nicht gesehen habt. Vor allem die Granatwerfer waren absolut tödlich – immer feuerbereit in Sekundenbruchteilen. Und die Scharfschützen. Ich habe mir damals das offizielle Lösungsbuch gekauft, um das Spiel zu erlernen… die Kombination aus Offizier (hohe Sichtweite) und Scharfschütze (hohe Reichweite) war sehr hilfreich. Sudden Strike hat das Genre der Echtzeit-Taktik populär gemacht. Im Kern also Echtzeitstrategie ohne Basisbau (und oft ohne Nachschub). Sudden Strike 2 war eine brauchbare Fortsetzung, bei Sudden Strike 3 ist jedoch viel schief gegangen. Erbärmliches Missionsdesign und massive technische Probleme hätten die Serie fast für immer begraben. Erst 2017 gab es eine Fortsetzung mit Sudden Strike 4 vom neuem (ungarischen) Entwickler Kite Games, und ich habe es geliebt. Rund 170 Stunden auf Steam machen es zu einem meiner Allzeitfavoriten – obwohl das Spiel alles andere als perfekt war.
Alle vier Teile (und die Spin-Offs) haben keinen Basisbau (und mehr oder weniger keinen Nachschub) beinhaltet. Das hat sich nun auch bei Sudden Strike 5, entwickelt wieder von Kite Games, nicht geändert. Trotzdem spielt es sich mehr wie ein klassisches Echtzeit-Strategiespiel als wie ein Echtzeit-Taktikspiel. Ihr könnt nämlich Einheiten nachkaufen. Nicht unendlich viele, aber auch gar nicht so wenige. Basisbau gibt es auch weiterhin nicht, aber es gibt meist ein Gebäude, in dem ihr (zb durch die Erfüllung einer Aufgabe) verdiente Prestige-Punkte gegen neue Einheiten eintauschen könnt. Soldaten, Panzer, Kanonen… nicht unbedingt alle Modelle und in riesiger Menge, aber genug, um dringenden Bedarf abzudecken.
Die aktuelle Konkurrenz ist recht überschaubar – Company of Heroes 3 spielt sich ein wenig anders und deutlich flotter (und kam bei der Kritik nur mäßig gut an), auch Steel Division: Normandy 44 kann man nur bedingt mit Sudden Strike 5 vergleichen. Blitzkrieg 3 war leider eine herbe Enttäuschung. Kurz – es gibt derzeit wenig neue Konkurrenz für Sudden Strike 5.

World War II
Sudden Strike 5 handelt im zweiten Weltkrieg. In drei Kampagnen spielt ihr ausgewählte Schlachten (zeitlich verteilt über den ganzen Krieg) auf Seiten der Achse, der Russen und der westlichen Alliierten. Bei den Deutschen startet ihr beispielsweise mit der Invasion von Kreta, kämpft dann um den Halfaya Pass in Nordafrika, vor Moskau, bis schließlich irgendwann die letzte Mission die Schlacht um Budapest ist (die Schlacht um Berlin gab es schon im Vorgänger). Ihr könnt auch die Ardennen-Offensive, die Schlacht um Monte Cassino, die Belagerung von Sevastopol oder die Vernichtung von 28 deutschen Divisionen in der Operation Bagration nachspielen. Einheiten nehmt ihr zwischen den Missionen nicht mit, aber ihr könnt euren General bzw. Kommandeur verbessern. Zu Beginn jeder Mission wählt ihr zwischen drei Generälen, die euch jeweils besondere Boni bringen und entweder Defensiv/Offensiv oder Taktisch unterstützen. Skirmish-Gefechte gegen/mit dem Computer/Freunden sind möglich (bis 4 Spieler/Bots). Dazu gibt es einen Online-Multiplayermodus.
Ihr müsst kein Fachmann bezüglich der verwendeten Waffen sein, aber ein wenig Basiswissen schadet nicht. Schickt einen Spähpanzer zum Angriff gegen einen schweren Kampfpanzer, und das endet nicht gut. Es gibt rund 300 unterschiedliche Einheiten, und zumindest grob solltet ihr schon wissen, wie ihr sie einsetzen könnt. Es gilt das Schere, Stein, Papier Prinzip – jede Einheit hat ihren Nutzen, aber auch ihre Achillesferse. Gefechte laufen in Echtzeit ab, aber können jederzeit pausiert werden. In der Pause können Befehle erteilt werden und die (meist recht große) Karte in Ruhe studiert werden. Ihr könnt generell recht weit herauszoomen, um den Überblick zu behalten, oder ganz nah ans Geschehen herangehen, um die tolle Grafik aus der Nähe zu bestaunen (oder eine verlorene Einheit zu finden). Die Karte ist auch in alle Richtungen drehbar. Im Laufe einer längeren Schlacht werdet ihr immer wieder einmal Einheiten irgendwo vergessen oder gar verlieren – aber dank Übersichtskarte lassen sich die in einem ruhigeren Moment durchaus wieder finden. Manche der Kämpfe sind durchaus überschaubar, andere Schlachten sind absoluter Wahnsinn – beispielsweise greifen tausende deutsche EInheiten Sevastopol an dutzenden Stellen gleichzeitig an, das auch von rund 1.000 Russen (zu einem großen Teil computergesteuert) verteidigt wird. Ihr selbst kontrolliert ein paar duzend Einheiten, aber auch einen Panzerzug, ein gigantisches Küstengeschütz und die russische Luftwaffe auf der riesigen Karte. Wer nicht stressresistent ist, kriegt dabei einen Herzinfarkt, zumindest ohne Benutzung der Spacetaste um das Chaos zu pausieren.
Bestimmte Gebäude bringen manchmal taktische Vorteile – ein Funkturm beispielsweise ermöglicht den Einsatz von Lufteinheiten. Flugzeuge (wenn verfügbar) werden mit Prestige-Punkten bestellt und erscheinen Sekunden später an der angeforderten Stelle – Aufklärer, Abfangjäger, taktische oder strategische Bomber, manchmal stehen auch Fallschirmjäger zur Verfügung. Wenn ihr nicht aufpasst, vernichten feindliche Bomber schnell wichtige Einheiten, die sich gerade nicht in eurem Blickfeld befinden. Hier hilft nur der gelegentliche Blick auf die Minikarte, das Achten auf entsprechende akustische Warnhinweise oder das Platzieren von Flugabwehrgeschützen. Ein Command Relay dient dazu, um neue Truppen heranzuführen – zerstört es, um den feindlichen Nachschub (kontinuierliche Spawns von nervenden Feindeinheiten) zu unterbrechen. Erobert ein Kommandoposten, und ihr bekommt Informationen über die Lage von Feindeinheiten.
Oft kämpft ihr auch mit verbündeten Truppen und bekommt nicht das Kommando über alle Einheiten an der Front. Während beispielsweise die Russen beim Kampf um die Krim eine starke Basis mit guter Fliegerabwehr im Startgebiet halten, so unterstützen uns die Italiener in Nordafrika. Leider sind die italienischen Panzer nur rollende Särge, aber die italienische Artillerie ist ganz brauchbar. Noch besser, wenn die italienischen Soldaten die Flucht antreten und wir das herumstehende schwere Gerät retten und selbst einsetzen können. Manchmal kämpfen auch Partisanen auf eurer Seite, die aber kampftechnisch noch wesentlich schwächer als die Italiener sind.

Mikromanagement
Um einen Krieg zu führen und vor allem zu gewinnen, benötigt ihr konstanten Nachschub. Um an Sudden Strike 5 Spaß zu haben, müsst ihr Mikromanagement mögen. Eure Einheiten benötigen Munition. Eure motorisierten Einheiten benötigen Treibstoff. Eure Einheiten können beschädigt werden und benötigen Reparaturen. Eure Soldaten können verletzt werden und benötigen einen Sanitäter. Kümmert ihr euch nicht um diese Details, kämpft eure Truppe auch sehr bald nicht mehr. Treibstofflager, Werkstätten, Vorratsdepots, Tanklastwagen, Abschlepp-Fahrzeuge, Sanitäter und natürlich Lastwagen, um Munition auch direkt an die Front zu bringen, müssen gemanagt werden. Viele der Kettenfahrzeuge fressen Treibstoff wie ein Alkoholiker, der in einen Schnapsladen eingebrochen ist. Es gibt nur wenige verschiedene Ressourcen – Treibstoff und Munition (passend für Gewehr bis zur schweren Feldhaubitze) bzw. Ersatzteile für Reparaturen jeder Art. Ressourcen können bei längeren Schlachten schnell einmal knapp werden, manchmal macht es Sinn, bestimmte Einheiten nicht einzusetzen. Auch Nachschubdepots sind schnell geleert. Ein großer Teil eures Nachschubs findet sich auch direkt auf der Karte. Manchmal stehen brauchbare Geräte in der Gegend, die nur beschlagnahmt werden müssen. Private Traktoren, feindliche oder eigene Waffen. Natürlich sind diese Fahrzeuge oft beschädigt, manchmal auch von den vorherigen Besitzern aufgegeben weil ohne Munition oder Treibstoff, aber das kann man ja wieder betriebsbereit machen. Wenn ihr beispielsweise eine feindliche Werkstatt überrennt, könnt ihr mit der Beute eine ganze neue Panzerdivision (im Kontext des Spieles…) aufstellen. Eine gute Taktik ist es, wenn ihr etwas abgelegene gegnerische Geschützstellungen mit einem Scharfschützen herrenlos macht, um euch dann die unbeschädigte und voll aufmunitionierte Kanone selbst einzunähen. Vermutlich kann nur mein Psychiater erklären, warum es mir unheimliche Freude bereitet, eine ganze Reihe von unbewaffneten Opel Blitz LKWs, Kübelwagen und diversen zivilen Fahrzeugen einzusammeln, in Stand zu setzen und in einer Reihe aufzustellen, aber man kann mit den Dingern Geschütze ziehen und seine Infanterie blitzschnell über die großen Karten verschieben. Vielleicht liegt diese Faszination mit den kleinen Soldaten und Fahrzeugen daran, dass mein Lieblingsspielzeug als Kind (damals gab es für Kinder nur den Atari VCS/Phillips G7000 oder ähnlich leistungsfähige Konsolen) die kleinen 1:72 Plastiksoldaten von AIRFIX waren…
Das Mikromanagement betrifft aber auch andere Bereiche. Beispielsweise benötigen eure Fahrzeuge eine Besatzung – manche mehr, manche bis zu fünf Mann. Mit Unterbesetzung leidet die Einsatzfähigkeit. Ausgebildete Panzerbesatzungen können mit den Dingen besser umgehen als beispielsweise ein Scharfschütze. Im Gegensatz zu Sudden Strike 4, wo ich oft Fahrzeuge mangels vorhandener Mannschaft gar nicht betreiben konnte, ist Sudden Strike 5 hier nicht so eingeschränkt – (zumindest irgendwelche) Soldaten habt ihr meistens genug. Neben den Fahrzeugen benötigen auch Kanonen eine Besatzung. Ihr könnt Infanterie in verschiedene Gebäude (auch Bunker und Schützengräben) schicken, wo sie bessere Sicht und höheren Schutz haben. Kanonen können von Zugfahrzeugen schnell bewegt werden – oder ihr lasst sie von der Besatzung schieben, aber das geht nur extrem langsam (oder bei manchen Geschützen gar nicht).
Das Schadenmodell der Fahrzeuge ist komplexer als die bloße Lebensenergie, aber nicht so unendlich komplex wie z.B. bei Spielen wie Soldiers: Heroes of World War II, wo fast jede Schraube einzeln kaputt gehen kann. In Sudden Strike 5 gibt es drei Systeme, die beschädigt werden können (Motor, Räder und Bewaffnung). Diese Schäden können von Reparaturfahrzeugen behoben werden. Zusätzlich hat jedes Fahrzeug eine Art Lebensleiste, die nur schwer repariert werden kann – unbewegliche Feldwerkstätten können bis zu 50% der Lebensleiste wieder in Stand setzen. Einheiten haben oft besondere Fähigkeiten. Manche Fahrzeuge können Rauchgranaten verschießen, manche Infanterie-Einheiten werfen Handgranaten oder Hohlladungen. Baut Pontonbrücken, vergrabt Minen. Schweres Gerät kann sich zur Verteidigung mit Sandsäcken umgeben, Soldaten können sich hinlegen. Besonders nett finde ich die Panzer – ihr könnt die Turmluke öffnen, um mehr zu sehen (und vom nächsten Scharfschützen eliminiert werden).
Schwierigkeitsgrad?
Gespeichert kann während der Missionen jederzeit – viel angenehmer als bei Broken Arrow! An wichtigen Stellen während der Missionen wird auch automatisch gespeichert. Ist save-scumming somit möglich? Ja, überhaupt kein Problem. Allerdings ist es, im Gegensatz zum gnadenlosen Terminator: Dark Fate – Defiance aber nicht dringend notwendig, weil einerseits eure Truppen nicht in die nächste Mission mitgenommen (oder eben: nicht mitgenommen) werden, und weil andererseits in den meisten Missionen ausreichend Ressourcen vorhanden sind und ihr die Missionsziele auch locker erreichen könnt, wenn ihr ein paar Verluste am Weg zum Sieg erleidet. Das Spiel bietet drei Schwierigkeitsstufen, falls ihr eine höhere/geringere Herausforderung sucht. Der Schwierigkeitsgrad der Missionen ist unterschiedlich, während manche eher locker zu bewältigen sind, sind andere durchaus heftig (ich habe am mittleren Schwierigkeitsgrad gespielt).
Die technischen Anforderungen an den PC sind XXX. Am Lenovo Legion Go S Handheld ist es beim Start abgestürzt. Ich habe es natürlich mit Maus und Tastatur gespielt, aber eine Gamepad Steuerung ist auch am PC implementiert. Cloudsaves werden unterstützt. 21:9 Auflösungen werden unterstützt, was extrem hilfreich ist, um einen besseren Überblick über das Kampfgeschehen zu haben. Neben dem PC auf Steam und im Epic Store gibt es Sudden Strike 5 auch für die PlayStation und Xbox.
Zusammenfassung
FAZIT
Meine persönliche Wertung für Sudden Strike 5 ist ganz klar 10/10. Es kommt dem perfekten Spiel, das ich mir aktuell wünsche, am nächsten. Für mich gibt es unter den weit über 100.000 Spielen auf Steam (und zusätzlich aus allen anderen möglichen Quellen) kein Spiel, das mich mehr interessiert und mir mehr Spaß macht. Sudden Strike 5 ist mein GOTY. Ganz objektiv gesehen ist Sudden Strike 5 aber natürlich nicht perfekt. Wenn ihr nicht gerade wie ich seit Ewigkeit auf ein vergleichsweise realistisches, aber dennoch gut spielbares historisches Echtzeitstrategiespiel gewartet habt, dann werden euch die rauen Ecken von Sudden Strike 5 sicher mehr stören als mich. Wenn ich also meine Fanbrille abnehme und versuchen muss, das Spiel ganz objektiv zu bewerten, dann kommt wohl eher eine 8/10 heraus. Tolles Spiel, aber mit Ecken und Kanten. Macht Spaß, wenn ihr ein klassisches Echtzeitstrategiespiel sucht und kein Problem mit, ähm, ein wenig Mikromanagement habt.
Sudden Strike 5 schaut ähnlich wie sein Vorgänger aus und spielt sich auch vergleichbar – die Grafik ist im Detail jedoch um einiges detaillierter, die Karten sind größer, die Anzahl der Einheiten ist höher. Die Ressourcenknappheit des Vorgängers ist durch die Möglichkeit des Erwerbes von neuen Einheiten deutlich reduziert worden. Wer aktuell ein klassisches Echtzeitstrategiespiel (ohne Basenbau, aber dennoch kein pures Echtzeit-Taktikspiel) im 2. Weltkrieg sucht, kommt wohl nicht an Sudden Strike 5 vorbei. Von der verschneiten Steppe Russlands über die ausgetrocknete Wüste Nordafrikas bis hin zur üppigen Vegetation der Ardennen – spannendere Echtzeitschlachten könnt ihr derzeit nirgends nachspielen. Für mich ist Sudden Strike 5 das aktuell mit Abstand beste im Zweiten Weltkrieg spielende Echtzeitstrategiespiel.
